Die Wirtschaftsglosse Die Blutsbrüder

Die Finanzbranche arbeitet mit der ihr eigenen Urgewalt an einem guten Ruf. Könnte klappen. Am Ende des Tages habe es die Vampire ja auch geschafft.
"Tanz der Vampire" von Roman Polanski: Blutsauger als Vorbilder für Banken?

"Tanz der Vampire" von Roman Polanski: Blutsauger als Vorbilder für Banken?

Foto: ddp images

Dies mal vorweg. Es ist ja mit dem Negativimage wie mit einem Herpes-Bläschen: Wenn es einmal da ist, wird man es so schnell nicht wieder los. Irgendwann ist es dann weg, warum, weiß keiner.

Unsere Banken, Hedgefonds und sonstigen Geldbeweger, im Blasenbilden durchaus bewandert, stehen seit geraumer Zeit im Ruf, die hässliche Fratze des Kapitalismus zu repräsentieren. Was schon deshalb nicht stimmen kann, ist doch jüngst ein 14-jähriger Investmentbanker mit Milliardenboni aus der Londoner Zentrale geschlurft, Richtung Piccadilly, hat gleich mal die neuesten Ballerspiele und den Jahresbedarf an Alcopops geordert. Von unreiner Gesichtshaut einmal abgesehen: Hier kann nun wirklich nicht von hässlicher Fratze die Rede sein.

Aber derlei interessiert die Bankenbasher ja nicht. Sie setzen das Gefeilsche um den Schuldenschnitt für Griechenland dagegen, das Ansinnen von Hedgefonds, ein Menschenrecht auf angemessene Verzinsung vor dem Europäischen Gerichtshof einzuklagen. Na und, die Euro-Richter hatten schon absurdere Verfahren auf dem Tisch. Hier sei nur der Streit um die kulturelle Identität der Spreewaldgurke angeführt.

Von manchen gar werden unsere liebsten Kreditspender in die Nähe von Blutsaugern gerückt. Welch irrige Vorstellung! Wie ein Blick auf die Wesensmerkmale von Vampiren beweist: bleiches Antlitz, kräftiges Gebiss; sie ernähren sich einseitig, können manchmal die Wände hochgehen, sind Verführungskünstler. Obendrein gelten sie als unsterblich, unausrottbar - ja was hat das mit einem Investmentbanker zu tun, hä?

Man hüte sich vor Verallgemeinerung! So wie Vampir nicht gleich Vampir ist - wir erinnern uns an prächtige regionale Mutationen wie den "Neuntöter" (Sachsen) oder den "Doppelsauger" (Wendland, lange vor einem Monster namens Castor) -, so gibt es nicht den Investmentbanker, sondern den Leerverkaufstrickser, den Credit-Default-Ausreizer, den Rohstoffrallye-Profiteur und so weiter und so fort.

Und dann kommt die Evolution ins Spiel, ohne die im realen Leben als auch im Schattenreich so gut wie nichts läuft. Die entwicklungsgeschichtliche Abfolge in der Blutdurstszene ist ja folgendermaßen: Es beginnt mit Nosferatu (wie schrecklich!), setzt sich fort über Dracula (wie gruselig!), Polanskis tanzende Vampire (wie lustig!), bis(s) zu eben jener schmusigen Twilight-Nummer (wie niedlich!): SIE liebt IHN, und ER beisst nicht mal - seit dem ist fraglos die Ära der Light-Vampire angebrochen.

Was sagt das über unsere Beziehung zu den Banken? So wie die Blutsaugerpopulation wird sich auch die Finanzindustrie zum Guten wandeln. Man sieht die Metamorphose bereits. Banken geben heute dem gemeinen Bürger (selbst mit tätowierter Ehefrau und Sprachfehler) einen Hauskredit zum Nullkommatarif. Sie zahlen freiwillig eine Prämie, damit sie dem deutschen Staat Geld leihen dürfen. Die Commerzbank ist festen Willens, ohne weitere Steuergelder klar zu kommen. Und: Banken finden plötzlich Geld, brauchen also kein frisches bei der Fed oder EZB drucken zu lassen, was uns alle vor der größten Pein der Menschheit, der Inflation bewahrt.

So haben Angestellte einer Bank in Ohio neulich einen Scheck von Abraham Lincoln in ihrem Tresor entdeckt. Einen Schuldschein über 800 Dollar, der sich jetzt blöderweise nicht mehr einlösen lässt. Aber der Versuch, die intrinsische Motivation, alles Monetäre zusammen zu kratzen, ist ja mindestens so lobenswert wie die geglückte Tat.

Eben deshalb wäre eine Finanztransaktionssteuer hundsgemein, ungerecht und ungerechtfertigt sowieso. Hat schon bei den Vampiren nicht geklappt. Zunächst als Mundgeruchsabgabe geplant sollte schlussendlich eine europaweite Bluttransfusionssteuer eingeführt werden. Ging natürlich schief. Rumänien hat nicht mitgemacht - aus Sorge um den Bösenplatz Transsylvanien.

Mehr lesen über