Die tägliche Wirtschaftsglosse Sackgasse der Dynamik

Vorurteile belasten mitunter die internationalen Wirtschaftsbeziehungen. Was trauen Sie den Franzosen zu? Qualität, Flexibilität, Innovation, Mobilität, Kreativität? Dynamik gar? Richtig, am Ende des Tages zählen nur Ergebnisse.

Franzosen, Sie wissen schon. Wein und Käse können sie ja, aber Autos, oder irgendwas, das mit Straßenverkehr zu tun hat? Sie setzen 15 Verkehrskreisel hintereinander und darüber einen Wald von Schildern mit wenig hilfreichen Hinweisen wie "Sauf", "Rappel" oder, so schlicht wie schön wie sinnlos, "Toutes Directions" (alle Richtungen).

Noch schlimmer: Die Straßen tragen immer die gleichen, staatsmännisch hochtrabenden Namen. Eine Rue de la République ist Pflicht, jede zweite Gemeinde hat einen Boulevard Charles de Gaulle, oft ist die wichtigste Querstraße die Avenue de la Résistance. Liberté, Égalité, Fraternité, die ganze Revolutionslyrik.

Das Ganze ist dazu angehalten, die deutschen Vorurteile gegenüber den westlichen Nachbarn zu nähren. Sie wissen schon: Kleine Männer schwingen große Reden, können aber nicht geradeaus fahren.

Trotzdem lässt Daimler , Stolz der deutschen Autonation, seit gut zehn Jahren in Frankreich Autos bauen. Genauer gesagt in Hambach (Moselle), in der abgebrannten Bergbauregion Lothringen. Sind zwar nur Smarts, aber immerhin. Kleine Autos, kleine Löhne, das ist logisch. Die üppige Förderung aus Strukturhilfetöpfen der EU hat sicher auch nicht geschadet. Doch das rund um die Smart-Fabrik angelegte Gewerbegebiet Europôle (nicht zu verwechseln mit den Datensammlern aus Den Haag) birgt noch einen viel wichtigeren, überraschenden Charme, der vermutlich den Ausschlag bei der Standortwahl gab: ausgezeichnete Straßennamen, und das in Frankreich!

Die Zufahrt heißt Route de la Qualité. Qualität ist gut, besonders weil hier eine Filiale des anerkannten Qualitätsherstellers Mercedes-Benz siedelt, noch dazu mit Qualitätslieferanten wie Behr, Bosch, Continental  oder ThyssenKrupp  im Schlepptau.

Und es wird noch besser: Rue de la Flexibilité, Rue de l'Innovation, Boulevard de la Mobilité, Rue de la Créativité, alles sicher umschlossen von einem Boulevard de la Sécurité. Vorbildlich!

Hätte Daimler sich damals für den alternativen Standort Lahr/Schwarzwald entschieden, wäre doch bloß wieder eine Gottlieb-Daimler-und-Carl-Benz-Straße herausgesprungen - eine matte Erinnerung an einstigen deutschen Erfindergeist, aber nach Schema F, mit genormten Verkehrsinseln, Ampeln an jeder Ecke und Radwegen für die Leiharbeiter.

Hambach dagegen, schon zehn Kilometer hinter der Grenze: das reinste Arbeitgeberparadies! Sind das noch dieselben Franzosen, die in ihrem Alltag Fabriken lahmlegen, Reifen verbrennen und Führungskräfte entführen? Ist das noch das Land, das per Gesetz Mindestlohn und 35-Stunden-Woche vorschreibt, und stolz auf eine Staatsquote von 55 Prozent der Wirtschaftsleistung ist?

Sogar eine Route du Dynamisme gibt es, die endet aber höchst dynamisch in einer Sackgasse. Das würde ins Klischee passen. Aber vielleicht verstellt das ja den Blick aufs Wesentliche: dass die Franzosen den Deutschen oft voraus sind, gerade in Hambach.

Denken wir nur ans Hambacher Fest, so eine Art Smart-Ableger der Französischen Revolution. Gesellschaftspolitisch haben da die Deutschen mächtig Schlendrian einreißen lassen, mit einem halben Jahrhundert Verspätung. Kein Wunder, dass sich Frankreich an der Spitze des Fortschritts wähnt, auch wenn der gelegentlich in der Sackgasse endet.

Dass das ein ganz anderes Hambach war, nicht in Lothringen, sondern in der Pfalz, sei nur am Rande erwähnt. Wahrscheinlich ist da jemand im Kreisverkehr falsch abgebogen. Sie wissen schon.

Am Ende des Vortages: Eiskalte Korruption - die Glosse vom 3.12.

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