Die tägliche Wirtschaftsglosse Der Kaiserwald

Josef Kaiser hat große Pläne. Am Ende des Tages muss er der Gefahr entkommen, vor lauter Bäumen den Wald nicht zu sehen.
Von Geza Frei

Für Josef Kaiser hatte das alte Jahr mit einem Big Bang geendet, das konnte mittlerweile auch der hinterste Provinzler in der Zeitung nachlesen, und das neue prächtig begonnen. Er konnte nicht anders, als mit sich im Reinen zu sein. War er obendrein nicht ein Vorbild in diesen turbulenten Zeiten, wo man sich allenthalben nach Bodenständigkeit und Heimat sehnte? Bewusst hatte er in diesem Winter auf die Ayurveda-Kur im asiatischen Nobelresort verzichtet, und nur er wusste wie sehr sein geplagter Rücken die Terrorhandgriffe der zarten Thailänderin vermisste.

Hatte seinen Palazzo in der Toscana trotz heftiger innerer Widerstände zum Fest Bruder Franz und dessen ungezogenen Bälgern überlassen. Man war ja kein Unmensch. Sagte er sich immer wieder, während er den Ekel darüber verdrängte, wie Unbefugte seinen Tempel der Ästhetik befleckten. Man ist ja kein Unmensch. Erstaunlich, wie weit einen so ein albernes Mantra tragen konnte. Er musste das bei Gelegenheit seinem Mentalcoach beichten.

Nun also blickte er von seinem großen umgebauten Bauerngehöft oben in den Bergen des Tegernseer Tals auf den See. Griff unbewusst nach dem Fernglas, suchte die gegenüberliegenden Hänge ab, und entdeckte zu seinem immer wieder neuen Entzücken die Villa vom Alfred, das Anwesen vom Hubert, den Protzbau vom Wolfgang, das Kleinod der Modemaus S. Wie anmutig, dass er auf all sie hinunterschauen konnte. Ein warmes Gefühl machte sich auf die Reise durch seinen wohltrainierten Körper. Bis sein Blick auf den alten Walnussbaum vor seinem Fenster fiel und ihn zurückholte in die grausame Realität.

Der Baum, der Hain, die Fusion, die Integration, ... Josef Kaiser hatte im vergangenen Jahr durch einen genialen Schachzug das viel größere Konkurrenzunternehmen X im indischen Y übernommen, und wurde dafür aus allen Himmelsrichtungen gelobt und gepriesen. Halleluja! Analysten, Börsenheinis, Chronisten - alle überschlugen sich vor Begeisterung. Intuitiv spürte Kaiser die Gefahr, die darin lauerte.

Auch die größte Euphoriewelle konnte ihn nicht dazu bewegen, dass sein Mund überschwappte. Wie gern nur hätte er in die Welt hinausgeschrien, "gut gefressen, rülps"! Stattdessen fraß er Kreide. Ihm war schon speiübel. Herrgott nochmal, warum durfte ein Mann heutzutage die Dinge nicht mehr beim Namen nennen? Nicht mehr Krieger sein, obwohl doch alle von seinen Beutezügen wunderbar leben: die Firmen, die Frauen, das ganze freche Volk der Faulenzer und Schwätzer!

Wie sollte er noch die Sache mit den Bäumen verkraften? Wem hatte er diesen bodenlosen Blödsinn überhaupt zu verdanken? War das eine Intrige Mannheimers? Josef Kaisers Erinnerung war blank. Er wusste nur: Kaum hatten die Heiligen Drei Könige das Arbeitsjahr freigegeben, musste er seine Führungskräfte der Ebene eins und der Ebene zwei aus aller Welt und aus beiden Unternehmen empfangen. Dabei ist es ein offenes Geheimnis, dass die Mitarbeiter beider Häuser sich gegenseitig innig verabscheuen.

Um dieser Naturkraft entgegenzuwirken, soll die immense Empfangshalle der Holding mit Baumsetzlingen gepflastert sein. Jeder Manager ein Bäumlein aussuchen und es mit einer großen grünen Karte behängen, auf dem seine Wünsche an das künftige Großunternehmen stehen. Kaum dass der Frühling eingeläutet ist, würde alles gepflanzt werden vor den Toren der Stadt und zu einem hübschen Wald im Wald heranwachsen.

Welchen Setzling sollte sich Topmann Kaiser aussuchen? Er hasste Bäume! "Willst du mein Kirschbäumlein sein?", neckte ihn Klara, die ansonsten immer noch missgestimmt war darüber, dass er ihr zu Weihnachten dasselbe diamantbesetzte Herz geschenkt hatte wie vor drei Jahren schon. Was konnte er dafür, dass die alte Sekretärin ihrer Nachfolgerin die Geschenke-Chronik nicht überreicht hatte? "Oder wie wär's mit Königspalme?" Haha, sehr witzig. Dann geh' nach dem Ausschlussprinzip vor, wurde Klara pragmatisch, und die Sache schien sie aufzuheitern: fauler Apfel, taube Nuss, giftige Eibe, Trauerweide, macht sich nicht gut. Deutsche Eiche ist zu symbolbeladen, damit erschlägst du jeden Inder.

Wie wär's mit Linde? Für einen Moment ließ Kaiser Buchstaben für Buchstaben über seinen Gaumen kitzeln, schlug aber gleich nervös auf seinen Kaschmirpullover ein, als hätten darauf die klebrigen Blüten des Frühjahrs ihren schmutziggelben Tau abgelegt. "Ach, weißt du", Klara verlor das Interesse am Gehölz, "eigentlich bist du doch ein Hightech-Mann, sozusagen der Burj Chalifa unter den deutschen Führungsspitzen". Er war stolz, dass seine Frau immer noch den Nagel auf den Kopf traf!

Während wir dieses berichten, steht Josef Kaiser vor seinen Leuten. Spürt wie gut es ihm gelungen ist, seine Mannen mit warmen Worten zu ummanteln. Fusionieren, integrieren, fraternisieren scheint überhaupt kein Problem mehr zu sein. Hoffentlich gilt das auch für die beiden Frauen in der hintersten Reihe, denkt er noch, als er sich plötzlich sagen hört: "Dann pflanzen wir mal den Kaiserwald!"

Am Ende des Vortages: Kakerlaken? Terroristen - die Glosse vom 6. 1.

Geza Frei: Kaisers einsame Spitze