Feierabendglosse Von Zockern und Mitläufern

Hilfe, mein Chef will mein Freund bei Facebook werden! Sollten Sie ein solches Gesuch nun akzeptieren oder ablehnen? Wer hier die falsche Entscheidung trifft, setzt am Ende des Tages das eigene Fortkommen aufs Spiel.
Von Astrid Maier

Wie einfach war doch das Leben als Angestellter in der Vor-Facebook-Ära. Chefs waren in der Regel Vorgesetzte, Freunde etwas ganz anderes. Oder wer hat schon erlebt, dass der eigene Patron auf eine unverhoffte Visite vorbeischaute und sagte: "Ich will dein Freund sein. Akzeptierst du meine Bitte, bitte?"

Wie kompliziert ist doch der Arbeitsalltag, seit es Facebook gibt. Chefs haben das populärste soziale Netzwerk der Welt mit 300 Millionen Nutzern inzwischen auch entdeckt. Und auf einmal kommen sie, die unmoralischen Angebote. Plötzlich ist sie da, die Benachrichtigung im Postfach, dass der Boss Ihre Freundschaft bei Facebook einfordert. Ob Sie nun besser akzeptieren, ignorieren oder doch blockieren sollten hängt ganz davon ab, welchem Facebook- Phänotyp Sie angehören. Hier eine Hilfestellung:

Die Facebook-Schlampe

Sie sind erst seit drei Monaten bei Facebook aktiv, haben in der kurzen Zeit aber schon 495 Freunde gesammelt? Für Typen wie Sie gibt es in der Szene einen Fachausdruck: Facebook-Bitch. Keine Freundschaftsanfrage ist der Facebook-Schlampe zu unangenehm, um sie abzulehnen: Der Pausenclown aus der Grundschule oder die aufdringliche Person aus dem Zug neulich, bei Facebook macht die Facebook-Bitch da keinen Klassenunterschied. Hauptsache, Sie kann mit den meisten Freunden im Profil angeben. Die Anfrage Ihres Vorgesetzten können Sie, trifft die Beschreibung auf Sie zu, auf keinen Fall ausschlagen! Was soll er auch sonst von Ihnen denken? Dass Sie es mit jedem machen, nur nicht mit ihm?

Der Facebook-Zocker

Haben Sie heute schon eine Kuh gekauft, das Rübenfeld beackert, eine neue Farm hochgezogen? Und sind Ihre Hecken auch wirklich die längsten? Was Spiele bei Facebook anbelangt, da macht Ihnen keiner etwas vor. Vor zwei Jahren noch haben Sie alle Kollegen bei Scrabulous abgezockt, jetzt ist Farmville gerade angesagt, und wer weiß, worin Sie es morgen zur Meisterschaft bringen werden. Sie können die Anfrage Ihres Chefs keinesfalls akzeptieren. Tun Sie es doch, fliegt Ihr gesamter Mitspielerkreis in der Belegschaft auf. Kein Chef sieht es aber gerne, dass seine Angestellten während der Arbeitszeit Spiele spielen, auch nicht bei Facebook! Wollen Sie auch morgen noch echte Freunde im Büro haben, bleibt ihnen nur eines - das falsche Freundschaftsangebot Ihres Vorgesetzten bei Facebook einfach ignorieren. Bis Sie auch diese Situation erfolgreich ausgesessen haben.

Der Facebook-Sentimentalist

Facebook hat Ihnen die Tür zu all den Menschen wiedereröffnet, die Sie für immer verloren glaubten. Die Tante in Kanada, der Cousin in Australien und die erste Freundin aus der Parallelklasse, die inzwischen in China lebt - seit es Facebook gibt, können Sie sie alle wieder an Ihrem Leben teilhaben lassen. Und das tun Sie: Fotos aus dem Kreißsaal von der Geburt Ihres Sohnes, von der neuen Ledercouch und vom Urlaub mit der Familie auf La Gomera, sie stellen alles sofort bei Facebook ein und warten, dass endlich einer den Kommentar "total süß" dazu abgibt. Ihr Chef wird sich vermutlich nicht dazu hinreißen lassen. Sie können seine Freundschaft dennoch akzeptieren - sperren Sie den Boss aber für alle Fotos aus. Aber Vorsicht: Dies gilt es bei jedem neu angelegten Album von Neuem zu beherzigen. Ihr Vorgesetzter wird bei so wenig Action auf Ihrer Profilseite bald freiwillig nicht mehr vorbeischauen.

Der Mitläufer, Profi und Exhibitionist

Der Facebook-Mitläufer

Alle im Büro sind bei Facebook, also auch Sie. So richtig was damit anfangen können Sie aber nicht. Das merkt man schon Ihren Statusmeldungen an. Diese bewegen sich auf dem Niveau von "Peter freut sich total aufs Wochenende". Damit sollten Sie selbst Ihren Vorgesetzten nicht langweilen. Schon gar nicht, wenn die Statusanzeigen Ihres ärgsten Konkurrenten, der bereits mit Ihrem Chef bei Facebook befreundet ist, sich regelmäßig wie ein Haiku oder virales Eigen-Marketing lesen. Ist schließlich klar, für wen sich der Vorgesetzte bei der nächsten Beförderung entscheiden wird. Sie sollten die Anfrage ignorieren.

Der Facebook-Profi

Sie haben das soziale Netzwerk im Griff. Jeden Tag fällt Ihnen eine noch pfiffigere Statusmeldung ein (die besten im Urlaub); die neuesten Branchenblogs und Industriegerüchte - sobald sie im Netz auftauchen, sind sie auch schon auf Ihrer Profilseite verlinkt. Skurrile Fotos mit Aussage sammeln Sie weltweit ein und stellen damit die interessantesten Fotoalbums ihres gesamten Facebook-Freundeskreises zusammen, pro Foto schaffen Sie es so auf durchschnittlich zwanzig Kommentare aus der Community. Und die SAP-Konferenz der Credit Suisse neulich, sie ist natürlich längst auch auf Ihrer Profilseite, noch bevor sie jemand bei Youtube finden kann. Ihr Chef wird beeindruckt sein, akzeptieren Sie also bedenkenlos die Anfrage. Und sollte der Vorgesetzte Ihre Freundschaft bei Facebook noch gar nicht eingefordert haben, so sollten Sie überlegen, ob Sie nicht selbst den ersten Schritt wagen wollen.

Der Facebook-Exhibitionist

Sie sehen gut aus, und um das der Welt zu zeigen, dafür ist Facebook schließlich erfunden worden! Als Profilfoto haben sie den Schnappschuss in Badehose am Strand von Kho Samui gewählt. Und Sie haben einfach Spaß am Feiern. Die Bilderserie neulich vom Oktoberfest, da, wo man ganz tief in ihren Dirndl-Ausschnitt schauen konnte durch die vielen leeren Biergläser hindurch, die hat doch ziemlich viele lustige Bewertungen im Facebook-Freundeskreis erhalten, nicht wahr? Sie sollten die Anfrage Ihres Chefs ablehnen. Sofort. Und entscheiden Sie sich nur nicht für die Ignorieren-Strategie. Das könnte Ihnen später zum Verhängnis werden. Sie wissen doch selbst am besten, dass Exhibitionisten immer neues Publikum brauchen. Nicht, dass Sie eines Tages doch schwach werden, und auf "Akzeptieren" drücken. Und ihr Chef Sie für eine Schlampe hält. Nicht bei Facebook. Im wahren Leben.

Am Ende des Vortages: Bobby Ewings Solidarzuschlag - die Glosse vom 27.11.

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