Montag, 19. August 2019

Die Wirtschaftsglosse Der pure Stress

Bis Ende Juli will die Europäische Union die bisher geheimen Banken-Stresstests veröffentlichen. Andere sind da schon weiter und machen die Ergebnisse ihrer persönlichen Stresstests ganz ohne Zwang publik - wie BP-Chef Tony Hayward.

Ein Stresstest untersucht, wie etwas oder jemand unter außergewöhnlicher Belastung reagiert. Das kann zum Beispiel eine Bank sein, ein Computersystem oder auch eine Person. Bei der Suche nach persönlichen Stresstests im Internet stößt man schnell auf Fragebögen, bei denen man Aussagen wie "Ich tue oft Dinge, für die ich keine Ausbildung bekommen habe" oder "Ich habe keine Lust, einen neuen Arbeitstag zu beginnen" oder auch "Wenn ich die Chance hätte, würde ich mir sofort einen neuen Job suchen", als wahr oder falsch bewerten muss.

Maren Hoffmann
Maren Hoffmann
Der Satz "Ich will mein Leben wiederhaben" findet sich in dieser Formulierung nicht auf dem Fragebogen, passt aber genau ins Schema. Seinem Verkünder, BP-Chef Tony Hayward, kann man es nur hoch anrechnen, dass er wenigstens in diesem einen Punkt ganz ehrlich war und einfach mal seinen persönlichen Stresstest öffentlich gemacht hat.

Dieser Umgang mit den Bedürfnissen der interessierten Öffentlichkeit hat Vorbildcharakter, und wenn jetzt auch die Banken nachziehen und ihrerseits die Ergebnisse ihrer Stresstests öffentlich machen, wächst damit der Druck auf andere wichtige Teilnehmer am wirtschaftlichen und politischen Geschehen, deutlich mehr Offenheit zu zeigen, Stresstests zu absolvieren und die Ergebnisse multimedial zu kommunizieren. Denn schließlich wollen wir nicht nur wissen, wie krisenresistent unsere Banken sind, sondern auch, wie hart unser Führungspersonal im Nehmen ist.

Bundespräsidenten zum Beispiel. Obwohl: Das ist derzeit schwierig, weil unser letzter amtierender Bundespräsident seinen persönlichen Stresstest mittendrin abgebrochen hat. Und Angela Merkel sieht derzeit so wenig fröhlich aus, dass man ihr nicht auch noch einen Fragebogen mit Aussagen wie "Meine Verbesserungsvorschläge werden ernst genommen" oder "Ich werde für Dinge verantwortlich gemacht, auf die ich keinen Einfluss habe" vorlegen möchte.

Letztere Aussage allerdings führt uns zurück zu Tony Hayward - denn im Grunde ist es ja noch viel stressiger, wenn man für Dinge verantwortlich gemacht wird, auf die man hätte Einfluss haben können. So betrachtet, ist das Leben ein einziger Stresstest - und die Ergebnisse sind eigentlich schon öffentlich. Man muss nur hinsehen.

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