DaimlerChrysler Chronik einer schwierigen Fusion

Eine Fusion unter Gleichen sollte der Zusammenschluss werden. Zwei Jahre nach der transatlantischen Megahochzeit scheint klar: Daimler-Benz hat Chrysler geschluckt.

7. Mai 1998:

An einem Donnerstag überraschen die Vorstände von Daimler-Benz und Chrysler die Weltöffentlichkeit mit der Nachricht, dass sie ihre zwei Unternehmen zum Konzern DaimlerChrysler  fusionieren wollen. Der Fusionsvertrag wird im Londoner Nobelhotel Dorchester unterschrieben. Beide Firmen erwarten Einsparungen in Milliardenhöhe.

Die Finanzmärkte nehmen die Nachricht sehr positiv auf. Die Daimler-Aktie notiert zeitweise um bis zu 12 Prozent höher als am Mittwoch und schließt bei 205,10 Mark. Die Anteilscheine von Chrysler, die bereits am Vortag 18 Prozent zugelegt hatten, steigen um weitere 7,5 Prozent.

Die neue Gesellschaft wird rund 430.000 Mitarbeiter haben und für das aktuelle Geschäftsjahr laut Prognose einen Jahres-Umsatz von rund 260 Milliarden Mark (132,94 Milliarden Euro) ausweisen. Mit einem Transaktionsvolumen von 92 Milliarden Dollar ist das geplante Vorhaben die bis dahin größte Industriefusion der Wirtschaftsgeschichte.

Die gesellschaftsrechtlichen Voraussetzungen für die geplante Fusion mit Chrysler hatte der Daimler-Konzern schon 1993 geschaffen, indem er so genannte ADRs (American Depositary Receipts) an der New Yorker Börse platzierte und erstmals eine Bilanz nach US-GAAP erstellte. Damit eröffnete man sich die Möglichkeit für ein "Pooling-of-Interests", was unter anderem den Vorteil bietet, dass die Aktiva und Passiva von zwei Aktiengesellschaften zu ihren Buchwerten in einer Bilanz zusammengefaßt werden können, ohne dass ein zusätzlicher Goodwill bilanziert werden muss.

31. Juli 1998: Die amerikanischen Kartellbehörden in Washington genehmigen wie zuvor auch die EU-Kommission die Fusion der beiden Autoriesen.

18. September 1998: Die Anteilseigner beider Unternehmen stimmen in getrennten Hauptversammlungen der Fusion zu.

12. November 1998: Mit der Eintragung der Kapitalerhöhung im Handelsregister vollziehen Daimler und Chrysler ihren Zusammenschluss.

17. November 1998: Der neue Autoriese DaimlerChrysler nimmt nach sechsmonatiger Vorbereitung offiziell seine Arbeit auf. Die Aktie wird erstmals weltweit unter dem Ticker-Symbol DCX an den Börsen gehandelt.

29. Juli 1999: Nach der Halbjahres-Pressekonferenz in New York fällt die Aktie um 6,6 Prozent - die Talfahrt des Wertpapiers beginnt.

24. September 1999: Der Konzern verkleinert seinen Vorstand von 17 auf 14 Mitglieder. Aus der Konzernspitze scheiden einige deutsche und amerikanische Topmanager aus. Das Geschäftsfeld Chrysler/Plymouth/Jeep/Dodge übernimmt der Amerikaner James Holden.

Das verhängnisvolle Interview

1. November 1999: In einem Interview beansprucht Holden die Gleichstellung beider Konzerne, wobei Chrysler seine Selbstständigkeit behalten will.

10. Januar 2000: Zusammen mit der Kleinwagenmarke Smart verkauft Mercedes-Benz 1999 erstmals in seiner Geschichte mehr als eine Million Autos.

26. Januar 2000: Robert Eaton - wie Jürgen Schrempp Vorstandschef von DaimlerChrysler - gibt sein Ausscheiden zum 31.März bekannt. Schrempp wird vom 1. April an alleiniger Chef.

27. März 2000: Für rund vier Milliarden Mark steigt DaimlerChrysler mit 34 Prozent beim japanischen Autohersteller Mitsubishi Motors ein.

26. Juni 2000: DaimlerChrysler erwirbt für 428 Millionen Dollar zehn Prozent der Hyundai Motor Company.

19. Juli 2000: Der kanadische Lastwagen- und Bus-Produzent Western Star Trucks Holding wird von DaimlerChrysler aufgekauft.

20. Juli 2000: DaimlerChrysler baut mit milliardenschweren Zukäufen seine Stellung auf dem US-Nutzfahrzeug- und Motorenmarkt weiter aus.

26. Juli 2000: Der Konzern legt in seinem Ergebnis für das zweite Quartal im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 18 Prozent auf 1,7 Milliarden Euro zu.

4. August 2000: Mit dem Verkauf der verlustreichen Bahntechniktochter Adtranz an Bombardier konzentriert sich DaimlerChrysler endgültig auf das weltweite Fahrzeuggeschäft.

26. Oktober 2000: Die US-Sparte des DaimlerChrysler-Konzerns  meldet fürs dritte Quartal rote Zahlen. Das Minus beträgt 600 Millionen Euro.

30. Oktober 2000: Jürgen Schrempp sorgt mit einer offenbar unbedachten Äußerung in einem Interview für erhebliche Diskussionen. Der "Financial Times" sagt der Vorstandsvorsitzende, dass er die Fusion beider Autokonzerne nie als Zusammenschluss unter Gleichen geplant habe.

Wörtlich heißt es in dem Artikel der Redakteure Tim Burt and Richard Lambert: "... he admitted that Chrysler had been relegated to a standalone division. Far from being 'a merger of equals', as originally conceived, the deal has emerged as just one deal among several from the 'executive war-room' of Daimler's Stuttgart headquarters."

Weiter ist zu lesen: "Now that most of Chrysler's old management board has resigned or retired, Mr Schrempp sees no reason to maintain the fiction. 'Me being a chess player, I don't normally talk about the second or third move. The structure we have now with Chrysler (as a standalone division) was always the structure I wanted,' he says. 'We had to go a roundabout way but it had to be done for psychological reasons.'"

Kerkorian reicht Klage ein

17. November 2000: Mit einem Führungswechsel in der US-Sparte will der Autobauer Probleme bei Chrysler in den Griff bekommen. Chrysler-Chef Holden wird abgelöst und vom Nutzfahrzeugvorstand Dieter Zetsche ersetzt. Außerdem wird bei Chrysler die Stelle eines Chief Operating Officer (COO) geschaffen. Den Posten übernimmt Wolfgang Bernhard.

20. November 2000: Drei weitere Topmanager verlassen die Führung des US-Autobauers.

27. November 2000: Der US-Milliardär Kirk Kerkorian reicht eine Klage über neun Milliarden Dollar gegen DaimlerChrysler  ein. Der drittgrößte Einzelaktionär wirft darin Schrempp vor, die Aktionäre belogen zu haben. Der zuständige Richter will Ende 2003 entscheiden, ob ein Prozess stattfindet.

26. Februar 2001: Schrempp erklärt in Stuttgart, dass DaimlerChrysler durch die teure Sanierung bei Chrysler und Mitsubishi in die roten Zahlen rutschen wird. Er sagt, dass sich die Fusion von Daimler-Benz und Chrysler anders als geplant entwickelt habe. Auch die Lkw-Sparte steckt in der Krise, vor allem die US-Tochter Freightliner.

27. März 2002: Der DaimlerChrysler-Manager Rolf Eckrodt wird neuer Präsident des japanischen Partners Mitsubishi Motors. Damit rückt erstmals ein Deutscher an die Spitze eines japanischen Großkonzerns.

31. Januar 2003: DaimlerChrysler verjüngt und verkleinert seinen Vorstand. Ab Dezember werden 11 Vorstände den Autokonzern lenken - darunter nur noch ein Amerikaner.