Die tägliche Wirtschaftsglosse Kaiser und das Parfüm des Erfolgs

Josef Kaiser muss seine Quartalszahlen präsentieren. Ihm wird bange. Am Ende des Tages aber schüttelt er sich doch vor Lachen.
Von Geza Frei

Wie oft hat sich Josef Kaiser in dieser Nacht hin- und hergeworfen, und kann doch die Gespenster nicht loswerden, die ihm an die Gurgel wollen. Bösartige Fratzen und monströse Fangarme, die ihn zu erwürgen drohen. Unerträglich. So geht das jede Nacht und schon die ganze Woche lang. Kaiser ist erschöpft. Demnächst wird er seine Quartalszahlen vorstellen müssen und die sehen, wie kann es anders sein in dieser Krise, nicht gut aus.

Gut, dass er auf einem freien Wochenende beharrte, ein seltener Genuss ohnehin. Aber was heißt schon "frei"? Am Abend würde er sich durch die Oper schleppen müssen. Er kann Oper nicht ausstehen. Doch er ist nun einmal, und das ist geradezu unbezahlbar, der Sponsor dieser bürgerlichen Bastion und muss sich dafür preisen lassen.

Im Anschluss an "così fan tutte" wird Kaiser der Lokalreporterin ein paar Bonmots zur Schule der Liebenden servieren; dem Feuilletonchef hingegen einen intellektuell verschwurbelten Schachtelsatz, den ihm Spin Doctor Charly zur Genüge eingetrichtert hat. Nichts wird schief gehen. Der Abend ein Heimspiel werden, sowie das anschließende Festmahl beim Intendanten zu Kaisers Ehren.

Den Tag will er genießen, das Frühstück mit Klara, später die Runde Golf. Needless to say: er ist ein erstklassiger Spieler. Sein Fahrer, Graumann, hat schon mit ehrerbietigem "Ihre Zeitungen, Herr Professor Kaiser", den Stapel auf dem Tisch abgelegt und sich zurückgezogen. Nur das Poltern der Haushälterin dringt noch aus der Küche, während seine Frau, wortlos und schon verdächtig lang, ihren Kopf im Boulevardblatt versteckt.

Beim Anlauf, mehr Zuwendung einzuklagen, fällt sein Blick auf die Schlagzeile "Kaiser gestürzt!". Ihm ist, als wäre er gegen eine Mauer gerannt, ein rasender Schmerz bahnt sich durch seinen Schädel. Wo eben noch heitere Leichtigkeit herrschte, ist nur noch Schwindel, schon sind die Monster wieder da, und das am helllichten Tag! "Wie ist es möglich, dass du vom Klassenprimus ins Nichts der Nobodys gefallen bist?"

Klara ist aufgebracht, als sie ihm die Rangliste der bestbezahlten deutschen Chief Executive Officers serviert. "An erster Stelle der Elefant im Porzellanladen, gefolgt von einem Blässling, der sogar in der Masse verschwinden würde. Und dann all diese überbezahlten Autofritzen, die auf ihren hochglanzlackierten Schrotthalden hocken. Sieht so der Zahltag der deutschen Wirtschaftselite aus?" Klara ist fassungslos! "Wie stehe ich denn nun vor meinen Freundinnen da?" Voller Verachtung zeigt sie auf einen Topf Marmelade: "Gerlinde wird uns in Zukunft die doppelte Ration mitbringen." "Und wenn schon", schärft Kaiser den Ton. Die Frau der Wirtschaftslegende Schaber-Kelle findet nun einmal ihr eigenhändig Eingewecktes jedem anderen Gastgeschenk haushoch überlegen.

Sein Einwurf stachelt Klara an. "Wo bleibt Josef Kaiser Superstar?" "Schau Warren Buffet an", will Kaiser, zwischen amüsiert und verärgert, Klara auf die Spur setzen. "Einer der reichsten Männer der Welt lässt sich seit drei Dekaden nur ein Jahresgehalt von 175.000 Dollar auszahlen. Das kommt natürlich an." "Du bist aber nicht ...", sie hält inne. Kaiser hat verstanden, seine Mundwinkel versteifen. "Es ist nun einmal, wie es immer gewesen ist: Der Erfolg des Mannes ist das beste Parfüm der Frau."

Klara lenkt ein und ärgert sich gleichzeitig über ihre plumpe Strategie. Doch die zieht. Gemeinsam vermessen sie den Duft des Freundes- und Standeskreises. Als sie bei Bankchef Büding ankommen, rümpfen sie die Nase. "Der verdient weniger als seine Mutter an Witwenpension kassiert." Seine arme Frau!, Klara platzt vor Lachen. "Seine glückliche Mutter." Kaiser lässt sich anstecken und würde jetzt am liebsten seiner Frau erklären, wie schwierig es war, seine Einkünfte so zu verstecken, dass er ja nicht wieder über die öffentliche Hitliste triumphiert. Wer will das schon in diesen empfindlichen Zeiten? Ihn schüttelt's vor Lachen.