Feierabendglosse Bobby Ewings Solidarzuschlag

Politik ist eine Seifenoper. Aber muss sie deshalb jede abgeschmackte Wendung nachmachen? Am Ende des Tages, wenn die deutsche Einheit rückabgewickelt wird, könnte sich mancher wieder nach dem guten alten Soli sehnen. Denn dann ist Guido Westerwelle Kanzler.

Es ist ein traumatisches Erlebnis, als Bobby Ewing 1985 von seiner Schwägerin, Katherine Wentworth, überfahren wird. Nicht mit überraschenden Neuigkeiten, sondern mit dem Auto, wohlgemerkt. "Dallas" muss von da an mit einem Star weniger auskommen. Ein schwerer Schlag für die Fernsehserie, die klassische Seifenoper der 80er Jahre, lange bevor GM-Manager und deutsche Provinzpolitiker das Genre ausfüllen.

Doch dann das: Eine Staffel später, getrieben von katastrophalen Einschaltquoten, kehrt Bobby zurück. Aus dem Trauma wird ein Traum. Bobbys Frau Pamela erwacht schweißgebadet und trifft ihren Gatten im Badezimmer an, quicklebendig. Bobbys Unfall: ein Nachtalb. Seine Beerdigung: ein Trugbild. Die gesamte neunte Staffel der Serie: die gehässige Einstreuung eines böswilligen Sandmännchens. All das verfliegt mit einmal Augenreiben. Die Serie geht weiter mit neuem Plot, als wäre nichts gewesen.

Ähnlich wie Pamela Ewing muss sich gestern Karl Heinz Däke gefühlt haben, der Vorsitzende des Bundes der Steuerzahler. Da nämlich erklärte das niedersächsische Finanzgericht den Solidaritätszuschlag für verfassungswidrig. Däke mag sich die Augen gerieben haben: Diese dreiste Zusatzsteuer - nur ein böser Traum? Die Bundesregierung erklärte hastig, daran festhalten zu wollen. Letztgültig klären muss das demnächst das Bundesverfassungsgericht.

Doch was bedeutet es, wenn Karlsruhe dem Soli den Garaus macht? Eingeführt wurde die Abgabe ja mal als Preis für ein politisches Ziel, das damals alle haben wollten: die deutsche Einheit. Wenn also diese Abgabe, wie Bobby Ewings Unfall, ins Reich der Träume verpufft, gilt das dann auch für den Rest der Politik-Soap "Einheit"?

Man stelle sich vor: Bundeskanzlerin Angela Merkel, aufgewachsen im brandenburgischen Templin, sagt: "Wir geben auf." Sie erklärt die deutsche Einheit für ungültig. Nun könne man nahtlos an das Wendegeschehen von 1989 anknüpfen.

Die innerdeutsche Grenze wird wieder installiert. Die Rückübertragung enteigneter Immobilien wird rückübertragen. Das Autowerk in Eisenach produziert wieder Trabbis statt Opel - dem GM-Vorstand fällt ein Stein vom Herzen.

Die neue DDR, sie ist auferstanden aus den Ruinen des Kapitalismus. Alle Deutschen, ob Wessi oder Ossi, müssen sich in ihren alten Bezirken und Landkreisen zurückmelden. Bewegende Abschiedsszenen spielen sich ab: "Geh doch nach drüben!" Auch Merkel selbst kehrt zurück in die Uckermark. Kanzler der BRD wird automatisch ihr Vize, Guido Westerwelle.

Sicher, dieser Schnitt würde ebenfalls Kosten verursachen. Auch wenn man auf die alten Grenzanlagen verzichten könnte, solange die neue DDR im Schengen-Raum bleibt. Aber Kanzler Westerwelle ist fest überzeugt: "Durch eine weitere Senkung der Unternehmenssteuern, wie wir sie mit dem Einheitsrückgängikeitsbeschleunigungsgesetz planen, sind wir zuversichtlich, eine wirtschaftliche Dynamik zu entfachen, die die Finanzierung sichert." Ziel müsse es bleiben, eine niedrigere, gerechtere und einfachere Bundesrepublik zu errichten. Notfalls müsse man die Sozialversicherungen liquidieren.

So kann das auch Däke nicht wollen, und die Verfassungsrichter werden es so weit nicht kommen lassen. Immerhin, die Autoren von "Dallas" konnten die Serie durch ihren plumpen Kniff retten, die Zuschauer waren für ein paar weitere Jahre dabei. Das könnte im vereinten Deutschland ähnlich funktionieren: Einer aktuellen Studie zufolge wünscht sich jeder achte Deutsche die Mauer zurück. Oder wenigstens Bobby Ewing.

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Matthias Kaufmann: Sakrileg!

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