Kamps Der tiefe Fall des großen Bäckers

Kamps fabulierte von den großartigen Möglichkeiten, die die Zusammenfassung des Industriegeschäfts und des Filialnetzes böten.
Von Petra Schlitt

Doch der Bäcker übersah etwas Wesentliches: Der massenweise Verkauf von Brötchen an Hausfrauen ist ein gänzlich anderes Geschäft als die Belieferung von Großkunden wie McDonald's oder Aldi mit Brot und Toastschnitten aus der Fabrik. Synergien? Fehlanzeige.

Damit nicht genug: Eine grenzüberschreitende Ausdehnung der in Deutschland eingeführten Wendeln-Marken (Golden Toast, Lieken Urkorn) - auch so ein Kamps'sches Hirngespinst - musste zwangsläufig an den Kaufgewohnheiten von Franzosen oder Holländern scheitern. Also wurde dieser Plan wieder eingerollt.

Spätestens jetzt hätte bei Kamps die Erkenntnis reifen müssen, dass seine Wachstumsstrategie an ihre Grenzen gestoßen war. Doch der Unternehmer, der vorher so viel richtig gemacht hatte, verschloss sich dieser Einsicht.

Nun beging er den zweiten großen Fehler: Besessen von dem Traum, Europas größter Bäcker zu werden, begann er einen Wettlauf mit den Barillas. Die Italiener hatten bereits die Knäckebrotfabrik Wasa vom Schweizer Novartis-Konzern gekauft; auch sie planten eine europäische Expansion ihres Backgeschäfts.

Obwohl Kamps die Akquisition von Wendeln noch längst nicht verarbeitet hatte, kaufte der Westfale ganz nebenbei die Brotfabrik Quality Bakers in den Niederlanden (Umsatz: 350 Millionen Mark). Anschließend übertrumpfte er die Widersacher aus Italien beim Bieterstreit um den französischen Industriebäcker Harry's (Umsatz: rund 900 Millionen Mark). Mindestens 700 Millionen Mark musste Kamps schätzungsweise für die beiden neuerlichen Großakquisitionen hinblättern.

Allmählich wurde die Luft dünn für den Großstrategen ("Wir sind mit Abstand Marktführer. Kein großer europäischer Konzern kommt an uns vorbei"). Erstmals musste er sich dem Druck der Betriebswirtschaft und der Börse beugen. Die Kamps-Aktie begann ihren Abstieg, die Erfolgsgeschichte war zu Ende.

Bei Wendeln legte Kamps Werke zusammen; er strich Produkte aus dem Sortiment, die keinen Gewinn einbrachten; und er machte etliche Filialen und Fabriken von zugekauften Brötchenketten dicht.

Ein Imperium auf Schulden erbaut

Die Mühe war nicht vergebens, aber die hoch gesteckten Ziele verfehlte der Düsseldorfer Backkonzern. Zwar wurde Kamps' Filialgeschäft in diesem Jahr deutlich profitabler; der Gewinn im Verhältnis zum Umsatz stieg von 8,3 auf 10,1 Prozent. Bei den Brotfabriken, die mittlerweile 82 Prozent des Geschäfts ausmachen, sank die Rendite, anders als geplant, hingegen von 8,2 auf 6,1 Prozent.

Kamps' eigentliches Problem ist, dass er sein Imperium auf Schulden baute. Von dem erwarteten Vorsteuer-Ergebnis (Ebit) in Höhe von 176 Millionen Mark (2001) muss er allein circa 100 Millionen Mark für Zinsen ausgeben. Schlimmer noch: Im Jahr 2003 können seine Gläubiger eine Wandelanleihe im Volumen von 1,29 Milliarden Mark fällig stellen. Kamps müsste umschulden, was gewiss steigende Zinszahlungen nach sich zöge.

Zudem hat er sich verpflichtet, im Herbst 2003 die restlichen Anteile an Harry's zu übernehmen. Je nach Ertragslage muss er mindestens 500 Millionen Mark für den Abschluss der Akquisition aufwenden, die zu Beginn des Jahres 2004 fällig werden.

Wie soll der Mann das alles packen?

Branchenkenner sehen bereits das Ende der Kamps'schen Selbstständigkeit nahen. Es sei denn, er verkauft sein Imperium in Teilen. Oder aber es taucht überraschend ein Investor auf. Andernfalls bleibt ihm nur, sich den Erzrivalen aus Italien zu fügen.

Von diesem Weg, der für ihn der Kapitulation gleichkäme, will Kamps bislang nichts wissen. Der ehemalige Wasserball-Bundesligaspieler kämpft. "Brot wird immer gegessen", hält der Bäcker unbeirrt an seiner Grunderkenntnis fest.

Guido, Paolo und Luca Barilla wissen, dass die Zeit für sie arbeitet. Sie warten schlicht auf den Moment, in dem Kamps keine Wahl mehr bleibt.

Die Brüder wollen ihr - ebenfalls viel zu teuer eingekauftes - Wasa-Geschäft bei der Kamps AG einbringen und im Gegenzug 25 Prozent der Düsseldorfer Firma ins Portfolio nehmen. Da Kamps selbst nach eigenen Angaben mittlerweile nur noch 6 Prozent besitzt, wären die Barillas dann größter Aktionär mit Sperrminorität.

Seinen Traum, Europas Mega-Bäckerei zu schaffen, hat der ehrgeizige Herr Kamps mittlerweile verwirklicht. Hinter der Ladentheke allerdings stehen vermutlich bald andere.

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