Dienstag, 19. November 2019

Industriebau Knotenpunkte als Orte des Aufenthalts

mm:* Welchen Beitrag leistet die Architektur, um das Kulturereignis "Autokauf in Dresden" herüberzubringen?

Henn:

Die Architektur definiert den Ort des Herstellens. Die hohe Transparenz im Fertigungs- und im Erlebnisbereich ermöglicht die Einbeziehung des Kunden und Besuchers. Alles ist sichtbar, nichts verborgen. Durch die Wertigkeit des Gebäudes und die besondere Lage am Rande der Dresdner Altstadt, nicht weit von Semperoper, Frauenkirche und Zwinger entfernt, wird die Unternehmenskultur nicht nur anschaulich, sondern sie muss sich auch im Bedeutungs- und Werteraum der Stadt Dresden behaupten.

mm: Eignet sich Architektur als Marketinginstrument?

Henn: Architektur ist per se dauerhaft und nachhaltig. Es liegt daher nahe, dass Architektur auch die Aufgabe haben kann, ihre Wertigkeit auf etwas kurzlebigere Produkte auszustrahlen.

mm: Der Industriebau als Gestalt gewordene USP?

Henn: Wir bauen keine Behauptungs- und Repräsentationsarchitektur, wir nennen unsere Arbeiten gelegentlich neuronale Architektur oder Prozessarchitektur. Bei uns ist das Gebäude nicht lediglich Fassadenbehauptung, sondern es unterstützt und fördert Abläufe des Forschens, des Entwickelns, des Kommunizierens, des Verkaufens. Es teilt sich durch seine Prozesse mit, ehe es sich ästhetisch durch seinen Baukörper und seine Fassade erklärt.

mm: Die Anlehnung an Biowissenschaften, die derzeit den Zeittakt für die Zukunft geben, ist beabsichtigt?

Henn: Wir gewinnen eine Menge Erkenntnisse, Ideen und Überzeugungen aus Gesprächen mit Neurologen, Biologen oder Philosophen. Wir laden sie zu Diskussionen ein und reden mit ihnen über unsere Projekte. Aus dem Wissen, wie etwa unser Gehirn funktioniert oder die Evolution abgelaufen ist, können wir viele Analogien für unsere Bauten herleiten.

mm: Was zum Beispiel?

Henn: Etwa aus dem Vergleich mit der Gehirnstruktur die Erkenntnis, dass wir in einem globalen Kommunikationsnetzwerk leben, in dem die Architekten die Aufgabe haben, die Knotenpunkte als Orte des Aufenthalts zu gestalten.

*Das Interview führte der Redakteur Klaus Ahrens.

Industriebau

Mitten im Elbflorenz hat Gunter Henn eine Luxuswerkstatt für VW errichtet, die "Gläserne Manufaktur". Der Architekt spricht über Sinn und Zweck der Anlage.

Interview-Teil 3: Die Identität des Bauherrn

Interview-Teil 4: Architektur in Zeiten des Internet

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