Die Wirtschaftsglosse Über allen Gipfeln ist Unruh'

Klimagipfel, G 20, Stuttgart 21, IT und viele viele Summits: Es wird gegipfelt als gäbe es kein Morgen. Am Ende des Tages erscheint dringend geboten: eine neue Konferenz der Tiere.
Klimagipfel-Katastrophe in Cancun: Man verliert schon mal den Überblick, wo überall gegipfelt wird

Klimagipfel-Katastrophe in Cancun: Man verliert schon mal den Überblick, wo überall gegipfelt wird

Foto: Alexandre Meneghini/ AP

Unter Himalaja-Kletterern und sonstigen Bergfexen ist das Phänomen ja sattsam bekannt und gefürchtet. Die ständige Hatz nach dem nächsten 8000er ist ein Krankheitsbild: "Gipfelgeilheit" nennen Suchtmediziner den rauschhaften Aufwärtstrieb.

Ja, holladihiti, sind wir denn alle auf Droge? Man muss sich nur mal vergegenwärtigen, wo überall gegipfelt wird. Da haben wir den Integrationsgipfel halbwegs fremdenfreundlich hinter uns gebracht, G 20, EU-Afrika und OSZE überstanden, dem IT-Gipfel in Dresden innerlich beigewohnt, dem Gipfel zum Schutz der Raubtiere (Gastgeber, kein Witz: Wladimir Putin) die Daumen gedrückt, beim Klimagipfel in Cancun mitgezittert, auf dass ein weichgespültes Abschlusskommunikee gelinge.

Nicht zu vergessen den Hamburg-Summit: China meets Europe oder den Elektromobilitätsgipfel, zu dem die Erstbesteiger mit Luxuskarossen anreisten. Und beim pseudospaßigen Satiregipfel gähnen wir vor dem Bildschirm stets solidarisch mit.

Was kommt als nächstes? Der Einer-geht-noch-Gipfel? Nein, am 24. Januar dümpeln wir erst einmal auf dem Gipfeltreffen zur Piraterie. Ja, man möchte sich in das Horn von Afrika stürzen. Wir geben wirklich unser Bestes aber irgendwann reicht's.

Die Möbelindustrie kommt mit der Produktion runder Tische schon nicht mehr nach. Und wenn das Long-Term-Summit'le Stuttgart 21 Schule macht, werden wir uns vor regionalen Volksgipfeln nicht mehr retten können: Umgehungsstraßengipfel, Kohlekraftwerksgipfel, auch St.-Florians-Gipfel oder Nimby-Summits, auf denen darüber debattiert wird, warum der Hochspannungsmast - aus ergonomischen Gründen - am besten beim äh...Nachbarn steht.

Der Gipfelschwätzer wird zum anerkannten Ausbildungsberuf. Heiner-Geißler-Püppchen ersetzen den Gartenzwerg als deutsche Nationaldevotionalie. Gipfel-Kreuz löst Skat als der Deutschen liebstes Kartenspiel ab.

Der einzig wahre Gipfel, mit Daueraufenthaltsrecht in unserem Sprachschatz, ist im Grunde der Berggipfel. Berggipfel? Da war doch was. Genau, der International Mountain Summit. Dort berichten regelmäßig die Messners und Kammerlanders, wie es so zugeht da ganz oben, wo die Luft dünn wird und das Portemonnaie dick.

Wer den Begriff Gipfel vermeiden und alles ein bisschen tiefer hängen möchte, der bringt sich häufig in noch größere Geistesnöte. Wie geht's weiter mit der Pflege? Diese Frage wollte FDP-Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler gerade nicht auf einem Pflegegipfel behandelt wissen sondern in einem - so wörtlich - "Dialoggespräch". Was ja schon mal ein kommunikationstechnischer Fortschritt ist gegenüber einem Monologgespräch, gell! Puh, es wird Zeit für eine neue Konferenz der Tiere, die Erich Kästner einst ersann, um gegen die Inhaltsleere und Ergebnisarmut der Menschen-Gipfel zu protestieren. Mit drastischen Maßnahmen: Ratten vertilgten Akten, die eine Einigung blockierten; Mottenschwärme zerfraßen die Uniformen der Teilnehmer.

Ein Animal Summit 2.0? Gute Idee, wenn nicht, wer was von wem hält, schon vorab bei Wikileaks Verbreitung gefunden hätte. Depeschen hochrangiger Tierdiplomaten über den Löwen Alois ("eitel, aggressiv"), die Giraffe Leopold ("hochnäsig, halsstarrig") oder den Elefanten Oskar ("nachtragend, alles prallt an ihm ab"). So hagelte es einstweilige Verfügungen, bevor die ersten Einladungen verschickt wurden. Das ist der Gipfel - der Desillusion!

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