Kommentar Shareholder-Value ist nicht alles

Der Streik der Lufthansa-Piloten ist für die betroffenen Kunden ärgerlich - aber vor dem Hintergrund der Sparmaßnahmen in den letzten Jahren verständlich.

Die Herren in den schmucken Uniformen zeigen sich weiter kampfbereit: Spontane Warnstreiks seien jederzeit möglich, hieß es am Donnerstag-Abend. Das weckt Begehrlichkeiten, etwa beim Boden- und Kabinenpersonal, deren Vertreter jetzt Nachverhandlungen fordern. In einem international hart umkämpften Markt kann das die Airline ins Trudeln bringen. Viel schwerer wiegt allerdings der Image-Schaden, den das Unternehmen durch weitere Streiks erleiden könnte.

Wenn der Arbeitskampf der Elite-Flieger bei Kunden und Kollegen zum Teil auch auf wütende Proteste stößt - ganz unverständlich ist das jetzige Aufbegehren der Piloten nicht. Denn die hohen Gehaltsforderungen der Piloten sind letztlich eine heftige Reaktion auf den rigiden Sparkurs des Managements. Die Erfolge, die Vorstandschef Jürgen Weber in den vergangenen Jahren verbuchen konnte, bezahlten zu einem großen Teil die Beschäftigten.

Weber muss sich die Frage gefallen lassen, ob er hier nicht den Bogen überspannt und es an Einfühlungsvermögen hat fehlen lassen. Es war vorauszusehen, dass die Piloten nach Jahren des freiwilligen Verzichts auf Lohnzuwachs irgendwann ihre exponierte Stellung ausnützen würden. Schließlich verdienen die Kollegen bei der ausländischen Konkurrenz deutlich besser.

Die Piloten rufen mit ihrem Streik zugleich ins Bewusstsein, dass Share-Holder-Value nicht alles sein kann. Auch sie haben das Recht sich gegen Zumutungen zu wehren, nicht nur Passagiere und Aktionäre.

Lutz Reiche