Samstag, 14. Dezember 2019

Die tägliche Wirtschaftsglosse Hirn am Himmel

So macht man sich keine Freunde. Erst der Bankencrash, dann auf einmal riesige Wolken von Asche - über Island stöhnt ganz Europa. Aber am Ende des Tages sind die dunklen Zeichen am Himmel womöglich nur Folgen eines viel, viel älteren Konflikts.

Wie entstehen eigentlich Wolken? Für Isländer, die noch in der traditionellen Sagenwelt der liebenswerten Insel im Nordatlantik verwurzelt sind, kann es nur eine schlüssige Erklärung auf der Suche nach den Verantwortlichen geben: Es waren, klarer Fall, die Götter Odin und seine Brüder Wili und We, die den Urzeitriesen Ymir, einen zweigeschlechtlichen und daher recht kinderreichen Gesellen mit sechs Köpfen, in schwerem Kampf besiegten.

Maren Hoffmann
Maren Hoffmann
Aber damit nicht genug: Nach getaner Tat legten Odin Brothers erst richtig los und machten aus dem Riesen ihr Riesenprojekt. Aus Ymirs Blut schufen die kampfeslustigen Götter das Meer, in dem praktischerweise gleich fast alle Feinde des neuen Herrschergeschlechtes ertranken (es gab nachher keine Zeugen für die Tat), das Fleisch wurde zu Erde, die Knochen zu Bergen, die Haare zur Vegetation, und sein Gehirn warfen die übermütigen Sieger freudig in die Luft - dort wurde es zu Wolken.

Womit wir beim Thema des Tages wären, denn das Hirn am Himmel sinnt offenbar noch immer auf Vergeltung. Schon 1783 tötete eine riesige giftige Aschewolke aus Island jede Menge Vieh, versorgte halb Europa mit Kopfschmerzen und sorgte für flächendeckende Abkühlung. Dieser Tage legt Ymirs späte Rache immerhin noch den Flugverkehr lahm. Das wäre noch zu verschmerzen; schließlich sitzen in den Lounges der Flughäfen auch jede Menge Leute fest, die ihrer Eigenwahrnehmung nach genauso gut in ein Taxi steigen und sagen könnten: "Fahren Sie mich irgendwo hin, ich werde überall gebraucht."

Die Wirtschaftsglosse im manager magazin
Jeden Freitag eröffnen Autoren aus der Print- und Onlineredaktion von manager magazin einen anderen Blickwinkel auf das Wirtschaftsgeschehen: Weniger kursrelevant, aber am Ende des Tages umso unterhaltsamer.
Aber, auch das muss man bedenken, so eine Vulkanwolke enthält etliche hunderttausend Tonnen CO2. Energieunternehmen müssen pro Tonne, die sie in die Atmosphäre entlassen, ungefähr 14 Euro bezahlen. Tja, Island, das sieht schlecht aus. Ganz schlecht. Dass die tiefroten Sonnenuntergänge, die die Aschewolke hervorruft, perfekt zu den Landesfinanzen passen, ist da nur ein schwacher Trost.

Allerdings mag es doch noch einen Hoffnungsschimmer am abendlich roten Horizont geben. Etliche Experten meinen, die Wolke könne das europäische Klima dauerhaft signifikant abkühlen. Letztlich könnte Ymirs Rache so sogar noch einen Beitrag gegen die globale Erwärmung leisten. Vielleicht hat das Hirn am Himmel doch mehr mitgedacht, als man es dem grobschlächtigen Riesen zugetraut hätte.

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