Die tägliche Wirtschaftsglosse Frühstück bei Google's

Am Ende des Tages könnte das Internet die Lösung für viele Probleme der Menschheit sein. Leider wurde es gerade von Rainer Brüderle entdeckt. Das lässt nichts Gutes hoffen.

Hat ein Promi, ein Produkt oder eine Idee den Zenit überschritten, merkt man das daran, dass Beifall von der falschen Seite kommt. Oder von zu vielen Seiten. Vor Jahren entdeckten wir zum Beispiel im damals noch nicht so trendigen Stadtteil Hamburg-Ottensen ein nettes kleines Café, wo man samstags ruhig frühstücken konnte. Heute ist das Café Kult. Für zwei Brötchen und etwas Camembert muss man sich durch einen Dschungel von Crumbler-Taschen und iPhones kämpfen, einige Stunden zwischen Dutzenden Wuschelfrisur-Trägern auf einen Platz warten und Mondpreise bezahlen.

Um den Effekt, dass wir nun lieber zu Hause frühstücken, hat die Betriebswirtschaft einige schöne Wortschöpfungen gewoben: Erst kommen die first mover, dann die early adopter, schließlich der ganze Rest. Und dann ist es vorbei. Wenn auch der Letzte etwas Tolles macht, dann ist es halt nicht mehr toll.

So gesehen war es für das Internet ein schwarzer Tag, als es von Rainer Brüderle entdeckt wurde. Eine Million neuer Jobs sollen dank schneller Breitbandverbindungen in der IT-Branche entstehen, begeisterte sich der liberale Wirtschaftsminister. Dabei war Brüderle in der Vergangenheit weniger mit Zukunftsweisendem und mehr mit weinseliger Gemütlichkeit ("Zum Wohl, die Pfalz!") aktenkundig geworden. Nun aber hat er das Internet zum amtlich geförderten Heilsbringer erkoren, mit allem, was so dazugehört: Der Minister gab eine "Stuttgarter Erklärung" ab und will bis zum Sommer eine "einheitliche Strategie für die Informations- und Kommunikationstechnologie" vorlegen.

Als ob das kleine, fragile Netz nicht so schon genug an der Backe hätte. Zuerst musste es die Art wie wir an Informationen kommen, revolutionieren, dann das Einkaufen und zuletzt die Art, wie wir Freunde und Lebensabschnittspartner finden und pflegen. All das hat das Internet klaglos getan, emsig über Modems und W-Lan surrend. Und, wie wir erstaunt feststellen müssen, ganz ohne die Unterstützung von Rainer Brüderle.

Mit dieser Ruhe ist es vorbei, ab jetzt wird es staatstragend. Wo wir schon mal dabei sind, könnte sich das Internet doch auch noch um das Klima kümmern, Afghanistan befrieden, die Piraten vor Somalia besiegen und überhaupt mal den Weltfrieden herstellen. Mit derartigen Erfolgen ausgestattet, würde es das ewige Parteiengezänk beenden und zur ersten gerechten Weltregierung werden, unter Präsident Google und Außenminister Facebook.

Ob in dieser Regierung dann noch Platz für Rainer Brüderle wäre, ist mehr als fraglich. Macht aber nichts, denn der hätte dann endlich Zeit, mal wieder in Ruhe frühstücken zu gehen. Es gibt da ein nettes kleines Café in Hamburg, wo sich samstags immer die Trendsetter treffen.

Am Ende des Vortages: Ohne Worte - die Glosse vom 9.12.

Klaus Werle: Folglich mehr vom Leben

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