Jens-Uwe Meyer

Kapitalgeber zögern, Bewertungen sinken Jetzt platzt die Start-up-Blase

Start-up-Guru Oliver Samwer: "We don´t accept that we can´t win"

Start-up-Guru Oliver Samwer: "We don´t accept that we can´t win"

Foto: Britta Pedersen/ picture alliance / dpa
Jens-Uwe Meyer

Dr. Jens-Uwe Meyer ist Vorstandsvorsitzender der Innolytics GmbH, Autor und internationaler Keynote Speaker. Mit 13 Büchern (u.a. "Digitale Gewinner", "Digitale Disruption") und mehr als 250 Artikeln zählt er zu den Vordenkern für Digitalisierung und Innovation in Europa.
www.jens-uwe-meyer.de 

Manchmal sind es kleine Zahlen, die Bände sprechen: Im ersten Halbjahr 2015 investierten Risikokapitalgeber noch fast 1,4 Milliarden Euro in deutsche E-Commerce Unternehmen. Im ersten Halbjahr 2016 sind es nur noch 144 Millionen Euro, nachzulesen im Startup-Barometer 2016 . Aua, so sieht Ernüchterung aus.

Weitere Beispiele: Im September wacht das Management von Home 24 auf und schaut routinemäßig auf den Wert des eigenen Unternehmens. Und hoppla: Es war plötzlich weniger als die Hälfte wert . Einfach so. Beim Einschlafen noch 1,1 Milliarden, beim Aufwachen 470 Millionen.

Unternehmertum als Show

Mit Returbo ist erstmals ein Start-up, das über Crowdinvesting mehr als 1 Million Euro eingesammelt hat, insolvent. Insolvenz. Dieses böse Wort assoziierte man bislang mit mittelständischen Betrieben, die in den Achtzigerjahren stehen geblieben sind. Mit alternden Chefs, die Facebook "FÄISBUCK" buchstabieren. Nicht mit Start-ups. Doch das ist vorbei.

Erinnern wir einmal an zwei Zitate von Oliver Samwer , dem Chef von Rocket Internet:

"We don't accept that we can't win."

"I want to own eyerything on the internet."

Gut, auch das hat sich inzwischen relativiert, wie im aktuellen manager magazin nachzulesen ist.

Der Start-up-Hype der vergangenen Monate war ein Heilsversprechen - ähnlich seriös wie die Wahlversprechen von Donald Trump. Pilgerscharen von Topmanagern suchten den Erfolg in Start-up-Beteiligungen, Gründer wurden gefeiert wie Boygroups in den Neunzigern. Unternehmertum als Show.

In der Höhle der Löwen  urteilt Finanzinvestor Carsten Maschmeyer über die Zukunftschancen junger Unternehmen. Nur als Randnotiz: Es ist der gleiche Carsten Maschmeyer, der vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestags  keine glückliche Figur gemacht hat und sich als "Geschädigter" eines der größten jüngsten Steuerskandale in Deutschland sieht. Richtig, es ist die gleiche Person. Kein Doppelgänger. Daran merkt man, welches Niveau der Start-up-Hype inzwischen erreicht hat.

Endlich bricht der Hype zusammen

Jetzt bricht der Hype zusammen - und das ist gut so. Für alle Beteiligten. Um es vorweg zu nehmen: Ich habe nichts gegen Start-ups, ich habe etwas gegen Hypes. Hypes sind so etwas wie die Verliebtheitsphase nach dem ersten Kennenlernen der Traumfrau beziehungsweise des Traummanns: Rosarote Brille, ein Zustand völliger Kritiklosigkeit, Hoffnung statt Fakten. Doch irgendwann beginnt der Traumpartner zu schnarchen und hat morgens schlechte Laune. So ist es auch mit Hypes: Hoffnung trifft auf Realität.

Jetzt endlich beginnt die Luft aus der Blase zu entweichen. Noch ganz langsam, aber mit zunehmender Geschwindigkeit. Der Blick für die Realität wird wieder frei.

Denn im Hype um die Start-ups haben traditionelle Unternehmen, Investoren und Start-up-Gründer gleichermaßen, drei wichtige Grundregeln vergessen.

Kunden gewinnen, nicht Investoren

1. Kunden gewinnen, nicht Investoren

In der Start-up-Szene ist gerade ein Wettbewerb ausgebrochen: Wer kriegt den fettesten Investor? 10 Millionen Euro Investment zählen mehr als 10.000 Euro Gewinn. Das mag an dieser Stelle etwas altmodisch klingen, aber ich mag echte Kunden. Echte Projekte. Echte Gewinne. Die Suche nach dem größten Investor hat wenig mit Unternehmertum zu tun. Es ist Zocken. So wie Aktienmärkte kurz vor dem Zusammenbruch einen Höhenflug erleben - befeuert von der Hoffnung der Anleger auf den Millionengewinn -, so ist es auch mit dem Start-up-Hype. Start-up Bewertungen erreichten Summen, die astronomisch waren. Doch Hypes sind keine Realität. Kurz vor dem Zusammenbruch des Neuen Markts 2001 titelten Deutschlands Boulevardblätter: "Kaufen, kaufen, kaufen!" Der Rest der Geschichte ist bekannt. Die T-Aktie wurde zum Symbol des Zusammenbruchs.

Die Fixierung auf Investments verstellt den Blick vieler Start-up-Gründer. Der nächste Pitch wird vorbereitet, strategische Investoren werden gesucht, der Businessplan aktualisiert. Stellen Sie sich vor, wie viel Zeit ein Start-up-Team für die Kundenakquise hätte, wenn es nicht von Pitching zu Pitching eilen, Hunderte Investorengespräche führen und Businesspläne aufpolieren müsste. Sie haben richtig gelesen: aufpolieren. Für Businesspläne gibt es inzwischen eine eigene Disziplin: Business Plan Tuning. So lange heiße Luft und Fantasieprognosen in einen Businessplan pumpen, bis sich die Zahlen verkaufen lassen. Natürlich immer fundiert mit Statistiken und Trendstudien. Kreative Tuning-Experten kriegen selbst das unsinnigste Geschäftsmodell auf dem Papier zum Fliegen.

Start-ups sind keine Frischzellenkur

2. Start-ups sind keine Frischzellenkur

Für Großkonzerne in der Innovationskrise sind ein Innovation Lab in Berlin, ein eigenes Gründerprogramm oder die Beteiligung an innovativen Start-ups so etwas wie ein Quick Fix. Make or buy? Kaufen ist einfacher. Wenn wir es selbst nicht können, kaufen wir Innovation eben ein. Doch das ist ungesund. Denn Unternehmen vergessen, in ihre eigene Innovationsfähigkeit zu investieren.

Fotostrecke

Chef-Outfit: "Casual" statt Anzug und Schlips

Foto: Matthias Balk/ dpa

Statt harte Arbeit an eigenen Innovationen, statt Auflösung der starren Strukturen schicke Fototermine in der Start-up-Szene. Für mich die Bildstrecke des Jahres: Konzernlenker ohne Schlips. Boah, was sind wir innovativ! Gestern noch knallharte Manager, heute schon fast Start-up-CEOs. Jungs, locker bleiben. Macht die Schlipse wieder dran. Fehlende Krawatte macht noch keine Innovation. Während sich Dieter Zetsche ohne Schlips zeigt, treffe ich den Geschäftsführer eines der größten Daimler-Autohäuser Deutschlands, der sich kopfschüttelnd darüber wundert, dass in der coolen neuen Welt des Automobilkonzerns tonnenweise Aktenberge aus Papier durch die Gegend geschoben werden.

Start-ups sind das homöopathische Wundermittel des Innovationsmanagements. Wenig tun, auf die Kreativität anderer setzen, mühelos gewinnen. Das ist so ähnlich wie schlank werden mit der Pizza-Diät. Dabei würden die meisten Großkonzerne im Pitch selber durchfallen. Digitale Disruption, die ich in meinem neuen Buch  beschreibe, lässt sich nicht mit ein paar schicken Fototerminen managen. Traditionelle Unternehmen müssen sich teilweise von Grund auf neu erfinden. Führungskräfte müssen Ihr Verständnis radikal wandeln: Weg vom Manager des Bestehenden, hin zum Erfinder des Neuen.

Die Innovationskraft gerät aus dem Blick

3. Die Innovationskraft gerät aus dem Fokus

Während Maschmeyer & Co. im Fernsehen ihre Gründershow abhalten und während Konzernmanager von einem Pitching zum nächsten reisen, geschieht etwas, das kaum jemand bemerkt: Kleine und mittelständische Unternehmen entwickeln innovative - zum Teil disruptive - Geschäftsmodelle. Ohne Tamtam, dafür mit echten Kunden und echtem Umsatz. Auch wenn es in Studien immer wieder heißt, der Mittelstand drohe den Anschluss zu verlieren : Kleine und mittelständische Unternehmen investieren viel mehr als in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird.

Die Reihenhäuser von Baustolz  lassen sich heute bereits problemlos am PC konfigurieren, die Messe München testet mit der Ispo Open Innovation Community  digitale Geschäftsmodelle für das Messegeschäft der Zukunft, Messeprojekt Leipzig  entwickelt eine digitale Lösung, mit der sich der Aufbau von Messeständen live verfolgen und per App managen lässt, die Tischlerei Eigenstetter  aus Rehna in Mecklenburg-Vorpommern experimentiert mit Roboterfräsen. Die Liste ließe sich beliebig erweitern.

Kleinen und mittelständischen Unternehmen fehlt möglicherweise der Start-up-Spirit. Die Inhaber haben graue Haare und Bauchansatz. Und die Mitarbeiter taugen nur bedingt für das Coverfoto eines Boygroup-Kalenders. Aber sie wissen, wie man Kunden anspricht und bindet. Wie man Geld verdient. Und wie man Unternehmen langfristig führt.

Es ist Zeit, sich an eine alte Grundregel zu erinnern: Ein Unternehmen mit null Gewinn ist auf Dauer null wert. Egal wie hoch die Bewertung von Investoren vorher war. Egal wie oft die Presse über das neue Super-Start-up berichtet hat. Und egal wie oft das Gründerteam als Musterbeispiel vorgezeigt wurde. Wo nichts ist, da ist nichts.

Jens-Uwe Meyer ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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