Herlitz Rettung für den "sinkenden Schleppkahn"

Eine Gruppe aus neun Banken übernimmt die Mehrheit beim angeschlagenen Bürowarenhersteller.

Berlin - Das Berliner Traditionsunternehmen, das seit Jahren um das Überleben kämpft, ist durch hohe Wertberichtigungen im vergangenen Jahr anders als geplant noch tiefer in die roten Zahlen gerutscht.

Jetzt sollen Kreditinstitute unter Führung der Deutschen Bank einsteigen, bei denen Herlitz hohe Kredite hat. Am Ende werde bei den jetzigen Aktionären noch ein Viertel der Aktien liegen, erläuterte Vorstandsvorsitzender Werner Eisenhardt am Donnerstag.

Die Börsen reagierten auf diese Mitteilung umgehend: Der Kurs des Bürowarenherstellers brach im Laufe des Tages um fast ein Drittel auf 5,6 Euro ein.

Bei gesunkenem Umsatz stieg der Herlitz-Konzernverlust im vergangenen Jahr um zwölf Prozent auf 101 Millionen Mark (51,6 Millionen Euro). Ursprünglich wollte das Unternehmen in 2000 das Minus auf zehn bis 20 Millionen Mark begrenzen.

"Viele Probleme absolut nicht gesehen"

Viele Probleme habe das neue Management bei seinem Start "absolut nicht gesehen", sagte Eisenhardt, der seit Januar 2000 an der Unternehmensspitze steht. So habe eine in Frankreich übernommene Tochter die Zahlen gefälscht und ein zweistelliges Millionen-Loch gerissen.

Auch die gestiegenen Papierpreise konnten nicht sofort an die Kunden weiter gegeben werden. Leerstände bei Immobilien kosteten mehr als 40 Millionen Mark. Das Vorgängermanagement habe "in einer Schieflage Minen gelegt, die man gar nicht beherrschen kann".

191 Millionen Mark Eigenkapital angestrebt

Um die Verluste zu decken, sollen die bisherigen Aktionäre auf einer außerordentlichen Hauptversammlung am 8. Mai einer Herabsetzung des Grundkapitals auf ein Sechstel, also gut 30 Millionen Mark, zustimmen.

Da diese Kapitalbasis aber nicht ausreicht, sollen die Banken eine Barkapitalerhöhung von 60 Millionen Mark zeichnen. Altkredite sollen zusätzlich über Optionsgenussrechte getilgt werden. Insgesamt käme Herlitz dann wieder auf ein 191 Millionen Mark Eigenkapital.

"Schleppkahn, der beinahe am Sinken war"

"Wir können durchaus sehr stolz und zufrieden sein, dass wir in unserem Bankenkreis diese Unterstützung und das Vertrauen gefunden haben", sagte Eisenhardt. Vorstandsmitglied Christian Supthut pflichtet ihm bei. Herlitz sei ein "Schleppkahn, der beinahe am Sinken war".

In der Bilanz 2000 stehen knapp 700 Millionen Mark allein an Bankverbindlichkeiten. Der Konzernumsatz sank im vergangenen Jahr leicht auf 957 Millionen Mark (489 Millionen Euro). Ursprünglich sollte er auf 1,1 Milliarden Mark gesteigert werden.

Jeder Interessent wird geprüft

Dass ein Investor den Banken ihre 75 Prozent beim derzeit niedrigen Aktienkurs abkaufen und damit Herlitz übernehmen könnte, sieht Eisenhardt eher als Chance. Der Vorstand werde jeden Interessenten ernsthaft prüfen. "Er muss aber strategische Verbesserungen mitbringen."

Bisher sind die meisten Herlitz-Aktien im Streubesitz. Der Anteil der Familie Herlitz wird sich nach dem neuen Konzept von jetzt rund 20 auf 5 Prozent reduzieren. Für die neuen Aktien zum Ausgabepreis von 4,3 Euro wird den Altaktionären ein Bezugsrecht eingeräumt.

Mit den Wertberichtigungen und der Kapitalerhöhung sei dann "durchaus eine Plattform erreicht, auf der man ordentlich arbeiten kann", sagt Eisenhardt. Er betont, dass Herlitz im eigentlichen Kerngeschäft Papier-, Büro- und Schreibwaren mit 22 Millionen Mark operativ Gewinne macht.

Sanierung in zwei Jahren beendet

In zwei Jahren soll die Sanierung von Herlitz endgültig beendet sein. Schwarze Zahlen soll es in einem bis anderthalb Jahren geben.

Noch in diesem Jahr soll die Beschäftigtenzahl auf unter 3000 sinken, das wäre ein Drittel weniger als Ende 1998. Neben dem drastischen Stellenabbau gehören Standortschließungen, eine Logistikkooperation und Vertriebspartnerschaften mit den Bürowaren- Herstellern Schwan-Stabilo, Staedtler und BIC zum Sanierungskonzept.

In drei bis vier Jahren soll es dann wieder aufwärts gehen: Dann will Herlitz eine Umsatzrendite von vier bis fünf Prozent erreichen.