Die tägliche Wirtschaftsglosse Wir sind Leistungsträger

Der Beste kriegt am meisten Geld. Ein Prinzip von schönster Klarheit. Nur: Am Ende des Tages zählt doch vor allem, wieviel er davon auch behalten darf. Ist ein stattlicher Steuerabzug also auch ein Statussymbol?
Von Geza Frei

Es traf ihn mitten ins Herz. Josef Kaiser spürt immer noch den Stich. "Der motivierte Leistungsträger", flüstert er vor sich hin, und observiert im Spiegel seine Gesichtszüge. Bemerkt gar nicht, dass Klara plötzlich im Türrahmen steht. "Gesichtsgymnastik?" Kaiser grinst verlegen und seine Frau nutzt den Moment schamlos aus - "Josef, Du nimmst doch die Kinder mit?!" Bevor er etwas sagen kann, ist sie wieder verschwunden.

Am Vorabend ging es um andere Fahrgäste. "Sie müssen schon den motivierten Leistungsträger mitnehmen!" Genauso hatte es der junge Feuchthaarminister seinem fuchsteufelwilden Widerpart in der Talkshow vor die Füße geworfen. Dabei stritten sie sich ganz vergnüglich über "kalte Progression", grad so, als ginge es nicht um staatlich verabschiedete Steuergesetze, sondern um perfide Delikte aus dem Nachlass des Doktor Mabuse.

Die Steuerfrage interessiert Josef Kaiser nicht im Geringsten. Was ihn beunruhigt, ist die Definition von Leistungsträger. "Da zählt ja schon die Erzieherin dazu", belehrte der eine Ministeriale den anderen. Wie bitte? Die schlecht gelaunte Zicke, die das Privileg hat, seine kleinen Genies zu betreuen, und jede seiner Verspätungen mit giftigen Blicken straft, die soll eine von uns sein? Genauso wie der hochnäsige KFZ-Meister, dem Kaiser regelmäßig seinen Porsche anvertraut und dafür mit völlig überzogenen Rechnungen büßen muss.

Nun klingt Leistungsträger für Kaiser auf einmal demütigend, wie Zuträger, Wasserträger, Hosenträger. Dabei wiegte er sich immer in der Sicherheit, ER sei der Prototyp des Leistungsträgers schlechthin. Jetzt muss er sich neu wappnen.

Natürlich ist er Premium Class. Steuerlich sowieso, das ist halt der Nebeneffekt eines stattlichen Einkommens. Na und? Die Abgaben ließen sich senken; Kleinlich, seinem Steuerberater, ist noch immer etwas eingefallen. Aber als wahrer Leistungsträger ließ Kaiser sich nicht auf eine Stufe herabsetzen mit diesen Dienstleistlern. Nur ein einziges Mal übte er Verrat am Instinkt seiner Klasse: Als er offen bekannte, "ich habe noch nie so wenig Steuern bezahlt wie unter Schröder" und frohlockte, so einen Sozen kann man doch wählen. "Herr Kaiser", flüsterten ihm daraufhin die Kollegen aus den Dax-Vorständen vorwurfsvoll zu, "wir sind doch Leistungsträger!" Nun aber würde er am liebsten doch die Sozen wählen, sogar liebend gern Reichensteuer zahlen. Damit wieder jedem klar ist - Josef Kaiser trägt schwer an seiner Leistung.

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