Die tägliche Wirtschaftsglosse Der Markt hat immer Recht

Dreistes Pack, diese Märkte: Sie fordern Haushaltsdisziplin und sie treiben unsere Bundeskanzlerin in Entscheidungen, die sie eigentlich aussitzen wollte. Sie sind einflussreich, aber eine Resozialisierung könnte ihnen guttun. Ob ihnen das klar ist? Am Ende des Tages sollte man die Märkte einfach selbst fragen.

Sehr geehrte Märktinnen und Märkte,

ich wende mich an Sie in der Hoffnung auf ein Interview. Ich denke, es ist Zeit, dass Sie sich einer breiten Leserschaft vorstellen. Zwar sind Ihre Herzenswünsche - maximale Geschäftsfreiheit, minimaler Staatseinfluss - den meisten geläufig. Wir aber würden gerne ihre verborgenen Seiten kennenlernen: Wer sind Sie eigentlich? Wie wurden Sie, was Sie sind? Es wäre meines Wissens Ihr erster direkter Medienauftritt überhaupt - und welches Magazin wäre dazu besser geeignet als unseres?

Ihre Medienabstinenz ist sprichwörtlich. Nicht zuletzt gibt sie Heerscharen von Analysten die Möglichkeit, in Ihrem Namen zu sprechen. Dabei sind Sie und Ihre Ansprüche allgegenwärtig. So war dieser Tage zu lesen, Angela Merkel sei "von den Märkten getrieben". Der französische Präsident Nicolas Sarkozy wurde zitiert, die Rechtsgrundlage des Euro-Rettungsschirms sei unerheblich, "da die Märkte diese Frage nicht interessiere".

Diese Diskrepanz weckt unser Interesse: Extreme Geheimniskrämerei auf der einen Seite, maximale Interessendurchsetzung auf der anderen. So macht sich heute kaum jemand die Mühe zu fragen, ob Ihre, die Interessen der Märkte, berechtigt sind. Im Gegenteil, für praktisch beliebige politische Projekte genügt der Verweis auf Ihre Vorlieben als umfassende Begründung. EZB-Präsident Jean-Claude Trichet gab mehrfach zu Protokoll: "Der Markt hat immer Recht." Chapeau, dieses Standing muss man erstmal haben! Das ist eine Meisterleistung, die vorher nur sozialistischen Einheitsparteien gelungen ist. Wie haben Sie das geschafft?

Mir scheint allerdings, Sie könnten in letzter Zeit überreizt haben. "Die Märkte haben gegen Griechenland spekuliert", mussten wir melden - gegen ein ganzes Volk! Schon schlawenzelten Sie um Spanien, Portugal und Irland herum, nichts Gutes im Schilde führend. Jüngst wurde gar von einem "systemischen Großangriff der Märkte auf den Euro" berichtet. Mit Schaudern nehmen immer mehr Zeitgenossen ihr aggressives Potenzial wahr und zweifeln an Ihrer Kompetenz. Undenkbar noch vor kurzem, sagte EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso neulich: "Die Märkte irren sich." Woher nehmen Sie da das Recht, harmlose Währungen und unbescholtene Bürger anzugreifen?

Der Verweis auf das Wohlbehagen der Märkte, der in den 90er Jahren sogar Sozialdemokraten zu überzeugen vermochte, könnte bald eher gegen als für eine Maßnahme sprechen. Weil Sie es an Zurückhaltung völlig fehlen lassen, laufen Sie, mit Verlaub, in eine Strategiefalle. Immer aggressiver müssen Sie zuschlagen, um sich durchzusetzen. Ihre Akzeptanz erodiert so immer schneller. Ihnen droht letzten Endes die Kriminalisierung.

Auch dazu würde ich Sie gerne befragen. Immer mehr Politiker fordern Disziplinarmaßnahmen für Sie. Wäre es nicht klug, wenn Sie kooperierten? Wenn Sie auf die Menschen zugingen statt sie immer nur in Turbulenzen zu verwickeln. Ein Zeichen ihrerseits wäre hilfreich, das zeigt: Jeder Markt kann Regeln lernen.

Oder wollen Sie sich jeder Resozialisierung entziehen? Vielleicht gehen Sie ja den entgegengesetzten Weg, fort von der Zivilisation, weg vom menschlichen Faktor. Erste Tests zu einem komplett maschinenbasierten Börsenhandel scheinen Sie gerade durchzuführen, wie der massive Kurssturz der Wall Street am vergangenen Donnerstag nahelegt.

Gänzlich befreit könnten Sie agieren, wenn Sie auch die letzten Bezüge zur Realwirtschaft abstreiften. Bewertung von Unternehmen ließen sich deutlich spektakulärer gestalten, wenn Sie die Fakten noch mehr als bisher, nämlich völlig, außer Acht ließen. Warum auch nicht? So funktioniert schon das Börsenspiel an jeder mittelmäßigen Realschule. Wäre das eine langfristige Perspektive für Sie?

Ich hoffe, ich habe Ihr Interesse an einem kontroversen wie inspirierenden Gespräch geweckt. Über einen persönlichen Termin würde ich mich sehr freuen.

Mit freundlichem Gruß, Ihr M. Kaufmann

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