Siemens Das erste Stück eines riesigen Kuchens

Der Konzern hat einen "Jahrhunderauftrag" erhalten. Er soll ICE-3-Züge nach Spanien liefern.

Madrid/München - Das Riesengeschäft mit der spanischen Bahn sicherte sich Siemens gemeinsam mit dem spanischen Hersteller Talgo. Der französische Konkurrent Alstom ging beim Wettbewerb um den Bau der Züge für die Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Madrid und Barcelona leer aus.

Die spanische Staatsbahn RENFE entschied am Wochenende, dass Siemens und Talgo sich den Großauftrag im Gesamtwert von fast 124 Milliarden Pesetas (knapp 1,5 Milliarden Mark) zu je 50 Prozent teilen und jedes Unternehmen bis zum Jahr 2004 je 16 Züge herstellt.

Schnellste Bahnlinie der Welt

Das Vorhaben gilt als ein Meilenstein in der Geschichte der Eisenbahn. Die im Bau befindliche Strecke zwischen den beiden größten Städten Spaniens soll die erste der Welt sein, auf der kommerziell betriebene Züge eine Geschwindigkeit von 350 km/h erreichen. Sie wäre damit die schnellste Bahnlinie der Welt.

Siemens hatte sich mit dem ICE 3, dem Intercity Express der dritten Generation, beworben. Konzernchef Heinrich von Pierer sprach von einem "großen Tag" für Siemens und den ICE 3: "Wir sehen darin auch eine Bestätigung unserer internationalen Wettbewerbsfähigkeit und technologischen Spitzenposition in der Bahnindustrie."

Der Siemens-Bereich Transportation Systems (TS) erzielte im Geschäftsjahr 2000 (30.9.) mit weltweit 14.500 Mitarbeitern einen Umsatz von 4,0 Milliarden Euro. Der Gewinn vor Zinsen und Ertragssteuern (EBIT) betrug 85 Millionen Euro.

Auch Daimler-Chrysler-Tochter profitiert

Die spanische Talgo, die sich bisher auf den Waggonbau spezialisiert hatte, setzte auf einen völlig neu entwickelten Zug. Die Triebköpfe sollen von ADtranz, der Bahntochter von DaimlerChrysler, hergestellt werden.

Siemens und Talgo sollen nicht nur die Züge bauen, sondern auch die Wartung übernehmen. Die spanische Bahn will die Investition dadurch finanzieren, dass sie die beiden Hersteller an den erwarteten Gewinnen aus dem Betrieb der Strecke beteiligt.

RENFE plant weitere Großvorhaben

Der Auftrag galt auch deshalb als bedeutsam, weil die RENFE in den kommenden Jahren weitere Großvorhaben folgen lassen wird. Spanien ist nämlich zu einem Eldorado der Schnellbahnen geworden. Bis 2007 soll das Schnellbahn-Netz auf 7200 Kilometer ausgebaut werden. Dazu werden nach Angaben der Zeitung "El Pais" insgesamt 282 Züge im Gesamtwert von 650 Milliarden Pesetas (7,7 Milliarden Mark) benötigt. Der jetzige Superauftrag ist nur das erste Stück eines riesigen Kuchens.

Auch politische Erwägungen entschieden

Bei der Vergabe spielten nach praktisch übereinstimmender Ansicht der spanischen Pressekommentatoren auch politische Erwägungen eine Rolle. "Spanien ging es auch darum, die Regierungen seiner Verbündeten zufrieden zu stellen", schreibt das konservative Blatt "ABC" am Sonntag.

"Als Madrid entschied, die Waffenfabrik Santa Barbara an den US-Konzern General Dynamics zu verkaufen, war die Regierung von Bundeskanzler Gerhard Schröder sauer; denn der deutsche Bewerber Krauss Maffei ging leer aus. Nun stellte Spanien sowohl den US-Präsidenten George W. Bush wie auch Schröder zufrieden."

Alstom-Konzern der Verlierer

Der große Verlierer der Ausschreibung war der Alstom-Konzern, der mit seinem TGV-Zügen bereits die Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Madrid und Sevilla in Südspanien bedient. Aber vielleicht kommen die Franzosen, die in Spanien drei Werke mit 2200 Beschäftigen betreiben, schon bei den nächsten Ausschreibungen wieder zum Zuge.

Die RENFE hatte bei der Vergabe des jetzigen Auftrags verlangt, dass die Züge ganz oder größtenteils in Spanien gebaut werden. Außerdem machte die Bahn es zur Bedingung, dass die Züge die 635 Kilometer lange Strecke Madrid-Barcelona in maximal zweieinhalb Stunden zurücklegen. Von Barcelona soll die Trasse bis an die französische Grenze führen.