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Angriff der E-Banker

Internet-Offensive: Das weltweite Netz hat den Wettbewerb im Finanzgeschäft massiv angeheizt. Kreative Kapitalmarktprofis jagen den etablierten Häusern die Kunden ab. Das Bankensystem steht vor dem größten Umbruch in seiner Geschichte.
Von Patricia Döhle
aus manager magazin 3/2000

Hätten Sie Lust, sich eine Bank zuzulegen? Ein Institut, das Ihren Namen trägt und ein von Ihnen ausgewähltes Serviceangebot liefert? Kein Problem. Wenden Sie sich vertrauensvoll an Gerhard Huber.

Der langjährige Banker liefert Ihnen ein voll funktionsfähiges Geldhaus, abgestimmt auf die Bedürfnisse der von Ihnen angepeilten Kundschaft. Alles, was Sie brauchen, ist eine Internet-Seite. Darauf richten Sie einen virtuellen Bankschalter ein, Huber hängt seine Software und seine Serviceorganisation dahinter - und schon kann's losgehen.

"Out-of-the-box-banking", die Bank von der Stange, nennt der frühere Chef der Direkt Anlage Bank den Internet-Service, mit dem theoretisch jedermann ins Finanzgeschäft einsteigen kann - Firmen, Vereine, Interessenverbände. Alle, die genügend potenzielle Kunden haben.

Eine clevere Geschäftsidee, Abfallprodukt eines nicht minder spannenden Gründungsvorhabens.

Ende 1998 begann Huber mit dem Aufbau der ersten europaweiten Internet-Bank First-e. Er fand keine auf sein Konzept passende Software, entwickelte selbst eine und will das Sys- tem nun auch an Dritte vertreiben.

Bei First-e läuft die Software bereits. Vor vier Monaten ging das Institut in Großbritannien an den Markt. Ende Februar kommt Hubers Internet-Bank nach Deutschland.

Dass er sich mit dem "Out-of-thebox"-Angebot Konkurrenz schafft, stört den quirligen Unternehmer nicht. Er verdiene ja an den neuen Anbietern. "Der Wettbewerb explodiert - ob mit oder ohne meine Hilfe."

Kaum etwas scheint derzeit leichter, als eine Bank aufzumachen. Das Internet hat sämtliche Markteintrittsbarrieren niedergerissen. Und während die meisten E-Commerce-Firmen noch Verluste machen, wird mit E-Finance schon Geld verdient.

Beispiel Net.IPO: Gut ein Jahr ist die Internet-Investmentbank am Markt und bietet privaten Anlegern Neu-Emissionen über das Netz an. Vorstandschef Stefan Albrecht erwartet für das erste volle Geschäftsjahr ein deutlich positives Ergebnis.

Beispiel Consors: Der in Nürnberg ansässige Internet-Broker gilt als Pionier im Online-Wertpapiergeschäft. Im vergangenen Jahr brachte Gründer Karl Matthäus Schmidt das Internet-Institut mit großem Erfolg an die Börse. Gleichzeitig gelang es ihm, den Gewinn vor Steuern auf rund 50 Millionen Mark zu verdoppeln.

Überall haben kreative Finanzprofis wie Albrecht, Huber und Schmidt den Großbanken den Kampf angesagt. Und Deutschland, da sind sich die Experten einig, wird der Hauptschauplatz für die Auseinandersetzung zwischen jungen E-Bankern und etablierten Instituten sein.

Wer am Ende als Sieger hervorgeht, ist offen. Nur eins steht fest: Das Bankensystem alten Typs wird es in wenigen Jahren nicht mehr geben. Das Internet wird zur massiven Bedrohung für alle, die sich nicht rechtzeitig anpassen. Merrill Lynch, eines der angesehensten Wertpapierhäuser in den USA, hat das schmerzhaft zu spüren bekommen.

Jahrelang hatte Merrill Lynch glänzend von hohen Kommissionen gelebt. Auf Internet-Konkurrenz mit Billigpreisen wie Charles Schwab blickten die New Yorker Banker herab.

Bis Schwab im letzten Quartal 1998 erstmals genauso viel neue Kundengelder akquirierte wie Merrill. Drei Monate später flossen schon dreimal so viele Dollar zu dem Internet-Broker wie zur traditionellen Konkurrenz.

Als Merrill Anfang Juni endlich reagierte, war es zu spät: Die Ankündigung des einstigen Brokerage-Stars, Internet-Orders zu Billigpreisen anzubieten, wertete der Markt als Eingeständnis, die Online-Revolution verschlafen zu haben. Innerhalb von zwei Tagen brach der Marktwert von Merrill Lynch um fünf Milliarden Dollar ein, ein Minus von 16 Prozent.

Deutschland ist von amerikanischen Verhältnissen nicht mehr weit entfernt. Bereits Ende kommenden Jahres werden 20 Prozent aller Deutschen vernetzt sein. In vier Jahren, schätzen Experten, werden rund 20 Prozent aller Finanzgeschäfte online abgewickelt.

Eine Umfrage des renommierten Forschungsinstituts Forrester unter führenden europäischen Finanzdienstleistern ergab: Deutschland gilt mit Abstand als attraktivster Markt für E-Finance in Europa.

Angelockt von den hohen Sparguthaben, der neuen Aktienkultur und einer relativ großen Zahl von Internet-Nutzern, will noch in diesem Jahr mindestens ein Dutzend Firmen aus den USA, Frankreich, Irland und Skandinavien hier zu Lande starten.

Tempo ist alles im neuen Geldgeschäft. Und da sind die Neulinge den Traditionshäusern weit voraus.

So beschloss etwa Gerhard Huber, den Aufbau von First-e nicht in einem einzigen Unternehmen anzugehen (Huber: "Da hätten wir Jahre gebraucht"), sondern unabhängige Firmen parallel arbeiten zu lassen. Nach zehn Monaten war First-e startklar.

Gleichzeitig hatte Huber sich eine ganze Anzahl weiterer Finanzanbieter herangezüchtet, die ihren Service teilweise an First-e, teilweise aber auch an Dritte verkaufen. Alles Internet-Firmen. Ein Netz im Netz - bereit, Kunden in ganz Europa einzufangen.

Der US-Online-Kreditgeber E-Loan will die Alte Welt an mehreren Fronten gleichzeitig attackieren. Im Februar startet die Internet-Bank in Deutschland, im März in Frankreich, im Mai in Italien und Spanien.

Geld spielt für die jungen Eroberer keine Rolle. Consors-Chef Schmidt sitzt auf 350 Millionen Mark Erlösen aus dem Börsengang. Huber hat hochkarätige Investoren hinter sich, unter anderem die Venture-Capital-Gesellschaft Apax, den Chiphersteller Intel und die Investmentbank Morgan Stanley Dean Witter. "Wenn ich 100 Millionen brauche, habe ich die in ein paar Wochen zusammen."

Alles dreht sich darum, so schnell wie möglich Marktanteile zu gewinnen, zur Not auch zu erkaufen. Über günstige Konditionen, hohe Zinsen, aufwändige Werbekampagnen. Erfolgreiche Vorbilder wie die britische Internet-Bank Egg machen Mut: Mit aggressiver Werbung und noch aggressiveren Zinsen gelang es dem Neuling Ende 1999, 20 Prozent aller neuen Kundeneinlagen im Vereinigten Königreich abzuräumen.

Alle Bereiche des Bankgeschäfts sind inzwischen von der Invasion der E-Banker betroffen. Karl Matthäus Schmidt war mit der Consors-Gründung 1994 der erste, der sich traute, in die Domäne der Nadelstreifenträger einzubrechen. Mittlerweile trägt auch Schmidt Anzug und Weste und steht mindestens genauso unter Zeitdruck wie seine Konkurrenten aus den Frankfurter Vorstandsetagen. Freche Sprüche ("Wir sind die, vor denen alle Angst haben") macht er aber immer noch.

Zu Recht. Im Online-Brokerage hat Consors die Töchter der Deutschen Bank und der HypoVereinsbank hinter sich gelassen. Lediglich die Comdirect hält mit rund 30 Prozent einen vergleichbaren Marktanteil.

Auch im Kreditgeschäft geraten die etablierten Institute unter Druck. Anbieter wie Interhyp, eine Neugründung des ehemaligen Goldman-Sachs-Managers Robert Haselsteiner, vermitteln Kunden online die günstigste Baufinanzierung aus hunderten von Angeboten.

E-Loan schaltet die Banken komplett aus. Kundenkredite werden zu Bündeln ab 10 Millionen Dollar aufwärts geschnürt und direkt am Kapitalmarkt platziert. Der Vorteil: günstigere Konditionen und schnellere Kreditentscheidungen. In den USA, berichtet E-Loan-Europa-Chef Mirko Siepmann, erhalten die Kunden in 80 Prozent aller Fälle eine Stunde nach Eingang des Internet-Kreditantrags eine Zusage. Einziger Vorbehalt: Die online gemachten Angaben müssen mit Dokumenten belegbar sein.

Selbst im Investmentbanking, der Königsdisziplin des Bankgeschäfts, mischen die Newcomer mit. Sie konzentrieren sich vor allem auf das Neu-Emissionsgeschäft, die Platzierung von Aktien bei Börsengängen.

Die heiß begehrten Papiere waren lange im Wesentlichen institutionellen Anlegern vorbehalten. Net.IPO-Chef Albrecht kennt die Spielregeln aus seiner Zeit als Direktor im Corporate Finance der Deutschen Bank.

Mit Net.IPO bietet er Kleinanlegern nun die gleichen Informationsmöglichkeiten wie früher den Großkunden der Deutschen Bank: Die Ankündigung bevorstehender Börsengänge, Veröffentlichung der Verkaufsprospekte, Treffen mit den Firmenvorständen - alles übers Netz.

Mehr als 40 000 Kunden hat Net.IPO bereits, rund 500 kommen pro Woche hinzu. Und Albrecht weiß jetzt, was er lange vermutet hat: dass Aktien in den Händen informierter Privatanleger genauso gut aufgehoben sind wie in den Depots milliardenschwerer Fonds. "Unsere Kunden zeigen ein nachhaltiges Interesse an den Börsenneulingen." Noch platzieren Firmen wie Net.IPO kleine Anteile von um die 6 Prozent pro Emission. Künftig ist es für Börsenneulinge aber durchaus denkbar, einen größeren Teil ihrer Aktien oder sogar die gesamte Emission über das Internet zu verkaufen.

Die Vorteile eines virtuellen Börsengangs: weniger Gebühren, da die Internet-Banken mit deutlich geringeren Kosten arbeiten. Und: Über das Netz wäre eine Versteigerung möglich, die die Festlegung des Ausgabekurses sehr viel transparenter macht als bisher. Ein Verfahren, das in den USA schon praktiziert wird.

Heute sind die meisten Neu-Emissionen um ein Vielfaches überzeichnet - ein Indiz dafür, dass ein deutlich höherer als der von der Bank festgelegte Ausgabepreis erzielbar wäre.

Enrico Just, Finanzvorstand des Börsenneulings Tomorrow Internet: "Wir waren 32-fach überzeichnet. Natürlich haben wir uns gefragt: Warum nehmen wir nicht zwei Euro mehr pro Aktie und sind dann vielleicht noch 20-fach überzeichnet?"

Die Antwort ist simpel: Weil die Banken anders kalkulieren. Dafür haben sie gute Gründe, wie Bill Ham- brecht, Mitbegründer der US-Investmentbank Hambrecht & Quist, im Interview mit manager magazin zugibt: "Sie wollen ihren Großkunden am ersten Handelstag einen schönen Kursanstieg bescheren" (siehe Seite 164).

Noch will sich Net.IPO-Chef Albrecht nicht mit den Großen der Branche anlegen und Börsengänge über das Netz in Eigenregie durchführen. Consors-Gründer Schmidt schon. "Dazu braucht man Platzierungskraft, und die haben wir."

Bei der Deutschen Bank nimmt man die jungen Wilden durchaus ernst. Der Primus hat sich eine tiefgreifende Neuordnung verschrieben. "Die Bank", so Vorstand Hermann-Josef Lamberti fast ehrfurchtsvoll, "wird in eine Internet-Welt transformiert" (siehe Kasten Seite 163).

Zum radikalen Wandel gibt es für die Traditionshäuser keine Alternative. "In der traditionellen Struktur einer Universalbank sind die Herausforderungen der Zukunft nicht zu lösen", ist Ulrich Burchard, Bankenexperte bei A. T. Kearney, überzeugt.

Operieren die Finanzhäuser dennoch weiter wie bisher, verlieren sie Kunden an die Dot-com-Konkurrenz. Obendrein geraten sie in eine Ertragsklemme. Denn das Internet löst einen massiven Margenverfall aus.

Der kann in der Finanzbranche Gewinneinbrüche von bis zu 30 Prozent bedeuten, sagt die Unternehmensberatung Booz Allen & Hamilton voraus. Goldman-Sachs-Banken-Analyst Richard Ramsden bezweifelt, dass das Internet für die meisten Banken mehr sein kann als ein Nullsummenspiel. "Die Margen schrumpfen, und mit Glück hilft das Netz, die Kosten in gleichem Maße zu reduzieren."

Immerhin, im internationalen Vergleich gelten die deutschen Großbanken als relativ fortschrittlich. Verfügen einige doch über erfolgreiche Internet-Töchter wie Comdirect (Commerzbank) oder Direkt Anlage Bank (HypoVereinsbank). Das ist mehr, als viele Konkurrenten in Europa vorweisen können. Einen Ableger im Netz zu haben, glauben Experten, sei der erste Schritt, um die Internet-Mentalität in verstaubte Schalterhallen zu tragen.

Gerhard Huber mit seinem "out-ofthe-box-banking" kann sich freuen. Womöglich steht bald die Konkurrenz Schlange, um sich Internet-Banken von der Stange bei ihm zu kaufen. Patricia Döhle

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