Debatte Multi-Aufsichtsrat Wenning warnt vor neuen Russland-Sanktionen

Werner Wenning, einer der einflussreichsten deutschen Manager warnt vor weiteren Sanktionen gegen Russland - und trifft auf Zustimmung deutscher Regierungsmitglieder. Ex-EU-Kommissionspräsident Barroso hingegen hält die Sorgen für überzogen.
"Wir Unternehmer können uns nicht jedes Mal das politische System aussuchen": Mulitiaufsichtsrat und einflussreicher Mananger Werner Wenning

"Wir Unternehmer können uns nicht jedes Mal das politische System aussuchen": Mulitiaufsichtsrat und einflussreicher Mananger Werner Wenning

Foto: Federico Gambarini/ picture-alliance/ dpa

Hamburg - Die deutsche Industrie stellt sich gegen weitere Sanktionen gegen Russland. Man dürfe die "Beziehungen nach Moskau jetzt nicht abschneiden", warnte Multiaufsichtsrat Werner Wenning, einer der einflussreichsten deutschen Manager im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS).

"Man sollte sich hüten, die über Jahrzehnte entwickelten Handelsbeziehungen zu unterbrechen", sagte der Aufsichtsratschef von Eon und Bayer, der auch in den Kontrollgremien von Siemens und Henkel sitzt.

Auch im Mittelstand wächst die Sorge um das eigene Geschäft. "Die Krise der russischen Wirtschaft hinterlässt immer tiefere Bremsspuren im Russlandgeschäft deutscher Unternehmen," sagte DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier der "Bild am Sonntag".

Jedes achte deutsche Unternehmen erwägt Rückzug aus Russland

Die deutsche Auslandshandelskammer in Russland hat knapp 300 deutsche Unternehmen befragt. Demnach werde wohl jeder dritte deutsche Betrieb in Russland Mitarbeiter entlassen, sollte sich die Wirtschaftsentwicklung dort nicht verbessern. Jedes achte Unternehmen erwäge einen Rückzug aus Russland. "Der Bruch so mancher Geschäftsbeziehung steht also bevor," warnte Treier.

Wenning hob zudem hervor, dass weltweit tätige Unternehmen sich mit den Verhältnissen vor Ort zu arrangieren hätten: "Wir Unternehmer können uns nicht jedes Mal das politische System aussuchen. Wir können nicht bei jedem Umsturz die Maschinen mitnehmen, das Land verlassen und sagen: Wir kommen wieder, wenn ihr unserem Verständnis von Demokratie entsprecht."

Vize-Kanzler und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD), der sich immer mehr wie einst Gerhard Schröder als "Genosse der Bosse" in Szene zu bringen versucht, warnte ebenfalls vor einem möglichen Niedergang Russlands: "Am Ende des Tages können weder Deutschland noch Europa Interesse daran haben, dass Russland ins wirtschaftliche Chaos abgleitet."

Ex-EU-Kommissionspräsident Barroso hält Furcht für übertrieben

"Das Ziel ist doch nicht, Russland in die Knie zu zwingen, sondern zu Verhandlungen über eine friedliche Lösung des Ukraine-Konflikts zu bewegen", sagte Gabriel dem "Tagesspiegel am Sonntag". Er folgte damit der Linie von Außenminister Frank-Walter Steinmeier, der vor Gefahren für die Sicherheit in Europa durch die wirtschaftliche Destabilisierung Russlands gewarnt hatte. "Das sollten wir bei unserer Sanktionspolitik im Blick haben", sagte er dem "Spiegel". Auch Österreichs Bundeskanzler Werner Faymann meldete Zweifel an: "Wir sägen gerade den eigenen Ast ab, auf dem wir sitzen, wenn wir zur russischen Wirtschaft eine neue Mauer aufbauen."

Der frühere EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso hält die Furcht, Russland könne die Weltwirtschaft in einen Abwärtsstrudel ziehen, für nicht sehr begründet. "Russland ist nicht besonders eng eingebunden in die Weltwirtschaft und in die internationale Finanzordnung", sagte er der "Welt am Sonntag". Zudem gehe er davon aus, dass die EU Notfallpläne in der Schublade habe, um auf mögliche Auswirkungen der Wirtschaftskrise in Russland zu reagieren.

Merkel und andere bleiben hart - Putin: Lassen uns nicht einschüchtern

Beim EU-Gipfel Mitte der abgelaufenen Woche gab es kaum Signale für eine Lockerung der Sanktionen. "Als Europäer müssen wir Selbstvertrauen wiedergewinnen und unsere eigenen Kräfte erkennen", hatte der neue Ratspräsident Donald Tusk gefordert und für einen harten Kurs gegenüber Russland plädiert, solange die Ukraine-Politik nicht geändert werde.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte in Brüssel erklärt: "Die Sanktionen können nur dann aufgehoben werden, wenn die Gründe dafür sich ändern." Der Fraktionsvorsitzende der EVP im Europäischen Parlament, Manfred Weber von der CSU, betonte: "Die größte Stärke der EU in der Ukraine-Krise ist ihre gemeinsame und geschlossene Position." Der deutsche Außenminister mache mit seiner Absetzbewegung einen schwerwiegenden Fehler. Der russische Präsident werde nur durch Stärke, Entschlossenheit und immer neue Gespräche von seinem für Europa und andere Nachbarregionen gefährlichen Weg abzubringen sein.

Putin: Wir lassen uns nicht einschüchtern

Russlands Präsident Putin hat die drohende Rezession in seinem Land auf die fallenden Ölpreise und die westlichen Sanktionen zurückgeführt. Die westlichen Staaten begründen die Strafmaßnahmen mit dem Vorwurf, Russland habe vergangenen März die ukrainische Krim völkerrechtswidrig annektiert und trage mit der Unterstützung prorussischer Separatisten im Osten des Landes zur Destabilisierung der Ukraine bei. Russland weist beides zurück.

Die Wirtschaftsmisere ist mittlerweile in Form steigender Lebensmittelpreise im Alltag der russischen Bevölkerung angekommen. Binnen Jahresfrist ist zudem der Rubel um 40 Prozent abgewertet worden. Die Furcht vor einem weiteren Verfall der Landeswährung hat bereits zu Hamsterkäufen westlicher Importgüter geführt.

"Selbstverständlich wird niemand Erfolg damit haben, uns einzuschüchtern, uns abzuschrecken, Russland zu isolieren", sagte Putin am Samstag dem Sender Rossiya 24 mit Blick auf die Sanktionen, die die USA und die EU vergangene Woche gegen wirtschaftliche Aktivitäten auf der Krim erlassen haben. Das russische Außenministerium wertete die Maßnahmen als kollektive Bestrafung der Krim-Bevölkerung. Am Freitag hatte US-Präsident Barack Obama Investitionen auf der Krim sowie Ausfuhren in das Gebiet verboten.

rei mit Agenturen