Die tägliche Wirtschaftsglosse Als Greentech schmutzig wurde

Ist wirklich alles sauber, was Energie spart? Darf man mit einem Krematorium eine Kaffeemaschine betreiben? Am Ende des Tages sind erneuerbare Energien ein Gewerbe, so schmutzig wie jedes andere auch.

Ein neuer Wettbewerber erscheint, er ist frisch, er hat Ideale, er ist sexy. Vor allem ist er anders als die anderen, nicht so gierig. Er gehört zu den Guten.

Dann hat er Erfolg. Dann wird er kommerziell. Schließlich ist er nur noch ein Schatten seiner selbst: Er wird wie alle, gegen die er angetreten ist. Böse.

Die Beispiele sind Legion. Nike katapultiert Heerscharen von Sportlern an die Spitze und ist viel cooler als Adidas - bis bekannt wird, dass die Produkte von Kindern für ein paar Cent pro Stunde zusammengeflickt werden. Bionade tritt als Getränk einer besseren Welt an - begibt sich aber in die Fänge von Oetker, um sich endlich über den ganzen Globus auszubreiten. Obama fegt Bush aus dem Amt - aber er meidet den Dalai Lama, um China nicht zu düpieren. Und schließlich der Dalai Lama selbst - bis vor wenigen Jahren ein Erleuchteter, nennt er inzwischen Roland Koch seinen Freund.

Nun geht es einer ganzen Branche so: Greentech wird böse. Einst trat sie an, mit ihren Komposthaufen, ihren Windrädchen und Sonnenkollektoren, die Macht der Atomkonzerne zu brechen. Die sind ein sinistrer Haufen, kein Zweifel. Das sind die mit Gorleben, mit der Müllentsorgung auf Steuerzahlerkosten, mit Tschernobyl. Und immer besteht "keine Gefahr für die Bevölkerung".

Es mehren sich die Anzeichen, dass die Greentech-Gutmenschen es ihren Atom-Antagonisten gleichtun. Der Größenwahn des Desertec-Projekts spricht Bände: Sie wollen Afrikas Wüsten mit Solarmodulen vollstellen, um Europa mit Strom zu versorgen.

Ganz nebenbei lassen sie die Grenzen der Pietät hinter sich, wie ein Beispiel aus Taiwan zeigt. Dort wird Strom nicht nur bei der Verbrennung von Müll oder Biomasse erzeugt, wie es hier zu Lande verbreitet ist. Neuerdings verwendet man auch Leichen.

Stolz berichtete kürzlich der Direktor eines Krematoriums in Taipeh, wie dank modernster Greentech die Abwärme bei der Feuerbestattung in Strom umgewandelt wird. Damit betreibt er die Klimaanlagen und die Kaffeemaschinen in der Cafeteria, wo die Angehörigen auf die Asche der Verstorbenen warten.

Man stelle sich vor: Die sterbliche Hülle von Erbonkel Theobald zerfällt zu Asche, und während die bucklige Verwandtschaft von der Testamentseröffnung träumt, schlürft sie eine Latte macchiato, freshly brewed by Onkel Theo.

Energieerzeugung, die über Leichen geht: Das spart pro Monat 315 Euro, sagt der Direktor. Damit ist Theo kommerziell geworden, ob er wollte oder nicht. Aber es besteht keine Gefahr für die Bevölkerung.

Vielleicht werden wir bald Zeugen, wie die ganze Greentech-Branche verroht. Aber wahrscheinlich schreckt das die Kaffeetrinker dieser Welt nicht einmal. Plötzlich ergibt der Satz Sinn: "Einen White Caffè Mocha mit Karamel - dafür würd' ich jetzt sterben." Dann allerdings sollte man das Gebräu "to go" nehmen.

Am Ende des Vortages: Der steueroptimierte Glaube - die Glosse vom 7.12.

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