Web-Test Gute Seiten, schlechte Seiten

Welche Unternehmen nutzen das Internet am besten? Und wer verspielt seine Online-Chancen? manager magazin hat die Netz-Auftritte der 100 wichtigsten deutschen Unternehmen unter die Lupe genommen - mit überraschenden Ergebnissen.

Wer sich Anfang Oktober auf der Internet-Seite des Hightech-Maschinenbauers Singulus nach einem neuen Job umsah, der hatte die freie Auswahl.

Für den Posten als Leiter Einkauf und Beschaffung reicht es nicht ganz? Macht nichts, auf derselben Seite kann sich die karrierehungrige Nachwuchskraft auch als Kantinenkellner oder als "Empfangsdame (Vollzeit/ Teilzeit)" andienen. Für alle Positionen wird am Ende der Seite der gleiche Ansprechpartner genannt.

"Jede Tageszeitung schafft es, ihren Stellenteil besser zu sortieren", urteilt der Stuttgarter Unternehmensberater Deziderio Šonje. "Die Möglichkeiten des Internet werden hier verschenkt."

Die Singulus-Jobbörse gehört zu den bizarren Erscheinungen, denen Šonje und seine Mitarbeiter auf ihrer Reise durch die Weiten des Internet begegnet sind. Im Auftrag von manager magazin hat Šonjes Beratungsfirma Webconsult die Internet-Auftritte der 100 wichtigsten deutschen Unternehmen geprüft.

Die Webconsult-Kräfte checkten jeden dieser Auftritte anhand von über 100 Kriterien (siehe "Wie getestet wurde"). Die Ergebnisse des Web-Tests zeigen, welche Unternehmen in Deutschland zu den Internet-Profis gehören - und wer im Netz herumstümpert.

Eine der Überraschungen im Web-Test: Neue-Markt-Unternehmen wie Singulus nutzen das Medium Internet keineswegs besser als die Traditionskonzerne aus der Alten Wirtschaft.

In Sonntagsreden wird zwar gern die Legende genährt, derzufolge flotte Start-up-Schnellboote die behäbigen Dax-Tanker im Web abgehängt hätten. Doch zumindest für den sichtbaren Teil der Internet-Aktivitäten, die Firmen-Sites im World Wide Web, muss diese These als widerlegt gelten.

Singulus landete als schlechtestes der 20 getesteten Neue-Markt-Unternehmen auf Platz 98 des Gesamtrankings. Selbst für den Internet-Dienstleister Pixelpark, der immerhin sein Geld mit der Gestaltung von Web-Seiten verdient, reichte es nur für Platz 66.

Zugegeben: Der von Šonje entwickelte Web-Test ist ein ausgesprochen pingeliges Prüfverfahren. Es nützt wenig, dass Pixelpark im Internet mit der Videoanimation einer Pusteblume glänzt oder mit einer Farbgestaltung in schicken Pastelltönen. Derartige Gimmicks lassen die Mitarbeiter von Webconsult kalt.

Sie prüfen, ob die Grundlagen stimmen: Ist der Kontrast zwischen Text und Seitenhintergrund stark genug? Steht die Navigationsleiste immer an der gleichen Stelle? Gibt es für den Surfer eine Hilfe-Funktion? "Gerade auf dieser handwerklichen Ebene weisen viele Internet-Auftritte Mängel auf, die leicht zu beheben wären", sagt Šonje. "Doch statt an den Fundamenten zu arbeiten, verlieren sich die Unternehmen in modischen Spielereien."

Der beste Beleg für diese These: Der Sieger des Web-Tests ist die Commerzbank; und zwar mit einem ausgesprochen schlichten Auftritt, der bereits vor drei Jahren konzipiert wurde.

Vor allem in der Kategorie Interaktivität liegt die Commerzbank vorn: Sie bietet unzählige Formulare, Broschüren und Simulationsprogramme. Wo immer es möglich ist, wird dem Surfer die Wahl zwischen mehreren Handlungsalternativen gelassen: Er kann sich zum Beispiel die wichtigsten Commerzbank-Kennzahlen direkt im Internet anschauen oder sich den Geschäftsbericht herunterladen - den wiederum im Ganzen oder in einzelnen Kapiteln.

Falls der Nutzer weitere Fragen hat, findet er zu jedem Commerzbank-Bereich den passenden Ansprechpartner - mit E-Mail-Adresse und Telefonnummer. Allzu viele Unternehmen begnügen sich für die Kontaktaufnahme mit einem nichts sagenden "info@xy.de".

Vielleicht liegen die Wurzeln für diese Nutzerorientierung in der Vergangenheit von Willi Sonntag. Der Commerzbank-Werbeleiter ist verantwortlich für die Internet-Aktivitäten der Bank.

In seinem Büro, 42 Stockwerke über der Frankfurter City, fördert Sonntag nach einigem Kramen ein Artefakt aus der Computersteinzeit zu Tage. Eine Anzeige aus dem Jahre 1983 zeigt den studierten Sozialpsychologen als Leiter der BTX-Abteilung der Hamburger Werbeagentur Lintas. Bereits damals erkannte Sonntag: Das Besondere am Internet-Vorläufer BTX ist die Möglichkeit zum Dialog mit dem Nutzer. "Der Internet-Surfer ist nicht so passiv wie der Fernsehzuschauer", sagt Wolfgang Henseler, Professor für digitales Design an der Fachhochschule Pforzheim. "Er will selbst entscheiden, wie er ein Angebot nutzt." Zum Beispiel, ob er sich eine Tabelle direkt im Internet anschaut oder sie sich als Datei herunterlädt.

Eine Lektion, die manch ein Internet-Verantwortlicher heute erst mühsam erlernen muss.

Überhaupt, der Nutzer. Er scheint eine überaus lästige Erscheinung zu sein. Viele Unternehmen bemühen sich mit allen Mitteln, ihn von ihren Seiten fern zu halten: Da funktionieren Internet-Auftritte nur mit bestimmten Browser-Varianten; lassen sich nur auf großen Bildschirmen darstellen; oder sind im Datenvolumen so umfangreich, dass sie bei einem langsamen Modem-Anschluss zu unzumutbaren Ladezeiten führen. Šonje beklagt mangelnde Kundenorientierung: "Die Online-Freaks in den Multimedia-Agenturen programmieren für die Online-Freaks im Unternehmen. Und keiner denkt daran, dass der Durchschnittssurfer zu Hause keine Standleitung und keinen Hochleistungsrechner hat."

Ein Unternehmen, das diese Realität fest im Auge hat, ist die Consors AG in Nürnberg. Der Online-Broker belegt im mm-Web-Test in der Kategorie "Navigation" den ersten Platz. "Die Gewinnung eines Neukunden kostet uns mehrere hundert Mark", sagt Petur Agustsson, der bei Consors für den Online-Auftritt verantwortlich ist. "Wir können es uns nicht leisten, dass auch nur einer der Kunden wieder abspringt, weil er unsere Website nicht nutzen kann."

Nicht nur in technischer Hinsicht nimmt Consors auf die Internet-Amateure Rücksicht. Auch die Navigation ist einfach: Auf jeder Seite wird dem Surfer angezeigt, in welchem Bereich des Internet-Auftritts er sich gerade befindet. Die meistbenutzten Seiten, zum Beispiel die für Aktienhandel, können mit einem einzigen Mausklick direkt von der Homepage aus angesteuert werden. Die Beschriftung der Navigationsleisten kommt ohne Computer- oder Börsenkauderwelsch aus. So soll es sein.

Für einen Online-Broker ist das Internet Teil des Kerngeschäfts. Kein Wunder also, dass Peter Agustsson besonderen Wert auf eine reibungslose Benutzerführung legt.

Viele Unternehmen sind noch nicht so weit. Sie wickeln keine Geschäfte über das World Wide Web ab. Doch selbst wenn die Firmen-Homepage lediglich als Marketinginstrument dient, als eine Art Firmenbroschüre im Netz, kann sie diese Aufgabe gut oder schlecht erfüllen.

So gut wie die Internet-Seiten von Boehringer Ingelheim zum Beispiel, dem Web-Test-Sieger im Bereich Homogenität. Das Pharmaunternehmen schafft es, das eigene Corporate Design über alle Bereiche des Web-Auftritts hinweg durchzuhalten. Auf diese Weise transportiert das Internet ein Stück Konzernidentität.

Eine Selbstverständlichkeit? Der Bosch-Auftritt, der im Web-Test den letzten Platz belegte, beweist das Gegenteil. In dem Stuttgarter Konzern scheint jeder Unternehmensbereich nach Herzenslust vor sich hin zu programmieren. Kaum eine Seite ähnelt der anderen, ständig wechseln die Navigationselemente ihre Position.

Wie kommt es zu solchen gravierenden Ausfällen? Qualität im Internet ist keine Frage des Geldes - sondern des Managements. "Wichtig ist, dass sich die Auftraggeber frühzeitig klarmachen, wen und was sie mit ihrem Internet-Auftritt erreichen wollen", rät Professor Henseler.

Häufig versäumen Unternehmen diesen Schritt. Die Folge der Konzeptlosigkeit: Das Briefing für die beauftragte Internet-Agentur fällt allzu vage aus. "Kaum ein Unternehmen gibt seiner Internet-Agentur ein klar formuliertes Pflichtenheft mit auf den Weg", klagt Berater Šonje. "Überschrittene Budgets und langwierige Nachbesserungen sind damit programmiert."

Das Internet ist jung. Der mm-Test zeigt: Noch sind die Unternehmen unsicher, wie sie mit diesem neuen Medium umgehen sollen. Erst allmählich bilden sich professionelle Standards heraus, wie sie zum Beispiel in der klassischen Werbung selbstverständlich sind. Wer einige dieser Regeln beherzigt, bei dem klappt's auch mit dem Web (siehe "Die sieben Web-Sünden").

Und was soll nun mit der missglückten Singulus-Jobbörse passieren? Web-Doktor Šonje weiß Rat: "Zum Beispiel könnte man eine Datenbank einbauen, die per Mausklick ein Stellenangebot ausspuckt." Eines, das auf die Qualifikation des Surfers passt.

Direkt zur Suche Wie getestet wurde Was die Sieger richtig machen Liste der über 100 untersuchten Merkmale (Download als pdf-Datei) Der Bericht des Experten-Chats mit Dr. Sonje

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