Die tägliche Wirtschaftsglosse Kaisers einsame Spitze

Chief Executive Officer Josef Kaiser liebt die Herausforderung. Am Ende des Tages will er sich auch auf Skiern beweisen.
Von Geza Frei

Quälend langsam zog sich der Tag dahin für Josef Kaiser. Ein Termin öder als der vorige. Zum bitteren Schluss dann noch die Inderinnen aus Gwalior mit schlechten Nachrichten in noch schlechterem Englisch. Jedes Mal, wenn sie Gwalior sagten, verstand er "Qualle im Ohr", und zuckte zusammen. Hübsche Frauen könnten das sein, dachte er, würden aus ihren Mündern nicht so hässliche Worte fallen.

Genau genommen redete nur eine, die anderen schauten auf ihre Schuhspitzen. Was Kaiser seiner bewährten Taktik beraubte, ein Delegationsmitglied so lange strafenden Blickes zu durchbohren, bis sich Nervosität in der ganzen Gruppe ausbreitete. Angestrengt notiert er in sein Notizbuch mit dem edlen Goldschnitt: Mannheimer fragen, warum wir derart schlechtes Englisch durchgehen lassen. Feuern!; und unterdrückt ein Gähnen, während seine Finger diskret nach der Klingel unterm Schreibtisch suchen.

Warum ließ man all diese Leute zu ihm vor? Er hatte fürwahr Besseres zu tun. Schließlich ist Vorweihnachtszeit, der erste Schnee gefallen. Wie jedes Jahr würde sich Josef Kaiser auch in diesem Dezember mit Hermann Heuhofler zum Kräftemessen im Hochgebirge treffen; nicht nur auf Skiern. "Coaching - Mentale Selbstführung" prangt es in seinem Kalender, und füllt das ganze Wochenende aus. Man musste der Sache schließlich Geschäftsmäßigkeit verleihen. Auch, um sich notfalls vor dem Rechnungshof rechtfertigen zu können.

Jedes Jahr aufs Neue schwankt Kaiser schon die Wochen zuvor zwischen Vorfreude und Nervosität, das eine so schweißtreibend wie das andere. Wieder musste er darauf gefasst sein, dass Heuhofler, dieser gerissene Bauer, ihn übel hereinlegen würde. Wie konnte es so einer nur zur Nummer eins der namhaften Beratungsagentur bringen, ohne die kein Unternehmen auskommen wollte, auch sein eigenes nicht?

So sehr Kaiser ihn verabscheute, suchte er den Kampf mit ihm. Die Regeln waren klar: Zusammen überleben auf dem Gipfel des Berges, in eisiger Höhe; und während sie sich abwärts ins Hoch der Emotion durch den Neuschnee spuren, musste einer auf der Strecke bleiben, musste gemeuchelt werden, mit einer Eleganz, als würden sie Austern schlürfen. Obwohl sie gleich gute Fahrer sind. "Die Achterbahn des Lebens", hatte sein Coach einmal interpretiert, "wird hier versinnbildlicht durch den Slalom am Berg". Das war holprig ausgedrückt, und fürwahr das viele Geld nicht wert, das er dafür kassierte, aber: So war es.

Es war auch ein Gefecht Schönheit gegen Schnelligkeit. "Warum einigt ihr euch nicht auf ein Tempo und habt Spaß?", wollte Klara wissen. Wie auf Kommando hätten Kaiser und Heuhofler sie beinahe aufgespießt mit ihren Blicken. "Was wollt ihr eigentlich, ist doch egal, wer gewinnt oder verliert, es hält sich sowieso jeder für den Besseren!"

Wie im letzten Jahr schon, hatten auch in diesem die Probleme bereits im Vorfeld begonnen: Mit der Krise wurde alles teurer, weil man vorgeben musste, zu sparen. Natürlich konnte Kaiser die Präsidentensuite nicht mehr unter seinem Namen reservieren lassen. Offiziell musste jetzt das Executive Penthouse genügen. Deshalb sollte die Präsi-Unterkunft für einen imaginären Gast gebucht werden. Kaiser staunte nicht schlecht, als die Sekretärin mit der Nachricht aufwartete, diese sei bereits an einen Inder vergeben. Er schäumte. Als er dennoch mit Kampfeslust im Hotel ankommt, wird er von einer gutgelaunten Rezeptionistin empfangen. "Herr Heuhofler erwartet Sie bereits, in der Präsidentensuite." Josef Kaiser hat jetzt wirklich eine Qualle im Ohr.

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