Die tägliche Wirtschaftsglosse Erfolgssuche im Orient

Von Geza Frei

Als er frierend aufwacht, braucht er einen langen Augenblick bis er die Orientierung wieder findet. Wo ist er nur? Ach ja, im Orient! Soll das jetzt ein Witz sein? Ist es nicht. Mit den Lebensgeistern kommt das Bewusstsein wieder - heute wird ein ganz großer Tag werden im Leben des Chief Executive Officer Josef Kaiser und seines Großunternehmens, seines ganzen Landes sogar.

Heute wird die Stunde schlagen, in der er nach fast dreijährigen zähen Verhandlungen endlich den Milliardenauftrag unterschreiben wird, an dem so viel hängt. Für ihn, für den Konzern und natürlich für die hier. "Ex oriente lux!", ruft sich Kaiser Selbstmotivation zu und springt aus dem Bett. Diese Reise ins Morgenland wird eine einzige Erfolgsstory werden. Win win for everybody! Entschlossen reibt er sich die Gänsehaut von den Unterarmen.

Gestern empfing ihn der König von, wie hieß noch einmal diese kleine Insel, die sich so wild dem Fortschritt und Wachstum verschreibt? Ach ja, Bahrain. Der Wirtschaftsminister dort berichtete ihm mit drohendem Unterton, man blicke aus seiner geografischen Position auf die kommenden Weltmächte China und Indien, die direkt vor der Haustür liegen. Auch seien viele Projektangebote aus Deutschland preislich gar nicht attraktiv.

Aber der König empfängt ihn dann doch in seinem prächtigen Palast und schenkt ihm einen goldenen Säbel, während sein Stab wiederum eine Skulptur von Friedrich dem Großen überreicht. Kaiser versteht das eine so wenig wie das andere, ist aber so auf das Protokoll konzentriert, und darauf, Bella Figura zu machen, dass er keine weiteren Gedanken daran verschwenden kann. Schließlich soll ein Deal eingefädelt werden.

Dann der Anflug auf die Emirate, auf Abu Dhabi und den Großauftrag, der endlich unterschriftsreif ist. Kaiser logiert in der Präsidentensuite und wieder einmal ärgert ihn, dass die Raumtemperatur zum gefühlten Gefrierpunkt heruntergekühlt ist. Er sucht die Klimaanlage, will sie auf Heizung umschalten, doch als er sie endlich ausfindig macht, kann er sie nicht handhaben. Soll so sein großer Tag beginnen? Wie immer wenn etwas schiefläuft, ruft er Charly, seinen Spindoktor.

Es ist noch sehr früh am Morgen, aber Charly könnte nicht besser gelaunt sein. Trotz Zeitverschiebung hat er in der Nacht das Spiel FC Bayern gegen Manchester United gesehen. Während Kaiser sich mit Karl Schmalzlinger, seinem Vertriebsvorstand, schon am frühen Abend zurückzog, um noch einmal das Szenario der bevorstehenden Vertragsunterzeichnung durchzugehen. Alles soll schließlich perfekt ablaufen. "Historisch", nuschelt Schmalzlinger vor sich hin, als er sich schlussendlich verabschiedet.

"Der Angstgegner ist besiegt!", triumphiert Charly wieder und wieder. "3:2, verloren und doch gewonnen! Eine Sensation". Nur en passant erfährt Kaiser, dass der Scheik die für den Vormittag in seinem Herrscherhaus geplante Vertragsunterzeichnung verlegt hat, auf den Nachmittag, in die Wüste.

"In die Wüste?" Er ist fassungslos. Auf dem Lageplan hatte Josef K. stundenlang geübt, wie er im Prunkrefugium des Herrschers einen Schritt vor den anderen setzen würde, hatte sich eintrichtern lassen, bloß kein Bild und kein Detail zu sehr zu bewundern, weil es ihm der Gastgeber sonst nach guter Landessitte schenken müsste. Was natürlich für schlechte Stimmung sorgen würde. Und nun - Wüste?

Es ist eine große Ehre, weiß Charly zu beruhigen. Normalerweise darf nur der Scheik mit Privatmaschinen den Himmel der Emirate bevölkern. Nun steht eine Learjet-Flotte für uns alle bereit. In der Wüste liegt, historisch betrachtet, der Geburtsort der Herrscherfamilie. Hört sich nach Scheherazade an, mault Kaiser, trotz allem entschlossen, sich das große Ereignis nicht vermasseln zu lassen. 3:2!, jubelt Charly noch einmal und ballt die Fäuste. Ex oriente lux!, feuert sich Kaiser an, und fröstelt.

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