Die tägliche Wirtschaftsglosse Der alte Mann und die Börse

An der Börse geht es wieder aufwärts. Aber nur bis es am Ende des Tages einer zu laut in die Welt hinausposaunt.

Santiago glaubte schon vor siebzig Jahren daran. 84 Tage war er ohne Fang, aber er fuhr wieder raus aufs Meer. Und der alte Mann hatte Glück, ein ziemlich großer Marlin wollte seinen Köder. Er schnappte danach, schluckte ihn aber nicht gleich runter. "Was für ein Fisch", sagte Santiago da. "Jetzt hat er ihn seitlich im Maul, und er zieht damit fort."

Dann dachte sich der alte Mann, der Fisch werde wenden und den Köder schlucken. Aber das sagte er nicht. Denn wenn man etwas Gutes ausspricht, tritt es vielleicht nicht ein.

Das glaubte Santiago, das glaubte wohl auch Hemingway. Und das glauben heute offensichtlich viele Investmentstrategen, Fondsmanager und Vermögensverwalter, die um ihre Meinung zur Börse gebeten werden, wenn es, wie in diesen Tagen, gerade mal wieder aufwärts geht. Die Antworten dieser Leute lassen sich jedenfalls auf einen Nenner bringen: Es geht aufwärts. Aber.

Aber: Die Krise ist noch nicht wirklich vorbei. Aber: Der konjunkturelle Aufschwung ist noch brüchig. Aber: Denken Sie an die PIIGS.

"Seien Sie bloß vorsichtig mit einem Einstieg in den Markt", rufen uns die Experten also unisono zu.

Aber was denken die sich dabei? Was sprechen sie nicht aus, vielleicht aus Furcht, es könnte dann nicht eintreten. Vielleicht ja: "Hm, noch zwei Wochen Hausse, und ich kann mir den neuen Cayenne bestellen."

Vielleicht aber auch: "Wow, was für eine Hausse, kein Ende in Sicht, demnächst startet auch noch die Wirtschaft vollends durch, dann steht dem Kursanstieg überhaupt nichts mehr im Weg."

Es gibt nur eine Erklärung: Die Profis wollen den großen Fisch für sich alleine. Und das geht nur, so lange Milchmädchen Hinz und Taxifahrer Kunz keine Aktien kaufen.

Aber wo führt das hin? Santiago hatte seinen Fisch auch exklusiv. Er band ihn an sein Boot und brauchte drei Tage für den Heimweg. Als er den Hafen erreichte, war vom großen Marlin nur noch das Skelett übrig. Die Haie hatten alles weggefressen.

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