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Arcandor Arm und allein

Konzernprimus Middelhoff braucht dringend Verbündete - vor allem für Karstadt, aber auch für Quelle. Zeit und Geld werden knapp.
aus manager magazin 8/2008

London ist eine der Lieblingsstädte des Thomas Middelhoff (55). Hier würde er gern leben und arbeiten. Sehr wahrscheinlich, dass er sich nach seinem - auf Ende 2009 verschobenen - Ausscheiden als Vorstandsvorsitzender des Essener Warenhauskonzerns Arcandor dorthin zurückzieht.

In den vergangenen Wochen waren für ihn erst einmal verstärkt Dienstreisen in die englische Metropole angesagt. Middelhoff verhandelte mit dem Management des britischen Warenhauskonzerns Debenhams über ein Bündnis mit der Arcandor-Tochter Karstadt.

Karstadt braucht dringend einen Partner - denn zusätzlich zu den nach wie vor ungelösten operativen Problemen des Traditionsunternehmens (siehe mm 9/2007) droht Ungemach. Der einzig verbliebene Wettbewerber auf dem deutschen Markt, die Metro-Tochter Kaufhof, soll verkauft werden.

Arcandor hat zwar selbst Interesse bekundet, sich den Konkurrenten einzuverleiben. Aber wenn ein solcher Deal misslingt - wofür einiges spricht -, dann muss Middelhoff sich Verbündete im Ausland suchen, etwa den spanischen Monopolisten El Corte Inglés oder eben Debenhams.

Die Gespräche mit den Engländern waren Anfang Juli weit gediehen. Der Board hatte sich in einer außerordentlichen Sitzung bereits mit dem Thema befasst. Karstadt sollte eine wesentliche Beteiligung am Gemeinschaftsunternehmen "K&D" (so der Arbeitstitel) bekommen, Sitz der nach britischem Recht als "Public limited company" (Plc) firmierenden Gesellschaft sollte London sein, und Big T., wie Thomas Middelhoff gern genannt wird, würde als Chairman dem Board präsidieren.

Und, so hatte man sich schon ausgerechnet: Wenn die Holding Arcandor aufgelöst wird und deren Beteiligungen direkt den Aktionären übertragen werden, wäre die Gruppe der Debenhams-Alteigner größter Einzelaktionär von K&D - noch vor Madeleine Schickedanz (64), der heutigen Mehrheitseignerin von Arcandor. Schickedanz würde auf diese Weise ihr Risiko wesentlich verringern.

Doch nun kommt es wohl doch nicht dazu. Mitte Juli gerieten die Gespräche mit Debenhams-CEO Rob Templeman (50) plötzlich ins Stocken. Middelhoff kommunizierte konzernintern, beide Seiten hätten das Tempo aus den Verhandlungen genommen - andere sagen, der Deal sei schlicht gescheitert.

Die Sinnhaftigkeit eines solchen Zusammenschlusses ist ohnehin umstritten. Zwar ließen sich durch die Zusammenlegung von Zentralfunktionen sowohl in London als auch in Essen sicherlich Einsparungen erzielen. Angeblich sollte dies auch bei den Einkaufskonditionen der Fall sein, obwohl das Sortiment in beiden Ländern aufgrund des unterschiedlichen Publikumsgeschmacks deutlich differiert.

Doch Debenhams hat erhebliche Probleme - und nicht nur im laufenden Geschäft. Das Unternehmen steht nach vorübergehender Eigentümerschaft von Private-Equity-Investoren (Texas Pacific Group, CVC und Merrill Lynch) hoch verschuldet da. Nicht nur die durchziehenden Heuschrecken machten reiche Beute, auch das Management unter Templeman kassierte ab - zulasten der Firma.

Da wäre eine Verbindung mit Karstadt am Ende nichts weiter als ein Zusammengehen zweier Fußkranker. Denn auch die deutsche Firma hat neben notorischen Ertragsproblemen eine schwere Bürde zu tragen. Karstadt musste gerade eine Mieterhöhung für die Warenhäuser um 20 Millionen Euro jährlich akzeptieren - eine dauerhafte Belastung, die operativ kaum zu verdienen ist. Die Heraufsetzung des Mietzinses war offenbar nötig, damit die Mutter Arcandor beim Verkauf der letzten Tranche ihres Immobilienvermögens den fest eingeplanten Erlös von 800 Millionen Euro erzielen konnte.

Middelhoff macht sich auch immer noch Hoffnungen auf einen Zusammenschluss von Karstadt mit der zum Verkauf stehenden Metro-Tochter Kaufhof, obwohl der Metro-Vorstand dies kategorisch ausschließt. Metro will sogar den möglichen Erwerbern des Kaufhofs eine bindende Zusicherung abverlangen, dass das Warenhausunternehmen während einer Frist von fünf bis sieben Jahren nicht an Arcandor weiterverkauft werde.

Dumm für Karstadt. Denn für die Arcandor-Tochter hätte eine deutsch-deutsche Vereinigung besonderen Charme: Das Unternehmen wäre den letzten im Warenhaussegment verbliebenen Konkurrenten los.

Die süßen Vorteile eines Innenstadtmonopols hätte zwar auch die Kaufhof-Seite. Doch die Metro-Tochter könnte besser als Karstadt allein weiterexistieren, da sie bei den Strukturbereinigungen (etwa der Schließung oder Modernisierung unrentabler Häuser) mehr getan hat als der Wettbewerber.

Besonders unangenehm wäre es für Karstadt, wenn Kaufhof von einem finanzstarken ausländischen Händler übernommen würde, etwa vom spanischen Warenhausriesen El Corte Inglés. Metro-Chef Eckhard Cordes (57) und Kaufhof-Lenker Lovro Mandac (58), dem die Iberer als neue Eigentümer sehr recht wären, sind vor mehreren Monaten bereits dort vorstellig geworden. El Corte Inglés soll auch heute noch Interesse haben.

Eine solche Verstärkung von Kaufhof wäre für Karstadt ein Fiasko. Deshalb propagiert die Arcandor-Seite eine Dreier-Fusion von Karstadt und Kaufhof mit den Spaniern. Angeblich versucht immer noch der Troisdorfer Immobilien-Mogul Josef Esch (51), Vertrauter sowohl von Middelhoff als auch von Schickedanz, seine gute persönliche Beziehung zu El-Corte-Inglés-Chef Isidoro Álvarez (73) in diesem Sinne zu nutzen - bislang ohne sichtbares Ergebnis.

Denn auch die Spanier wissen um den Sanierungsrückstand bei Karstadt und um die hohen Mietverpflichtungen - in der Regel langjährige Verträge, aus denen man praktisch nur durch eine Insolvenz herauskommt.

Das Management von Karstadt ist seit Monaten weitgehend kaltgestellt. Der für das Warenhaus zuständige und von Middelhoff nicht mehr wohl gelittene Peter Wolf (49) galt zuletzt als Konzernvorstand auf Abruf. Zudem war er wegen seiner Vergangenheit als Tchibo-Manager unter Druck geraten. Gegen ihn wird wegen möglicher Kartellabsprachen auf dem Kaffeemarkt ermittelt. Mitte Juli reichte er seinen Rücktritt ein. Entscheidungen, die über den Tag hinaus Bedeutung haben, fallen bei Karstadt kaum noch - alle warten ab.

Ungewissheit herrscht ebenfalls bei der Schwesterfirma Quelle. Denn auch im Versandhaussektor arbeitet Middelhoff an einer europäischen Lösung. Es gab bereits Gespräche mit dem französischen Konzern PPR, Eigentümer der Versandgruppe Redcats, die im Wesentlichen aus dem Kataloghändler La Redoute besteht. Doch PPR will auf keinen Fall an einem Gemeinschaftsunternehmen aus La Redoute und Quelle beteiligt sein.

Die Deutschen müssten La Redoute also komplett erwerben. Aber ob sie den Kaufpreis von schätzungsweise zwei Milliarden Euro finanzieren könnten, scheint äußerst fraglich. Die Liquidität ist angespannt. Arcandor hatte Ende Juni die Bedingungen für eine Wandelanleihe über rund 275 Millionen Euro bekannt gegeben, ausgestattet mit einem Risikozins von bis zu 8,875 Prozent pro Jahr.

Probleme über Probleme. Middelhoff wollte sich ursprünglich schon Ende 2008 vom Amt des Konzernchefs nach London zurückziehen. Notgedrungen hängt er ein Jahr dran, weil noch zu viel unerledigt ist: Nicht nur die Suche nach Partnern, auch die Sanierung des Warenhaus- und des Versandgeschäfts schleppt sich dahin. Hinzu kommt die unklare Situation des ebenfalls zum Konzern gehörenden Ferienfliegers Condor. Nach der Absage der Fusion mit Air Berlin wird nun ein Dreierbündnis zwischen Condor, Germanwings und Tuifly anvisiert.

In jedem Fall wird für Middelhoff und Arcandor die Zeit immer knapper - und mit ihr das Geld. Sören Jensen

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