Interviews als Unternehmens-Risiko Wie sich der Kommunikations-GAU verhindern lässt

"Sprache ist die Wirklichkeit des Denkens", sagte der Philosoph Ludwig Wittgenstein einmal. Recht hatte er. Ob den VW-Verantwortlichen das beim verunglückten Interview ihres Vorstandschefs Matthias Müller auch in den Sinn gekommen ist? Der Patzer könnte das Unternehmen teuer zu stehen kommen - und zeigt einmal mehr, wie eng Recht und Kommunikation beieinanderliegen. Wer eins ohne das andere denkt, begeht einen schlimmen Fehler.
Von Martin Wohlrabe
Foto: DPA

Der Aufschrei war gewaltig: "Zieht er seinen Kopf mithilfe cleverer Anwälte doch noch aus der Schlinge?", fragte eine Berliner Boulevardzeitung aufgeregt. Wir schreiben das Jahr 2008, Klaus Zumwinkel ist gerade festgenommen worden. Deutschland debattiert über seine bis dato größte Steueraffäre, für den Ex-Postchef steht alles auf dem Spiel: seine Freiheit, sein Vermögen, sein Ruf.

Was jetzt passiert, zeigt, wie gefährlich es werden kann, wenn Juristen die öffentliche Wirkung ihrer Worte falsch einschätzen. Zumwinkels Anwälte blasen zum Gegenangriff. Sie behaupten, die Steuer-CD sei strafrechtlich nicht verwertbar - sie sei gestohlen, der ankaufende Staat ein Hehler. Juristisch nachvollziehbar, kommunikativ der Gau. Die Folge: Ein Sturm der Entrüstung zieht durchs Land, die Zeitungen schießen sich auf Zumwinkel ein: "Lange scheint sich der Ex-Postchef mit Gewissensbissen nicht aufzuhalten."

Martin Wohlrabe
Foto: Consilium Rechtskommunikation

Martin Wohlrabe ist Rechtsanwalt und Geschäftsführer von CONSILIUM Rechts-kommunikation. Die Gesellschaft berät bei allen kommunikativen Herausforderungen im juristischen Umfeld. Wohlrabe arbeitete zuvor viele Jahre als Journalist und im Bundestag. Er ist Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft "Kanzleimanagement" des Deutschen Anwaltsvereins. www.consilium-rechtskommunikation.de 

Die Wirkung der Steueraffäre in der Öffentlichkeit ist jetzt noch fataler als ohnehin schon: Da steht einer im Dienst eines Unternehmens, an dem der Staat erhebliche Anteile besitzt, betrügt diesen um Millionen - und versucht sich dann noch, sich mit windigen Argumenten aus der Affäre zu ziehen. Selbst wenn Zumwinkel juristisch davon gekommen wäre, sein Ruf ist spätestens ab diesem Zeitpunkt endgültig ruiniert.

So kann es gehen, wenn die öffentliche Wirkung juristischer Argumente falsch kalkuliert wird. Gefahren werden unterschätzt, Schlüsse fehlerhaft gezogen und die Krise dadurch häufig noch verschlimmert. Die Lösung in solchen Ausnahmesituationen: ein Team aus Juristen und Kommunikationsexperten, die einander auf Augenhöhe begegnen.

Nur gemeinsam können sie derart komplexe Herausforderungen bewältigen. Unbedingt notwendig dabei ist, dass die Kommunikatoren einen belastbaren juristischen Background besitzen. Denn auch andersherum kann viel Unglück geschehen - dann nämlich, wenn Medienberater das Juristische sträflich außer Acht lassen.

Wie ein Schrempp-Interview Kirk Kerkorian zur Klage ermunterte

Das bekannteste Beispiel hierfür ist Rolf Breuers legendäres Interview kurz vor dem Zusammenbruch der Kirch-Gruppe. Das Gespräch des damaligen Deutsche-Bank-Chefs mit der Nachrichtenagentur Bloomberg kostete das Institut am Ende fast 1 Milliarde Euro und führte zu Strafverfahren gegen mehrere Vorstände.

Ein ähnlicher Kommunikations-Gau wäre um ein Haar auch das Interview von Daimler-Boss Jürgen Schrempp im Jahr 2000 mit der "Financial Times" geworden. Darin hatte Schrempp angedeutet, dass der Zusammenschluss von Daimler und Chrysler aus "psychologischen Gründen" als Fusion unter Gleichen deklariert worden sei - tatsächlich aber eine Übernahme war.

Das Interview veranlasste Ex-Chrysler-Großaktionär Kirk Kerkorian, Daimler zu verklagen. Seine Forderung: 8 Milliarden Dollar Schadenersatz. Kerkorian verlor den Prozess. Sicher war dieser Ausgang nicht.

Besonders in den USA stehen bei unbedachten Äußerungen führender Manager schnell Millionen- oder gar Milliardensummen auf dem Spiel. Eine Erfahrung, die nun VW-Chef Müller machen muss. Auch wenn noch nicht absehbar ist, was seine Aussagen ("Wir haben nicht gelogen") am Ende juristisch bedeuten - sicher ist bereits jetzt: Staatsanwälte, Behörden und Sammelkläger werden versuchen, ihren Vorteil aus den Worten des VW-Bosses zu ziehen. Ihr Ziel: den Gerichten zu zeigen, wie Volkswagen vermeintlich wirklich tickt. Dafür sind Müllers Sätze wie ein Elfmeter ohne Torwart. Wahrlich kein Spaß für einen globalen Konzern, wenn Schadenersatzsummen in Milliardenhöhe auf dem Spiel stehen und die Äußerungen des Chefs ihren Weg bis in die "New York Times" finden.

Drei Regeln, wie man das Schlimmste verhindert

Gerade durch die Echtzeitkommunikation in sozialen Netzwerken und Onlinemedien ist es Jahre nach Zumwinkel, Breuer und Schrempp wichtiger denn je, dass Juristen und Kommunikationsberater enger als bisher zusammenarbeiten. In der Krisenkommunikation gilt es, einige wenige, aber wichtige Punkte zu beachten.

  • Regel Nummer 1: Es gilt die alte Weisheit, die Dinge vom Ende her zu denken. Es bringt wenig, wenn der nächste juristische Schritt zwar logisch erscheint, aber dem Ruf des Hauses langfristig massiv schadet. Die Kosten von Reputationsschäden übersteigen Schadenersatzsummen teilweise um ein Vielfaches.
  • Regel Nummer 2: CEOs müssen in der Krise bei laufenden Rechtsstreitigkeiten von ihren Mitarbeitern verlangen, die Wahrheit ungeschönt auf den Tisch zu legen. Häufig nicht leicht für beide Seiten, aber ein Muss. Die Alternative: Das Unternehmen zieht externe Berater zu Rate, die dem Chef nicht nach dem Munde reden (müssen), sondern Schwierigkeiten ungeschminkt ansprechen können.
  • Die dritte und wichtigste Regel: das Vier-Augen-Prinzip. Öffentlichkeitswirksame Aussagen sollten immer von einem Juristen und einem Kommunikationsexperten zusammen beurteilt werden, bevor sie nach außen gehen. Denn alle Krisen in der Rechtskommunikation besitzen eine Gemeinsamkeit - eine der beiden Seiten hat geschlafen oder war schlicht nicht involviert. Hier geht es also darum, Rechts- und Kommunikationsabteilung gleichermaßen in die Verantwortung zu nehmen. Das Vier-Augen-Prinzip kann dabei nur funktionieren, wenn sich beide Seiten als Team verstehen. Börsennotierte Unternehmen sollten in akuten Krisen zudem ein Mitglied der Investor-Relations-Abteilung hinzuziehen, bei Problemen mit einem bestimmten Produkt sollte ein Kollege aus der betroffenen Fachgruppe dabei sein, bei staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen ein Mitglied der Compliance-Abteilung. Und über allem muss der Team-Gedanke thronen. Bis heute ist eine vorurteilsfreie Zusammenarbeit verschiedener Abteilungen viel zu selten: Für Juristen sind PR-Experten meist vorschnell und oberflächlich, Kommunikatoren halten Juristen dagegen für Umstandskrämer und ewige Bedenkenträger.

Wer Recht hat? Es ist wie so häufig im Leben: Die Wahrheit liegt in der Mitte. PR-Strategen machen sich bei der Vorbereitung von Statements immer noch zu selten Gedanken über gewährleistungsrechtliche Fragen, aktienkursrelevante Infos oder behördliche Notifikationspflichten. Anwälten fehlt zu oft der letzte Wille, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, wie die öffentliche Wirkung ihrer Mandatstaktik sein könnte. Etliche Führungskräfte, die nach einem Prozess keinen Anschlussjob mehr finden, können davon ein Lied singen.

Ausreichend Gründe also für alle Seiten, sich besser aufeinander einzustellen. Sonst schreiben die Boulevardzeitungen beim nächsten Mal wieder, die Anwälte würden "daran basteln, ihren Mandanten rauszupauken".

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