US-Wahl Al Gore gerät unter Druck

Der demokratische Kandidat für das Amt des US-Präsidenten gerät in die Mediendefensive. Er muss sich rechtfertigen, warum er seine Niederlage gegen George W. Bush nicht eingestehen und weiter kämpfen will.

Washington - Nach drei Wochen voller Ungewissheit werden die Amerikaner nämlich allmählich ungeduldig. Vizepräsident Al Gore, der gerne seinen Chef Bill Clinton beerben würde, hat zunehmend Schwierigkeiten, die öffentliche Meinung von der Rechtmäßigkeit seines Anliegens zu überzeugen.

Gore befindet sich in der Defensive, während der republikanische Präsidentschaftskandidat George W. Bush bereits nach den Schlüsseln des Weißen Hauses greift und mit der Zusammenstellung seiner Regierung beginnt. Die Zeit arbeitet gegen Gore. "Ich denke, es steht außer Frage, dass er einen harten Kampf führt", sagt Leon Panetta, Clintons ehemaliger Staatschef im Weißen Haus.

Kurz nachdem Bush im US-Staat Florida offiziell zum Sieger erklärt worden war, versuchte sein Rivale, den Eindruck zu zerstreuen, dass das Rennen entschieden sei. "Wenn jede Stimme gezählt wird", sagte Gore in einer Telefonkonferenz mit Parteifreunden, "gibt es mehr als genug, die das Ergebnis verändern und die Wahl zu unseren Gunsten entscheiden."

PR-Kampagne gestartet

Zeitgleich mit dem Kampf an der juristischen Front - am Bezirksgericht von Tallahassee stapeln sich die Klagen - hat Gore eine PR-Kampagne gestartet. Der Vizepräsident weiß, dass er verloren hat, sobald sich die Meinung des Volkes gegen ihn wendet.

In einer Ansprache an die Nation, die am Montagabend zur besten Sendezeit im Fernsehen übertragen wurde, bat er die Amerikaner daher um Geduld. Alle Stimmen müssten vollständig und genau ausgezählt werden, forderte Gore: "Das ist bisher noch nicht passiert."

Ob er die öffentliche Meinung damit auf seine Seite ziehen kann, scheint fraglich. Zwei Umfragen vom Sonntag und Montag dürften die Demokraten jedenfalls nicht gerade optimistisch stimmen. Sechs von zehn Amerikanern sind demnach der Meinung, Gore solle seine Niederlage in Florida und damit den Wahlsieg von Bush anerkennen. Fast ebenso viele missbilligen die Anfechtung des Wahlergebnisses vor Gericht.

Beispiellos in der Geschichte der USA ist auch die Einschaltung des Obersten Gerichtshofs in Washington. Er befasst sich auf Antrag des Bush-Lagers am Freitag mit der Präsidentenwahl. Dabei geht es vor allem um die Nachzählungen per Hand in Florida.

Verfassungkrise droht

Das Verfassungsgericht sollte für beide Kandidaten aber wirklich die letzte Stufe des juristischen Tauziehens sein, fordert Panetta, dessen Stimme in der politischen Welt viel Gewicht hat.

"Bis jetzt hatten wir eine politische Krise. Was wir nicht brauchen, ist eine Verfassungskrise", warnt der Demokrat. Auch werde die Geduld des amerikanischen Volkes auf eine harte Probe gestellt. Es könne daher passieren, so Panetta, dass Gore seinen Anspruch auf die Präsidentschaft unabhängig von der Entscheidung der Gerichte aufgeben müsse.

Nicht nur im Hinblick auf die öffentliche Meinung, auch rein formal führen die Demokraten einen Kampf gegen die Uhr, wie der Fraktionsvorsitzende im Senat, Tom Daschle, einräumt. Denn in zwei Wochen, am 12. Dezember, läuft die Frist für die Nominierung 25 Wahlmänner Floridas ab, deren Stimme ausschlaggebend dafür ist, wer der nächste Präsident der Vereinigten Staaten wird.