Die Wirtschaftsglosse Hexen in Düsseldorf

Jetzt auch noch der Mindestlohn - die CDU wird immer sozialdemokratischer. Wie kann Merkel da am Ende des Tages noch plausibel machen, dass man sie wählen soll? Bei der Düsseldorfer CDU zeichnet sich eine Lösung ab: Dort kümmert man sich nun um "abergläubische Praktiken". Das dürfte auch EZB-Chef Mario Draghi interessieren.
Doch nur ein Halloween-Kostüm: Die CDU kümmert sich um Übersinnliches

Doch nur ein Halloween-Kostüm: Die CDU kümmert sich um Übersinnliches

Foto: dapd

In der CDU ist großes Aufräumen angesagt. Schluss mit den Albernheiten der Vergangenheit, auch diese Partei soll in der Gegenwart ankommen. Als eine der ersten hat Ursula von der Leyen dazu mit ihren Vätermonaten beigetragen. Damit stellte sie in Frage, dass sich ausschließlich Frauen um den Nachwuchs kümmern, und rührte so an einer Grundkonstante der Union, an den familienfreien Rückzugszonen der Männer. Ein bisschen Neid auf traditionelle Muslime mag da bei den Christdemokraten schonmal aufkommen.

Seither hat sich die Parteivorsitzende Angela Merkel an die Spitze der Aufräumbewegung gesetzt. Geübt im Beseitigen großer Hindernisse ist sie, seit sie den Parteipaten Kohl beiseite schaffte. Dagegen sind ihre weiteren Projekte nur Kleinkaliber: Der Ausstieg aus der Atomtechnik und nun der Mindestlohn.

In allen drei Fällen geht es um Selbstverständlichkeiten, die nur in der CDU noch nicht geläufig sind: Dass Kohl sich nicht an die eigenen Gesetze hält, dass Atomspaltung auch Gefahren birgt und dass es immer Arbeitgeber gibt, die nicht freiwillig Lohn zahlen.

Doch der frische Wind der beiden CDU-Politikerinnen, er weht nicht überall in der Partei. Wenn schon der Glaube ans Atom und an gerechte Arbeitsmärkte nicht mehr zum Parteiprogramm zählt, so muss doch wenigstens ein anderer Aberglaube gestärkt werden: Der an das Unwesen von Hexen.

Ein Urteil von 1738

Die Hauptstadt des Widerstands ist - völlig unerwartet - Düsseldorf. Denn dort wird gerade dafür gesorgt, das Recht bleibt, was Recht war. Und sei es das Recht von 1738, als auch im Rheinischen versuchte wurde, dem grassierenden Hexenunwesen den Garaus zu machen.

Kein Witz: Gerade wurde beschlossen, dass in Düsseldorf die Urteile aus einem prominenten Hexenprozess von damals weiter Bestand haben. Einen Antrag, Helena Curtens und Agnes Olmans zu rehabilitieren, lehnte der zuständige Kulturdezernent, Hans-Georg Lohe (CDU), ab. Die Damen aus dem Ortsteil Gerresheim waren weiland auf dem Scheiterhaufen hingerichtet worden.

Der Rest der Welt fragt sich: Wer reitet Lohe? So lohnt es, sich die Begründung des Dezernenten anzusehen. Zum einen sei er nicht zuständig. Der Rat der Stadt sei nicht Rechtsnachfolger des bergischen Landgerichts, das immerhin "nach langer Beweisaufnahme" zu seinem Urteil gekommen war.

Zum anderen beruft sich die Düsseldorfer CDU auf die Beurteilung eines Theologen, wonach die beiden Damen in "abergläubische Praktiken" verwickelt gewesen seien. Wirklich entsetzlich: Die eine hatte Geister gesehen und eine taube Stelle auf der Haut, die andere hatte ihr eine Schmerzsalbe verabreicht. Teufelszeug!

Wenn sich also die Union in den vergangenen Jahren der SPD politisch immer mehr angenähert hat, so bleibt als Unterscheidungsmerkmal immerhin die Zuständigkeit fürs Überirdische. Gott, Teufel und quasi-ewige Kanzler, das ist nicht die Sache der Sozen.

Es liegt auf der Hand, wie die Partei daraus politisches Kapital schlagen kann. In Düsseldorf wird schon jetzt jeder Naturheilpraktiker kritisch beäugt: Sind das satanische Salben da in den Tiegeln? Wer weiß, wo der Feind steht, weiß auch, wen er wählen muss.

Das stellt auch wirtschaftspolitische Entscheidungen in ein anderes Licht: Ab wann gelten Geistererscheinungen und Wachträume als Hexenwahn? Reicht es schon, einen Schuldenschnitt zu beschließen, dessen Existenz man monatelang geleugnet hat? Ist der neue EZB-Präsident Mario Draghi ein Wesen der Finsternis, weil er in der Eurokrise eine steigende Inflation heraufbeschwört?

Bleibt zu hoffen, dass in Düsseldorf niemand auf die Idee kommt, Ursula von der Leyen und Angela Merkel den Teufel auszutreiben.

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