Samstag, 25. Mai 2019

Die tägliche Wirtschaftsglosse Wo der Schuh drückt

Wie werden wir in Zukunft leben? Und womit kann man eigentlich noch richtig Geld verdienen? Wer Antworten auf solche Fragen sucht, schaut sich derzeit gerne auf der Cebit um - dabei sind am Ende des Tages weitaus bodenständigere Branchen führend, wenn es um wirklich Neues geht. Zum Beispiel die Schuhindustrie.

Wie aus gewöhnlich bestenfalls mittelgut informierten Kreisen verlautet, kann man Social Communities, das Internet to go und Twitter getrost schon wieder vergessen, noch bevor man begriffen hat, wie man eigentlich Freunde von Followern unterscheidet. "Schuhe. Man zieht sie an und geht raus, um Leute zu treffen", soll der ranghohe Manager eines renommierten Softwarekonzerns jüngst auf die Frage geantwortet haben, an welchen heißen Produkten zur allgemeinen weiteren Vernetzung sein Konzern derzeit arbeite.

Maren Hoffmann
Maren Hoffmann
Das ist eine feine Idee, zeigt aber traurigerweise zugleich den Innovationsrückstand, mit dem internationale Hightech-Firmen weitaus bodenständigeren Wirtschaftszweigen hinterherhoppeln. Zum Beispiel der Schuhindustrie selbst. Der ist genau diese elegante Strategie, die eigenen Produkte a) überflüssig zu machen und b) trotzdem daran zu verdienen, schon gelungen: Für lustige fünfzehige Barfußschuhe und beunruhigend geformte Barefoot-Technology-Treter zahlen Leute viel Geld, um dann ihre neue Fußbekleidung möglichst noch nicht mal zu spüren.

Wir Wirtschaftsjournalisten stehen Schuhherstellern ja schon deshalb ausgesprochen wohlwollend gegenüber, weil sich in der Unternehmensberichterstattung so ausnehmend hübsche Wortspiele mit Redewendungen wie "hier drückt der Schuh", "Absatzschwierigkeiten" und "auf großem Fuß leben" drechseln lassen.

Die Wirtschaftsglosse im manager magazin
Jeden Freitag eröffnen Autoren aus der Print- und Onlineredaktion von manager magazin einen anderen Blickwinkel auf das Wirtschaftsgeschehen: Weniger kursrelevant, aber am Ende des Tages umso unterhaltsamer.
Aber letztlich muss man das Konzept der eben nur scheinbaren Schuhlosigkeit doch mal zu Ende denken. Man könnte den Leuten das Barfußgehen auch ganz ohne lästige Treter verkaufen - man geht in einen Laden, gibt dort seine beengenden Budapester ab, lässt ein hübsches Sümmchen da und läuft befreiten Fußes beschwingt auf nackten Sohlen von dannen, um endlich die Leute zu treffen, die man bisher nur auf Facebook gesehen hat.

Von dieser Grundidee der gegenleistungslosen Wirtschaft könnten eigentlich auch noch ganz andere Branchen profitieren, und damit meinen wir nicht nur die dunkleren Distrikte der Beratungsbranche und des Finanzsektors. Fürs Erste schlagen wir vor: Die Fertighausindustrie ("Endlich unter freiem Himmel wohnen"), Nahrungsmittelhersteller ("Nichts schmeckt so gut wie ein gesunder Appetit") und den Gartenbau ("Irgendwelches Gestrüpp kommt doch auch ganz von allein").

© manager magazin 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung