Freitag, 13. Dezember 2019

Apotheken gegen Doc Morris Akute Gefährdung der Gesundheit

Online gegen stationären Handel: Nach Buchhandlungen sind jetzt die Apotheken dran.
Smith Collection / Getty Images
Online gegen stationären Handel: Nach Buchhandlungen sind jetzt die Apotheken dran.

Jetzt reicht es endgültig: Am Mittwoch hat der Europäische Gerichtshof in höchster Instanz entschieden, dass die Versandapotheke Doc Morris ihren Kunden Rabatte auf verschreibungspflichtige Medikamente gewähren darf. Ja, sind denn diese verantwortungslosen Richter in Luxemburg von allen guten Geistern verlassen!? Kippen einfach die Preisbindung für lebensrettende Arzneien - eine der absolut unerschütterlich geglaubten Grundfesten unseres bewährten traditionellen Gesundheitswesens. Also, ich muss sagen, mir zittern noch jetzt die Hände vor Abscheu und Entsetzen. Und ein bisschen auch vor Angst.

Eva Müller
manager magazin
Eva Müller

Wo kommen wir denn hin, wenn das wertvollste Gut des Menschen - seine Gesundheit - jetzt auch noch den bekanntlich zerstörerischen Kräften des Wettbewerbs ausgesetzt wird. Bedenken wir nur einmal die Folgen: Die Parkinson-Patienten, deren Verband mit der Online-Apotheke gleich hinter der niederländischen Grenze gemeinsame Sache bei den Boni auf Rezepte gemacht hat, bekommen als Stammkunden pro Jahr ein vielleicht etwas mehr als 100 Euro zurück für ihre Treue. Was können sie mit dieser submarginalen Summe schon groß anfangen? Dem treusorgenden Partner vielleicht gelegentlich einen Blumenstrauß schenken oder die Pflegerin mal beim Italiener ums Eck zum Essen einladen.

Dieser winzige Vorteil steht doch in keinerlei Verhältnis zu dem enormen Schaden, den das Ende der Preisbindung bei den Pharmazeuten auslöst. Die (finanzielle) Gesundheit jener Garanten einer flächendeckenden Rund-um-die Uhr Vor-Ort-Versorgung mit Pillen und Pflastern (also jetzt natürlich nicht wirklich überall. Aber auf den Dörfern lohnt sich das Geschäft ja nun wirklich überhaupt nicht) wird dadurch enorm gefährdet.

Diesen hochengagierten Gesundheitsdienstleistern, die sich Tag und Nacht um das Wohlergehen ihrer Kundschaft mühen, steht doch schon heute das Wasser bis zum Hals. Wer nicht zumindest die Immobilie besitzt, in dem sein Ladenlokal angesiedelt ist, der verdient höchstens noch Mitleid. Und auch die Hausbesitzer können meist nur durch Mieteinnahmen aus den Wohnungen in den oberen Stockwerken mühsam ihren gewohnten Lebensstandard halten. Ich persönlich kenne schon Apotheker, die ihren erwachsenen Kindern die Eigentumswohnung in München nur noch teilfinanzieren können.

Und jetzt sollen die ohnehin schon gebeutelten Pharmazeuten auch noch einem mörderischen Preiskampf ausgesetzt werden.

Und das Ende der Preisbindung ist erst der Anfang einer brutalen Erosion unseres guten, alten Gesundheitssystems. Denn schon droht eine weitere Grundfeste zu zerbröseln: Das Verbot der Fernbehandlung. Bisher ist es gute Sitte in unserem Land, dass ein Kranker persönlich beim Arzt vorstellig zu werden hat, um das rettende Medikament auf Rezept zu beziehen. Egal, ob es sich um eine Tinktur gegen Warzen, die Pille gegen die unerwünschte Empfängnis oder den dauerhaft notwendigen Blutdrucksenker handelt - seinen Bezugsschein muss sich jeder selbst hart erarbeiten. Insbesondere jeder Kassenpatient. Er muss mehrfach anzurufen, um endlich beim Facharzt einen Termin in drei Wochen zu ergattern. In der Praxis braucht er dann eine adäquate Vorbereitungszeit auf die Audienz beim Halbgott in Weiß mit den zerfledderten Gesundheitsblättchen im Wartezimmer. Hält er das ersehnte Rezept für das Anti-Kotz-Pflaster für die Seereise nach dem zweiminütigen Aufenthalt im Behandlungsraum (15 Minuten, falls sich der Arzt für das gleiche Reiseziel interessiert) in Händen, folgt der Ausflug zur Apotheke, wo ein derart exotisches Produkt aber leider erst am kommenden Tag abzuholen ist.

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Klingt erstmal umständlich und nervig. Doch erst durch diese Prozedur wird sich der Patient des enormen Wertes seiner Gesundheit und der großartigen Leistung von Arzt und Apotheker wirklich bewusst. Selbst dieses hohe Gut ist aber jetzt in Gefahr. Im Sommer haben doch tatsächlich die Mitglieder der Ärztekammer von Baden-Württemberg beschlossen, Fernbehandlungen in Modelprojekten zu erproben. Bald könnte es Usus werden, einfach auf einer Telemedizin-Website oder eine Arzt-App auf dem Smartphone per Klick ein paar Fragen zu beantworten und schon kommt die Anti-Baby-Pille, die übliche Insulin-Dosis oder der seit Jahren verordnete Betablocker von der Versandapotheke ins Haus. Und das auch noch mit Rabatt!

Das darf doch einfach nicht sein! Wer hat das eigentlich zugelassen, dass solche Telemedizin-Services wie sie etwa der Anbieter Dr.Ed aus London hierzulande offeriert, vom deutschen E-Health-Gesetz nicht nur erlaubt worden sind. Nein, die Kassen müssen solche Videosprechstunden sogar vergüten. Wie gut nur, dass es noch vernünftige Politiker gibt, die solchen Auswüchsen Einhalt gebieten: Die Novelle des Arzneimittelgesetzes, die im November verabschiedet werden soll, verbietet es den Apothekern Rezepte einzulösen, die aus der Ferne erstellt wurden. Und Gott sei Dank denkt die Union nach dem EuGH-Urteil daran, Versandapotheken ganz zu verbieten.

Es könnte also knapp noch einmal gut gehen - zumindest für Ärzte und Apotheker.

Achtung: Bei diesem Text handelt es sich um eine Glosse. Bitte fragen Sie ihren Humorberater zu Risiken und Nebenwirkungen.

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