Mittwoch, 29. Januar 2020

KPMG 100.000.000 Mark Strafe

Für ihr Versagen im Fall Flowtex werden die Wirtschaftsprüfer ordentlich zur Kasse gebeten.

Skandal-Unternehmen Flowtex
AP
Skandal-Unternehmen Flowtex

Freiburg - Im milliardenschweren Flowtex-Skandal zahlt die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG die Rekordsumme von 100 Millionen Mark an die Flowtex-Gläubiger. Darauf hätten sich KPMG und die im Flowtex-Pool zusammengeschlossenen 76 Leasinginstitute und Banken außergerichtlich geeinigt, teilte der Anwalt der Flowtex-Geschädigten am Mittwoch in Freiburg mit. Die Leasingfirmen und Banken werfen KPMG fehlerhafte Prüfung der Flowtex-Bilanzen 1997 und 1998 vor - was KPMG bestreitet.

Die Ettlinger Flowtex-Gruppe hatte laut Anklage der Mannheimer Staatsanwaltschaft Luftgeschäfte mit mehr als 3000 nicht existenten Bohrsystemen gemacht und einen tatsächlichen Gesamtschaden von knapp drei Milliarden Mark angerichtet. Der Fall gilt als größter Wirtschaftskrimi der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Der mit Abstand höchste Betrag

KPMG zahle den "mit Abstand höchsten Betrag", den eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft in Deutschland je bezahlt habe, hieß es in der Mitteilung der Kanzlei Bappert, Witz und Selbherr. "Das ist sicherlich ein Erfolg", sagte der Anwalt Christian Wolf. Die Vergleichssumme decke zwar nur einen kleinen Teil des Schadens von 1,9 Milliarden Mark, der den 76 Leasingfirmen und Banken entstanden sei.

KPMG hätte aber niemals den vollen Schaden ersetzen können und sich außerdem auf vertragliche und gesetzliche Haftungsbegrenzung berufen. Im Falle des Scheiterns der Verhandlungen hätten die Flowtex-Geschädigten Klage gegen KPMG eingereicht, sagte Wolf. "Ein Rechtsstreit hätte sich aber über viele Jahre hingezogen."

Keine Einsicht

Mit mehr als 100.000 Mitarbeitern in 155 Ländern und einem Jahresumsatz von 13,5 Milliarden Dollar (15,3 Milliarden Euro) ist KPMG eine der weltweit größten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Die deutsche KPMG (Berlin) betonte in einer Stellungnahme, die Prüfer des Unternehmens seien selber von Flowtex "mit außergewöhnlicher krimineller Energie" getäuscht worden. Die Staatsanwaltschaft zähle KPMG ebenfalls zu den Geschädigten.

Das Unternehmen hält nach eigenen Angaben die Ansprüche des Flowtex-Pools weiterhin für unbegründet: "Für KPMG gilt nach wie vor: Unsere Prüfungstätigkeit bei Flowtex war korrekt." KPMG habe sich jedoch zu dem Vergleich entschlossen, um eine langjährige juristische Auseinandersetzung zu vermeiden. Hinzu kam ein weiterer Faktor: Einige Mitglieder des Flowtex-Pools sind auch Kunden von KPMG. Die vielfältigen Geschäftsbeziehungen zu diesen Unternehmen habe KPMG nicht belasten wollen.

Ein Zivilprozess und ein Strafprozess stehen noch aus

Zumindest einen Zivilprozess in Sachen Flowtex wird es wohl trotzdem geben: Keine Einigung sei mit dem Wirtschaftsprüfer erzielt worden, der die Flowtex-Abschlüsse vor 1997 geprüft habe, teilten die Anwälte des Flowtex-Pools mit. Der Streit werde demnächst vor dem Landgericht Baden-Baden ausgetragen.

Ein Termin für den Strafprozess gegen die vier Flowtex- Hauptverdächtigen steht noch nicht fest. Das Landgericht Mannheim habe noch nicht über die Zulassung der Anklage entschieden, sagte ein Gerichtssprecher. Angeklagt sind die beiden ehemaligen Flowtex-Bosse Manfred Schmider und Klaus Kleiser, ihr früherer Finanzberater und eine Geschäftspartnerin. Daneben ermittelt die Mannheimer Staatsanwaltschaft noch gegen mehr als 20 weitere Verdächtige.


Kleingeist & Größenwahn - die Flowtex-Chronik

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