Dienstag, 17. September 2019

Die tägliche Wirtschaftsglosse Fantastilliardenfache Furcht

Die Krise verschiebt alle Maßstäbe. Zwar gibt es jetzt weniger Milliardäre, doch zugleich hat die gute alte Tausend als Ausdruck besonders hoher Werte ausgedient. Am Ende des Tages regiert das Gesetz der großen Zahl.

Der Verdacht einer Verwechslung liegt oft nahe, wenn englische Texte mit großen Zahlen ins Deutsche übersetzt werden. Die billions der Angelsachsen sind unsere Milliarden, während eine deutsche Billion dort trillion heißt. Schon verwirrend.

Arvid Kaiser
Arvid Kaiser
Seit Ausbruch der Finanzkrise müssen wir aber immer häufiger auf Einwände von Lesern antworten: Nein, kein Irrtum. Tatsächlich, die US-Hypothekenbank Fannie Mae hat im vergangenen Jahr fast 75 Milliarden Dollar verloren. Dochdoch, der Markt für Credit Default Swaps ist wirklich mehr als 25 Billionen Euro groß (auch, wenn Sie noch nie einen solchen CDS gesehen haben).

Ja, mag sein, ein deutscher Durchschnittsverdiener müsste für diese Summe gut eine Milliarde Jahre arbeiten. Und ja, in Hundert-Euro-Scheinen wären das etwa 420.000 Fußballfelder oder aneinandergereiht mehr als 2000-mal die Strecke von der Erde zum Mond und zurück. Versuchen Sie erst gar nicht, sich das vorzustellen.

Große Zahlen können leicht einschüchtern. Das Prinzip erläuterte die Comicfigur Dogbert vor der Jahrtausendwende: "Ich bin ein Untergangsprophet geworden, um leichtgläubige Leute zu erschrecken. Ich erzähle allen, dass die Welt im Jahr 2000 enden wird. Meine bestechende Logik ist, dass 2000 eine große, runde Zahl ist. Sie ist GROOOSS und RUUUND."

Die Wirtschaftsglosse im manager magazin
Jeden Freitag eröffnen Autoren aus der Print- und Onlineredaktion von manager magazin einen anderen Blickwinkel auf das Wirtschaftsgeschehen: Weniger kursrelevant, aber am Ende des Tages umso unterhaltsamer.
Noch erheblich größer und runder sind manche Zahlen, die derzeit zum Thema Staatsschulden kursieren. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (das ist, ebenfalls schwer vorstellbar, die Zentralbank der Zentralbanken) hat jüngst vorgerechnet: Der deutsche Schuldenberg wächst, wenn wir ungebremst so weitermachen wie jetzt, bis 2050 auf 300 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Und andere Industrieländer trifft es noch härter, Japan kommt auf 600 Prozent. Nach heutigen Preisen wären das ungefähr drei Billiarden Yen. Falls noch Inflation hinzukommt, könnte die Rechnung leicht in die Trillionen gehen.

2050 ist gar nicht so weit entfernt. Mit etwas Glück zählen Sie und ich dann zu den Rentnern, die den jungen Millionären auf der Tasche liegen. Bis dahin heißt es, umzulernen und dem Gesetz der großen Zahl zu gehorchen - allein schon, weil sich Hyperinflation am Ende des Tages doch als der bequemste Weg erweisen könnte, mit der Schuldenlast fertigzuwerden.

Dann kommen wohl wieder Bilder wie die von den Bündeln aus 50-Millionen-Mark-Noten von 1923, die dann doch nur als Kinderspielzeug oder Heizmaterial endeten. Selbst darüber können die älteren Ungarn nur müde lächeln. Sie bekamen zur Währungsreform 1946 einen neuen Forint gegen 400 Quadrilliarden alte Pengõ getauscht. (Das ist eine Vier mit 29 Nullen.)

Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert, besagt ein altes Sprichwort. Das findet auch der knauserige Onkel Dagobert aus den Disney-Taschenbüchern - was ihn nicht daran hindert, sein Vermögen immer nur in Fantastilliarden anzugeben.

Wer in Zukunft die Wertmaßstäbe begreifen will, sollte jetzt Vokabeln aus dem Reich der großen Zahlen lernen. Die Chiffre für Größenwahn heißt - hätten Sie's gedacht? - Googol. Das ist eine Eins mit 100 Nullen, schon zu groß für die übliche Darstellung im Computer. Davon abgeleitet ist die Zahl Googolplex. Alle Teilchen im Universum würden nicht ausreichen, um die Ziffern aufzuschreiben. Versuche, eine solche Verzinsung aufs Tagesgeldkonto zu verlangen, dürfen vorerst als fruchtlos betrachtet werden.

Die laut Guinness-Buch der Rekorde größte Zahl, die jemals in einem sinnvollen mathematischen Beweis verwendet wurde, aber ist die Graham-Zahl. Sie ist laut Wikipedia "so extrem groß, dass nicht einmal Hilfsmittel wie der Hyperpotenz-Operator ausreichen, um die Definition dieser Zahl sinnvoll niederzuschreiben".

Fürchten Sie sich!

© manager magazin 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung