Mittwoch, 24. Juli 2019

Börsenturbulenzen Warum der Crash in China noch nicht ausgestanden ist

Verbote und Geldzufuhr: Wie Peking bislang in die Börse eingriff
AFP

Peking versucht die Probleme an den chinesischen Börsen in gewohnter Manier zu lösen: mit massiver Staatsgewalt. Planwirtschaft trifft auf die freien Kräfte des Aktienmarktes - das kann auf Dauer nicht gut gehen.

Hin und wieder kommt es vor, dass die Realität die Satire überholt. So wie jetzt in China, wo an diesem Sonntag die Absolventen der Elite-Universität von Tsinghua verabschiedet werden sollen.

Bevor die Hochschulabgänger - wohlgemerkt die kommende Wirtschaftselite Chinas - ihre Zeugnisse in Empfang nehmen, so berichtet die "Financial Times", müssen sie gemeinsam und lauthals den folgenden Slogan rufen: "Erholung für die A-Shares, zum Wohl des Volkes; Erholung für die A-Shares, zum Wohl des Volkes." So stehe es in der offiziellen Agenda des Events, heißt es in der "FT".

Das dürfte die bislang skurrilste Maßnahme sein, mit der Peking versucht, die Kräfte des Aktienmarktes zu bändigen. Die erste ist es aber nicht. In den vergangenen Tagen hat die Regierung bereits ein ganzes Bündel von Eingriffen beschlossen, um zu verhindern, dass die Kurse an den Börsen des Landes weiter sinken und womöglich auch die Realwirtschaft in Mitleidenschaft ziehen. So wurden etwa bestimmte Aktienverkäufe verboten, die Liquidität im Markt erhöht und die Konjunktur gestützt.

Die vordergründig gute Nachricht lautet: Inzwischen zeigen diese Bemühungen auch Wirkung. Nachdem die Aktien seit Juni um mehr als 30 Prozent gefallen waren, haben sie sich am Donnerstag und Freitag signifikant erholt. Ein Plus von jeweils um die sechs Prozent führte zum stärksten Comeback des chinesischen Aktienmarktes seit 2008.

Kann Peking wirtschaftliche Probleme jederzeit lösen? Die Zweifel wachsen

Für die Politiker in Peking ist das zunächst erfreulich. Sie beziehen einen Großteil ihrer Souveränität gegenüber dem Volk aus dem Nimbus, wirtschaftliche und andere Probleme jederzeit lösen zu können. Sollte der Aktienmarkt weiterhin machen, was er will, so würde das der Glaubwürdigkeit der Führungsriege vermutlich nicht guttun. Dem Beobachter stellt sich jedoch die Frage: Ein gelenkter Aktienmarkt, an dem zwar rasante Kursanstiege möglich sind, wo aber Verluste mit massiver Staatsgewalt verhindert werden - kann das auf Dauer gut gehen?

Fußgängerbrücke in Shanghai: "Erholung für die A-Shares, zum Wohl des Volkes"
Es hilft zunächst ein Blick zurück. Vor dem Einbruch im Juni erlebte der chinesische Aktienmarkt einen gewaltigen Hype. Die Kurse in Shanghai und Shenzhen stiegen binnen Jahresfrist im Schnitt um weit über hundert Prozent. Zwar öffnet sich der Markt zunehmend internationalen Investoren. Der Antrieb für die Kursgewinne, da sind sich die Fachleute einig, kam aber diesmal vor allem aus dem breiten chinesischen Volk. Vom Taxifahrer bis zum Mittelmanager entdeckten die Chinesen die Börse als Ort, wo sich schnell und unkompliziert viel Geld verdienen lässt - jedenfalls, wenn es gut läuft.

Immer mehr Beobachter hatten beim Blick auf die Kurscharts zuletzt vor Übertreibungen gewarnt. Die Entwicklung erinnert an 2007 und 2008, als in China schon einmal eine Aktienblase platzte.

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