Die tägliche Wirtschaftsglosse Betäubt mit Weißwein

Karl-Theodor, Philipp, Kristina, Julia - immer mehr junge Menschen werden als Kinderpolitiker missbraucht. Am Ende des Tages tragen wir alle dafür Verantwortung.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Frau Christiansen, Ihnen allen herzlichen Dank. Bereits mit Ihrem Erscheinen bei der diesjährigen Unicef-Charity-Gala machen Sie deutlich: Der Schutz der Kinder dieser Welt liegt Ihnen am Herzen. Bitte schenken Sie mir deshalb einige Minuten, damit ich Sie auf eine relativ neue und deshalb noch viel zu wenig beachtete Form des Missbrauchs junger Menschen aufmerksam machen kann. Ich spreche vom Problem der sogenannten Kinderpolitiker. Als Sonderberichterstatter des UNO-Generalsekretärs bin ich soeben von einem Field Trip zurückgekehrt, der mich in eine der Hochburgen dieser besonders abscheulichen Form der Kinderrechtsverletzung geführt hat: in das Berliner Regierungsviertel.

Lassen Sie mich Ihnen zum Beispiel vom Schicksal des kleinen Karl-Theodor berichten: Jäh endete seine unbeschwerte Kindheit in den Wäldern Frankens, als ihn der Führer einer regionalen christlichen Miliz seinen Eltern entriss und in die Provinzhauptstadt verschleppte. Dort musste ihm Karl-Theodor als Handlanger zu Diensten sein, unter dem beschönigenden Titel "Generalsekretär".

Später wurde Karl-Theodor in einem Gewaltmarsch nach Berlin geschafft und in einem völlig heruntergewirtschafteten Ministerium untergebracht. Damals bin ich ihm zum ersten Mal begegnet. Sein schlaksiger Körper steckte nun in einem viel zu steifen Anzug, er musste den ganzen Tag schwere Aktenmappen tragen. Blitzlichtgewitter blendete sein jungenhaftes Gesicht. Heute haust Karl-Theodor im Verteidigungsministerium, in einer Welt voller Gewalt, Uniformen und Waffen. Ein anderes Leben kennt er nicht mehr.

Gerade einmal 38 Jahre ist dieses Menschenkind alt, meine Damen und Herren - nach den Buchstaben des Gesetzes dürfte es in seinem eigenen Land noch nicht einmal als Bundespräsident kandidieren. Andere gehen in diesem Alter unbeschwert zu AC/DC-Konzerten.

Ein tragischer Einzelfall? Keineswegs! Seit den letzten freien Wahlen in Deutschland im vergangenen Herbst scheint der Damm gebrochen. Nahezu alle politischen Gruppierungen missbrauchen das saubere, unschuldige Image von Kinderpolitikern für Ihre Zwecke: Der kleine Philipp, 36, muss seiner Partei als Gesundheitsminister zu Diensten sein - und tröstet sich mit den Liedern von Udo Jürgens, die er auf seinem iPod bei sich trägt wie einen Talisman.

Kristina, 32 Jahre alt, nennt sich Familienministerin. Doch für eine eigene Familie blieb ihr keine Zeit. Julia wiederum wurde von ihrer Partei zur Anführerin in einer abgelegenen westlichen Provinz namens Rheinland-Pfalz gemacht - mit gerade mal 36 Jahren. Ein Schicksal, dass Julia nur erträgt, indem sie sich Tag für Tag mit einer billigen Droge betäubt, von den Eingeborenen verharmlosend Weißwein genannt.

Apropos, meine Damen und Herren: Lassen Sie uns nun unser Glas erheben auf das Wohl der Kinder dieser Welt. Anschließend versteigert dann auf dieser Bühne Jeanette Biedermann die ungewaschene Original-Unterhose, die Til Schweiger bei den Dreharbeiten von Zweiohrküken getragen hat. Der gesamte Versteigerungserlös, abzüglich Verwaltungs-, Provisions- und sonstiger Kosten, kommt Unicef zugute. Im Namen von Karl-Theodor, Philipp, Kristina, Julia und all den anderen bitte ich Sie herzlich: Bieten Sie mit!

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