Mittwoch, 21. August 2019

Die Wirtschaftsglosse Tief im Ausschnitt einer Studie

Schokolade ist gut fürs Herz, Fußball-Länderspiele aber nicht. Das sagen uns verlässliche Statistiken. Ebenso, wer die Fußball-WM gewinnt, zumal wenn der Schiri Linkshänder ist. Das ist am Ende des Tages mehr Information, als man haben wollte.

Deutschland wird Weltmeister. Im Schnitt haben wir bei allen Fußballweltmeisterschaften Platz 3,7 belegt - wobei "wir" nicht heißt, dass der Autor dieser Zeilen dazu etwas beigetragen hätte. Das mit Platz 3,7 stimmt aber, das hat der Physiker Metin Tolan ausgerechnet. Und weil die tatsächlichen Ergebnisse immer in einer Sinuskurve um diesen Mittelwert oszillieren, erreichen wir heuer Platz 1. Hoffen wir, dass die Schiris in Physik aufgepasst haben.

Immer pünktlich zu großen Fußballwettkämpfen tauchen die abstrusesten Studien auf. Tolan kann man ja noch zugute halten, dass er das eigene Gedankenspiel als "hochseriös" verspottet. Andere meinen so was ernst.

Matthias Kaufmann
Matthias Kaufmann
Demnach sind etwa Computernetzwerke schlechter geschützt, solange WM-Spiele laufen, weil die Administratoren vor der Glotze statt vorm Rechner sitzen; große Spieler werden häufiger des Foulspiels bezichtigt als kleine; spielt die deutsche Mannschaft, haben dreimal so viele Landsleute einen Herzinfarkt als sonst.

Bei Fußballkommentatoren gehört Statistiknonsens längst fest zum Handwerkszeug. Die erklären dann schon mal, dass Spieler Lukas Schweinsacker bei keinem Länderspiel je eine Niederlage erlebte, bei dem bis zur 18. Minute mehr als fünf gelbe Karten gezeigt wurden - aber nur, wenn der Unparteiische Linkshänder war.

Das ist infam, denn eigentlich sind sinnfreie Studien ein Privileg der Ökonomen und Sozialwissenschaftler. Etwa die periodisch wiederkehrende Studie, wonach Jugendliche zu wenig über die Wirtschaft wissen. Zuletzt meldete dies der Bundesverband deutscher Banken und klagte, dass mehr als die Hälfte der Deutschen unter 18 Jahren nicht wisse, was Inflation ist. Kaum einer kannte zudem die aktuelle Rate. Geschweige denn die derzeit gültigen Immobilienzinsen.

Was soll man damit anfangen? Das mit der Inflation werden die noch früh genug merken. Es wäre aber mindestens ebenso beunruhigend zu erfahren, wie viel die Wirtschaft über die Jugend weiß. Außerdem überrascht der alarmierende Ton der Mitteilung. Schließlich kann sich das Bankgewerbe doch freuen: Mit ahnungslosen Kunden hat man leichtes Spiel.

Das Problem ist, dass die meisten Studien sich auf einen so kleinen Ausschnitt konzentrieren, dass die Realität nicht mehr im Blickfeld liegt. Wie in der Mode lenkt ein Ausschnitt den Blick zwar auf Interessantes, verhüllt aber das Entscheidende.

Am besten, man sucht sich die Studie aus, die einem passt. Etwa die Untersuchung des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung, wonach Schokolade den Blutdruck senkt und gut fürs Herz ist. Damit lässt sich prima der Infarkteffekt von deutschen Turnierspielen dämpfen. Vor allem, wenn mal wieder einer dieser typischen 2,30-Meter-Lulatsche, wie sie der Fußball ja notorisch hervorbringt, ungerechtfertigt Rot kassiert.

Was ist noch sicher, wenn es schon Studien nicht sind? Eine von uns frei erfundene Studie des Sozialforschungszentrums Reinbek hat kürzlich ergeben, dass weit über 90 Prozent aller deutschen Jugendlichen unter 18 sind. Und eine repräsentative Studie, bei der vier Kollegen befragt wurden, fördert zu Tage, dass etwa 67 Prozent der täglich veröffentlichten Studien Blödsinn sind. Mindestens.

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