Dienstag, 2. Juni 2020

Die Wirtschaftsglosse Gallische Kragenreißer

Da geht's ihm an den Kragen: Händeschütteln ist für Nicolas Sarkozy okay, aber wann er in der Menge badet, möchte er doch lieber selbst bestimmen

Kleine Torte statt vieler Worte, so sahen innovative politische Protestprogramme bisher aus. Jetzt aber ist gereizten Gegnern noch der Kuchen zu teuer. Ein Wutbürger hat Frankreichs Präsident am Sakko gezogen. Haben die Franzosen nicht mal mehr Backwaren? Müssen wir uns am Ende des Tages Sorgen um unsere Nachbarn machen?

Politischer Protest kann sich vielfältig äußern. Man kann wählen gehen und dafür sorgen, dass die, die man nicht gut findet, durch welche abgelöst werden, die einem besser gefallen. Wenn man nicht bis zur nächsten Wahl warten möchte, kann man auch demonstrieren gehen. Durch Inhalte kann dabei notfalls gekürzt werden, wie bei jenem Demonstranten, der jüngst bei einer Kundgebung zu aktuellem Anlass (Atom, Stuttgart 21, kann aber auch irgendeine Kürzung, Streichung oder Schließung gewesen sein. Oder Bildungspolitik.) ein Schild mit der Aufschrift "Ich bin so sauer - ich hab ein Schild gebastelt" trug. Das kann man immer wieder verwenden. Eine prima Idee.

Wer Politik allerdings persönlicher nimmt, für denen bietet sich auch für den Protest eher die persönliche Schiene an, gern auch mit individueller Note. Die Konditoren-Internationale etwa bewirft missliebige Personen mit sahnereichem Backwerk. Zuletzt musste der erzkonservative belgische Erzbischof André-Joseph Léonard (Achtung: jetzt kommt ein feinsinniges Wortspiel!) dran glauben, als er im April bei einer Konferenz mit nicht weniger als vier Torten beworfen wurde - eine gab's noch vor der Eingangstür, drinnen wartete reichlich Nachschlag.

Maren Hoffmann
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Maren Hoffmann
Der damalige US-Präsident George W. Bush hatte sich seinerzeit vor Schuhwerfern (Größe 44) ducken müssen, und der russische Oppositionelle Garri Kasparow (genau: das Schachgenie) wurde bei einem Presseauftritt sogar einmal von einem ferngesteuerten, fliegenden männlichen Genital mit etwas unklarer Symbolfunktion unterbrochen, das sich respektabel lange in der Saalluft halten konnte, bis ein Bodyguard ihm mit einer beherzten Sprung-Schlag-Kombination den Garaus machte.

Und jetzt das. In Frankreich sei Präsident Nicolas Sarkozy das erste Mal in seiner Amtszeit tätlich angegriffen worden, vermeldeten die Agenturen aufgeregt (Tortenattacken werden offenbar nicht gezählt, denn auch Sarkozy gehörte schon zu den Zielpersonen der organisierten Kuchenwerfer). Ein Mann hat ihn am Sakkokragen gezogen. Das ist einerseits ein eher kleiner Angriff, andererseits ist Sarkozy auch ein eher kleiner Mann.

Die Wirtschaftsglosse im manager magazin
Jeden Freitag eröffnen Autoren aus der Print- und Onlineredaktion von manager magazin einen anderen Blickwinkel auf das Wirtschaftsgeschehen: Weniger kursrelevant, aber am Ende des Tages umso unterhaltsamer.
Immerhin hat der Präsident die Beherrschung behalten. Er geriet noch nicht mal ins Wanken. Und gesagt hat er auch nichts. Das war vor drei Jahren noch anders: Da wollte Sarkozy einem Bürger die Hand schütteln, der aber verweigerte: "Du berührst mich nicht. Du beschmutzt mich." Sarkozy konterte damals mit einem herzlichen "Hau doch ab, du Idiot", was ihm ebenso viel heimliche Sympathie wie öffentliche Kritik einbrachte.

Jetzt geht ihm ein Wutbürger an den Kragen. Sarkozy, dem Selbstzweifel wenig liegen, sieht das bestimmt positiv: Immerhin hat das Volk keine Berührungsängste mehr, ist doch schon mal ein Fortschritt.

Für den voreingenommenen Beobachter hingegen ist das Sakkozurren ein Zeichen des Niedergangs. Torten setzen Engagement voraus, in der Küche wie auf der Straße, Schuhe Gelenkigkeit und Leidensfähigkeit (barfuß in die kalte Arrestzelle), aber Kragenreißen? Das ist so bemitleidenswert unoriginell. Man muss ernsthaft den Verfall politischer Protestkultur beklagen, wenn es in der Grande Nation (Eigenwerbung) heutzutage nicht zu mehr reicht als dem Landesvater am Sakko zu zerren wie ein quengelndes Kind. Ach, Frankreich.

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