Mittwoch, 26. Juni 2019

Die tägliche Wirtschaftsglosse Als Gott die Grüne Woche erschuf

Schnäpschen und Prosecco noch vor dem Frühstück, Hochhaus-Lasagne mit Specklasur so gegen Mittag, Straußeneierlikör und Ziegenmilcheis für zwischendurch: Die Grüne Woche, der Deutschen liebster Hort des Vertilgens und Verschluckens, so erfahren wir am Ende des Tages, ist ein Geschenk des Himmels.

Man kennt die Bilder: Feucht-fröhliche Gaumenfreunde, die mit Bussen von weit her gereist sind, und sich von Weinprobe zu Fassanstich schunkeln. LandwirtschaftsministerInnen, die schon mittags in höchste Artikulationsnot geraten. Ssis wia ssuweit: Wir feiern Grüne Woche. Und das ist auch gut so: Die Sause ist sozusagen abgesegnet, und zwar von höchster Stelle.

Dietmar Student
Dietmar Student
So soll sich dereinst im Paradies folgender Dialog abgespielt haben. Wie die Story ihren Anfang nahm (Schlange-Adam-Apfel) ist sattsam bekannt.

Adam: "Schau an, ein Apfel. Wo kommt der denn her?" "Vom Baum der Erkenntnis", entgegnet die Schlange. Adam: "Hä? Was ist das denn für eine Herkunftsangabe? Kommt der aus Südafrika oder Neuseeland oder Chile? Oder stammt der vom Bodensee? Oder aus dem Alten Land?" Die Schlange ist versucht zu entgegnen: "Der stammt aus dem Alten Testament, du Schlaumeier"). Stattdessen zischelt sie etwas, das wie "fein, ein aufgeklärter Konsument" klingt.

Adam: "Ich achte nun mal auf meinen persönlichen CO2-Footprint. Jeder muss bei sich selbst anfangen." "Gewiss, gewiss", pflichtet die Schlange ihm rasch bei, aber Adam ist nicht mehr zu bremsen: "Also die Sache ist doch so. Heimische Äpfel weisen im Winter klimatechnisch eine bessere Bilanz auf als von weit her transportierte. Während hiesiges Obst im Frühjahr, nach langer Lagerung im Kühlhaus mit hohem Energieeinsatz, treibhausgasspezifisch eindeutig schlechter als Importware abschneidet. Daraus ergibt sich nun eine Reihe von Fragen. Erstens: Haben wir jetzt Winter oder Frühjahr? Zweitens: An welchem Baum in welcher Höhe in welchem Land hing dieser Apfel? Des Weiteren: Wie lang war, im Falle des Imports, der Weg zum Hafen, wie viel Sprit hat der Lkw verbraucht, wie stark war der Reifenabrieb, welches Wetter herrschte während der Überfahrt ..."

Die Wirtschaftsglosse im manager magazin
Jeden Freitag eröffnen Autoren aus der Print- und Onlineredaktion von manager magazin einen anderen Blickwinkel auf das Wirtschaftsgeschehen: Weniger kursrelevant, aber am Ende des Tages umso unterhaltsamer.
Die Schlange kann längst nicht mehr folgen, verdreht die Augen, muss fast würgen (war die letzte Ratte gestern doch schlecht?). Nein, sie hat einfach keinen Bock mehr auf dieses Gequatsche und schleicht sich lautlos, das ist schließlich ihre Stärke, von dannen. Während Adam immer weiter und immer lauter redet.

Dieses Wortgedröhne, man kann ihm ja nichts wirklich verheimlichen, hört der Herr. Und er kommt wieder einmal ins Grübeln, ob ihm denn Adams Geist und Gemüt so recht gelungen sind (sicher, gegen den Six-Pack-Corpus war nichts einzuwenden).

Sein Geschöpf ist mittlerweile bei der Funktionsweise des globalen CO2-Emissionshandels angelangt, der, doziert Adam, problemlos auch auf Äpfel oder Birnen ausgeweitet werden könnte. Wenn man nicht schleunigst etwas unternehme, dann sei hier oben nämlich bald Schicht: von wegen 1-A-blaue Wolken, himmlische Gefühle, Garten Eden und so ...

Da reicht es IHM. Gott wird nachhaltig sauer. Er wirft Adam aus dem Paradies, und seine Lebensabschnittsgefährtin, die verträumt an ihrem Feigenblatt häkelt, gleich mit. Die Schlange darf bleiben, wird auf Diät (Mäuse) gesetzt und begibt sich kurzzeitig in therapeutische Behandlung (wegen ihrer Phobie, ständig Footprints zu hinterlassen).

Und Gott muss eben noch mal ran. So investiert der Herr weitere sieben Tage in die Erde - und ersinnt die Grüne Woche. Wo sich Hunderttausende Adams und Evas und Aigners und Wowereits treffen, um zu schlemmen und zu schlucken und dabei an nichts denken, höchstens an die Unterdrückung ihres Würgereizes, aber schon gleich gar nicht an den CO2-Emissionshandel - die Grüne Woche quasi als gottgegebener, lukullischer Fingerabdruck.

Und so sind's (fast) alle zufrieden. Gut, die Schlange guckt noch gelegentlich unter sich, ob sie keine Spuren hinterlässt, was das Fortkommen doch beträchtlich erschwert (vielleicht ist noch eine Anschlussheilbehandlung in - genau - Schlangenbad angeraten). Eva häkelt nach wie vor mit Inbrunst und macht später unter anderem Namen Karriere als grüne Parteivorsitzende. Adam rutscht leider ins militante Milieu ab, spezialisiert sich auf Molotow-Cocktails (Sorte: Mango-Erdbeere-Kiwi) und beteiligt sich vermummt am gemeinschaftlichen Bioeierwerfen auf holländische Gewächshäuser.

Und Gott? Ja, der musste doch tatsächlich noch ein weiteres Mal nacharbeiten (die Erde ist halt "work in progress"). Fatalerweise hat er nämlich die Grüne Woche nach Berlin verpflanzt, woraufhin sich die Bayern so lange bei ihm beschwerten, bis sie als Kompensation ihre eigenen Grünen Wochen bekamen, die sie "d'Wiesn" nannten.

So hat der Herr den föderalen Infrastrukturausgleich en passant auch noch erschaffen. Aber das ist jetzt wirklich ein Thema für eine andere Glosse.

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