Dienstag, 28. Januar 2020

Die tägliche Wirtschaftsglosse Kaiser und der Albtraum der Macht

Josef Kaiser steht im Zenit seiner Macht. Allenthalben gefragt und bewundert, zerstören am Ende des Tages doch Albträume seine Kreise.

Der Tag hat prächtig begonnen. Noch ein Blick in den Spiegel, die Hände bügeln wie jeden Morgen imaginäre Falten über den Anzugtaschen glatt, streicheln über die Schläfen. Mit Genugtuung registriert Josef Kaiser, dass seine Zornesfalte tatsächlich kaum noch sichtbar ist, Dank Dr. Hui Wang und jener Spritze. Wunderbar! Und niemand kann ihm etwas Nichtmannhaftes nachsagen. Die Rechung ließ er vorsichtshalber auf Klara ausstellen, man weiß ja nie, was sich diese Schnüffler von den "Fotoagenturen" alles einfallen lassen.

Geza Frei
Geza Frei
Instinktiv schaut Kaiser auf sein nobles Uhrwerk, drei vor halb acht und just in diesem Augenblick betritt sein Fahrer mit seinem unverkennbar dreifachen Klopfen das Vestibül. Verlässliche Rituale, darauf kommt es an. "Guten Morgen, Herr Professor Kaiser", schon streckt Graumann die Hand nach der Aktentasche aus, verbeugt sich leicht als er ihm den Wagenverschlag aufhält. Nachdem Kaiser sich im Fond zurecht geräkelt hat, reicht er ihm die Zeitungen. Nur um noch einmal diese Anrede zu hören, die so schmeichelt, gibt Kaiser Anweisung, welche Strecke heute genommen werden soll, und Graumann retourniert sein zuverlässiges "Wie Sie meinen, Herr Professor Kaiser".

Erst als er die Zentrale betritt, scheint dem Chief Executive Officer die Luft an diesem Tag anders als gewöhnlich. Faulig. Dem Portier fehlt der gewisse Schwung, mit dem er ihm sonst das Portal aufreißt. Seiner Vorzimmergewalt Zieselinsky markieren schon zu dieser Stunde nervöse Flecken den Hals. Im nächsten Moment erstarrt er. "Guten Morgen Herr Professor Kaiser", schlägt es ihm wie Ohrfeigen ins Gesicht. Hinter seinem Schreibtisch, welche Entweihung des Thrones!, sitzt Mannheimer. Grinst mit einer Mischung aus Devotion und Arroganz und bringt sogar einen Schuss Feierlichkeit zustande: "Herr Kaiser, das Unternehmen ist Ihnen zu großem Dank verpflichtet, Sie sind befördert".

Die Wirtschaftsglosse im manager magazin
Jeden Freitag eröffnen Autoren aus der Print- und Onlineredaktion von manager magazin einen anderen Blickwinkel auf das Wirtschaftsgeschehen: Weniger kursrelevant, aber am Ende des Tages umso unterhaltsamer.
Als würde eine Kulisse ins Bild geschoben, stehen hinter Mannheimer plötzlich der gesamte Vorstand und sämtliche Länderchefs und applaudieren frenetisch. Kaiser wird jetzt von einem zweiten Kaiser ummantelt, einem aus purem Schweiß. Er bekommt keine Luft mehr, will sich den Hemdkragen öffnen, aber die Befehle, die sein Gehirn aussendet, kommen nicht in seinen Händen an. Noch einmal bringt er seine gesammelte Kraft auf, doch die Finger lassen sich partout nicht bewegen. Er würgt, ist nahe am Ersticken. Da wacht er, mit lautem Schrei auf.

"Das sind die ganz normalen Albträume der Macht", Klara schlägt lässig auf ihr Frühstücksei ein. "Kennst du nicht die Geschichte des Hohepriesters der Antike, der seinen Vorgänger ermordet und instinktiv weiß, dass auch ihn eines Tages das gleiche Schicksal ereilen wird? Bis zu diesem Tag, das ist nun einmal der Preis, wird das Leben des Mächtigen von Angst und Misstrauen beherrscht, sogar gegenüber seiner Frau." Jetzt blickt sie ihn strafend an, entscheidet sich dann aber doch für Milde und - streichelt seine Wange.

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