Verzögerte Steuererklärung Sechs Prozent Zinsen von der Schäuble-Bank

Die Steuererklärung wird fällig - aber nicht für alle: Jene, die sie freiwillig abgeben, sollten lieber warten. Das spart jetzt Arbeit und bringt später Zinsen.
Geld zurück bei der Einkommensteuererklärung

Geld zurück bei der Einkommensteuererklärung

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Normalerweise finden Sie an dieser Stelle im Mai eine Aufforderung, schnell noch Ihre Steuererklärung einzureichen. Fast zwölf Millionen Steuerpflichtige bekommen Jahr für Jahr zu viel gezahlte Steuern vom Staat zurück, im Schnitt rund 900 Euro. Die Finanzverwaltungen müssen dafür inzwischen einen zweistelligen Milliardenbetrag im Haushalt zurückstellen.

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Ein Teil der Steuerpflichtigen, die Geld zurückbekommen, sollte aber noch warten. Nämlich alle, die keine Steuererklärung abgeben müssen und doch einigermaßen sicher sind, dass sie viel Geld vom Fiskus zurückerstattet bekommen. Diese Steuerzahler können die Staatsschatulle nämlich als ihre ganz private Bank benutzen. Eine Bank, die nach 15 Monaten Wartezeit satte sechs Prozent Zinsen im Jahr zahlt, monatlich 0,5 Prozent. Bei welcher Bank gibt es solche Zinsen heute schon noch? Üblich sind 0,01 Prozent im Jahr.

Sechs Prozent Zinsen, Sie werden sagen, das ist doch komplett ersponnen! Ist es nicht. Für alle, die zum Beispiel 2014 deutlich zu viele Steuern gezahlt haben, klingelt seit vergangenem Monat die Kasse. Wer 2015 zu viele Steuern gezahlt hat, der darf sich ab April 2017 über Zinsen freuen.

Ein Beispiel für die aktuelle Steuererklärung 2015: Der gesetzlich versicherte Single verdiente gut, 70.000 Euro im Jahr. Doch 2015 musste er sein Gebiss sanieren, zwei Implantate kosteten rund 6000 Euro. Außerdem hat er für 12.000 Euro sein Bad neu gemacht, 6000 Euro davon kann er als Handwerkerkosten geltend machen. 1215 Euro im Jahr kann er als Entfernungspauschale für den Weg zur Arbeit ansetzen. Und schließlich bezahlt er der Putzkraft und der Gartenhilfe jeden Monat insgesamt 200 Euro. Insgesamt sollte er deshalb 1060 Euro von der Steuer zurückbekommen.

Unser Steuerpflichtiger muss aber wie mehr als acht Millionen andere Steuerpflichtige keine Steuererklärung machen. Der Staat erwartet sich von einer solchen Steuererklärung keine zusätzlichen Einnahmen und verzichtet gern darauf, dass der Bürger freiwillig eine Erklärung abgibt und auf diese Weise Geld zurückverlangt.

Weil der Staat gar nicht darauf erpicht ist, kann sich der Steuerzahler für seine Steuererklärung 2015 sogar bis Ende 2019 Zeit lassen. Ab April 2017 kann er auf seine Steuererstattung zusätzlich für jeden Monat 0,5 Prozent Zinsen  vom Finanzamt kassieren.

Nehmen wir an, unser Steuerzahler aus dem Beispiel wartet bis zum letzten Moment mit der Abgabe und erhält deshalb erst im Mai 2020 eine Steuerrückerstattung von 1060 Euro, also 53 Monate nach Ablauf des Jahres 2015. Für die ersten 15 Monate gibt es keine Zinsen, für die restlichen 38 Monate schon: Also 38 mal 0,5 Prozent von 1060 Euro. Macht 201,40 Euro.

Allerdings muss der Steuerpflichtige die Schäuble-Zinsen wieder als Kapitaleinkünfte im Jahr 2020 versteuern. Fällig werden 25 Prozent Abgeltungssteuer plus Solidaritätszuschlag darauf, macht zusammen 26,4 Prozent. Wir gehen mal davon aus, dass keine Kirchensteuer anfällt. Nach Steuer verbleiben somit fast genau 148,23 Euro.

Wer mehr zurückerwartet, profitiert stärker

Warum machen wir das dann nicht alle, fragt man sich unwillkürlich. Kurze Antwort: Weil wir die Möglichkeit nicht kennen, weil wir wichtige Voraussetzungen nicht erfüllen oder weil die Rechnung für uns so gar nicht aufgeht. Das sind die relevanten Punkte:

  • Die meisten Steuerzahler kennen die entsprechende Regelung der Abgabenordnung  nicht. Und auch Steuerberater oder Lohnsteuerhilfevereine machen nicht unbedingt offensiv auf die Möglichkeit aufmerksam, die eigene Steuererklärung hinauszuzögern und so zusätzliche Zinsen von Vater Staat zu erhalten.
  • Um von der Verzögerungstaktik spürbar zu profitieren, muss die Steuererklärung freiwillig sein. Doch wer 2015 zum Beispiel mindestens 410 Euro an Einkünften ohne Lohnsteuerabzug hatte, so beispielsweise auch Lohnersatzleistungen wie Arbeitslosen -, Eltern - oder Kurzarbeitergeld, als Ehepaar oder eingetragene Lebenspartnerschaft die Steuerklassenkombination III/V oder IV mit Faktor gewählt hat, beim Steuerabzug von einem eingetragenen Freibetrag profitiert hat oder seine Abfindung steuerlich auf fünf Jahre verteilt bekommt, muss eigentlich bis Ende Mai seine Steuererklärung abgeben  (s.o.). Da gibt es nur wenig Spielraum für Verzögerungen.
  • Die einzige profitable Verzögerung, die sich für die ergibt, die eine Steuererklärung abgeben müssen, ist ein jahrelanger Streit mit dem Finanzamt um einzelne Rückzahlungen - aber nur wenn man am Ende siegt. Dann gibt es Geld zurück und Zinsen obendrauf.
  • Die schöne staatliche Verzinsung für zu viel gezahlte Abgaben ist natürlich nur attraktiv, wenn man nicht gleichzeitig mit tausend oder zweitausend Euro im Dispo steht.

Geben Sie Ihre Steuererklärung freiwillig ab. Dann prüfen Sie doch am Wochenende mal ihre Chancen  auf ein gut verzinstes Konto bei der Schäuble-Bank.