Helmut Kohl "Mental in einem ungeheuren Tief"

Bei der Vorstellung seines "Tagebuchs" bleibt sich der Ex-Kanzler treu: Larmoyant und angriffslustig zugleich.

Die Rückwand des Salons im Berliner Hilton-Hotel erweckte den Eindruck einer Traueranzeige: Weiße Leinwand schwarz umrandet, darauf in großen schwarzen Lettern "Helmut Kohl", darunter in kleinerer Schrift "Mein Tagebuch 1988 - 2000".

Die Hauptperson davor allerdings wirkte höchst lebendig. Bei der Vorstellung seiner persönlichen Aufzeichnungen über Beginn und Verlauf der CDU-Spendenaffäre, die ihn den Ehrenvorsitz seiner Partei und einen Großteil seines Ansehens als Politiker kostete, gab sich der Altkanzler am Freitag angriffslustig wie immer.

Zweifel an Kohls Unrechtsbewusstsein

Mehrfach wiederholte Kohl vor dem großen Medienaufgebot sein Bedauern über seinen gesetzwidrigen Umgang mit Parteispenden, dies allerdings erneut so, dass im Auditorium die Zweifel an seinem Unrechtsbewusstsein blieben.

Erneut versuchte sich der Ex-Kanzler auch als Opfer darzustellen, indem er Teilen der Medien und politischen Gegnern den Versuch unterstellte, ihn mit Falschmeldungen und Verdrehungen zum Kriminellen, zum korrupten Politiker abzustempeln.

Der Bericht der ARD-Tagesschau vom 22. Januar über eine angebliche 30-Millionen-Mark-Spende der französischen Regierung für seinen Wahlkampf beispielsweise sei ein "journalistisches Schurkenstück" und einer öffentlichen Hinrichtung gleichgekommen.

Von politischen Freunden im Stich gelassen

Deutlich zeigte Kohl Enttäuschung darüber, dass sich viele politische Weggefährten wegen seines Verhaltens in der Spendenaffäre von ihm abgewandt hätten. So manche Karriere derer, die jetzt das "System K" und "CDU-Seilschaften" kritisierten, habe er gefördert, meinte Kohl mit Blick auch auf den früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker.

Den Journalisten empfahl er auch gleich die Überschrift für ihre Artikel: "Die Hand, die segnet, wird als erste gebissen." Andererseits habe er auch neue Freunde gefunden, auch in der CDU und auch unter Menschen, die er früher nicht gefördert habe.

Sein Wunsch: Versöhnung mit Schäuble

Wiederholt und eindringlich äußerte Kohl sein Bedauern über das Zerwürfnis mit dem früheren CDU-Vorsitzenden Wolfgang Schäuble, dem er öffentlich Versöhnung anbot. Er leide darunter, dass diese Beziehung zerbrochen sei und hoffe auf eine Normalisierung, "wenn sich der Rauch der Schlacht verzogen hat".

Er sei auch bereit, den ersten Schritt zu tun. "Ich bin auch mental in ein ungeheures Tief gefallen", schilderte Kohl seine Stimmungslage auf dem Höhepunkt der Spendenaffäre.

Das Buch habe ihm geholfen, da rauszukommen. Über die Höhe seines Autorenhonorars schwieg er sich aus. Seiner Partei spenden will er es jedenfalls nicht - schließlich drohe ihm noch eine erhebliche Geldbuße in dem in Bonn anhängigen Ermittlungsverfahren wegen Untreue der CDU gegenüber.

Autogrammstunden in Buchhandlungen

Dass das offiziell am Montag erscheinende Buch reißenden Absatz findet, steht für den Droemer-Verlag bereits fest. Verleger Hans-Peter Übleis berichtete von mehr als 170.000 Bestellungen aus dem Buchhandel. Zwei Druckereien arbeiteten rund um die Uhr, die Auflage sei bereits drei Mal auf jetzt 240.000 Exemplare erhöht worden.

Kohl selbst will dazu beitragen, dass sein Tagebuch in die Bestseller-Listen kommt. Zwar nicht mit Lesungen - "Ich bin doch kein Dichterfürst" -, wohl aber mit Autogrammstunden in diversen Buchhandlungen.

Seine schriftstellerische Betätigung ist zudem mit der Veröffentlichung des Tagebuchs nicht beendet. 2002 sollen die Memoiren erscheinen, die Kohl nach eigener Darstellung eigentlich gar nicht hatte schreiben wollen, die der promovierte Historiker nun aber im Interesse seines eigenen Bildes in der Geschichte für unerlässlich hält.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.