Feierabendglosse Kaiser in der Testosteronkrise

Je weiter die Woche voranschreitet, umso mehr sieht sich Josef Kaiser von einer Frauenverschwörung umzingelt. Am Ende des Tages helfen nur klare Worte zum drohenden Matriarchat.
Von Geza Frei

Mit gewichtigen Schritten peilt Josef Kaiser sein Büro an, zwingt sich, das hektische Flüstern der Sekretärin zu überhören: "Ich muss auflegen, Kaiser Josef kommt." Ihren ehrerbietigen Gruß nimmt er mit ungerührtem Nicken entgegen.

Was ist nur los mit mir? Die Frage versucht Kaiser zu verscheuchen wie eine lästige Fliege. Hatte er nicht allen Grund, sich am Leben zu freuen, selbst über seinen imperialen Spitznamen? Mit aller Nachhaltigkeit muss er sich vergegenwärtigen, dass es ihm doch rundherum gut geht. Gehört er nicht zu den Höchstverdienern seiner Zunft und wird trotzdem nicht als gieriges Raubtier gebrandmarkt, wie die meisten seiner Managerkollegen? Im Gegenteil, Josef Kaiser gilt als Wirtschaftsführer von untadeligem Ruf. Wo gibt es das noch? Nicht umsonst hat er hie und da die Kanzlerin persönlich am Handy. Wieso also fühlte er sich heute tatsächlich wie ein Kaiser Josef, antiquiert, einer, dessen Platz vielleicht bald in den Geschichtsbüchern verortet wird.

Kaiser ahnt längst den Grund seines Unbehagens. Es sind nicht die unsteten Aktienkurse, nicht die Unwägbarkeiten des Marktes, die ihm so zusetzen, es sind - die Frauen. Sie vergällen ihm mittlerweile jede Zeitungslektüre, sein einziges alltägliches Vergnügen. Montags etwa las er von dieser Unternehmerin, die ein "Davos der Frauen" gegründet hat. Was hat die für ein Problem, fragte er sich. Die Frau sieht gut aus, führt erfolgreich eine kleine Klitsche, hat einen attraktiven Mann, hübsche Kinder, ist gesegnet mit irdischen Gütern - was wollte die ein eigenes Davos? Nur weil man sie auf das offizielle trotz Anfrage nicht eingeladen hatte. Typisch weibliche Empfindlichkeit.

Am Dienstag kam ein Stück über einen bekannten Trendforscher, aufgeblasener Kerl, der mit ausgestrecktem Zeigefinger verkünden durfte, "die Finanzkrise ist auch eine Testosteronkrise", und natürlich schon im nächsten Satz verlangte, es müssten mehr Frauen in Führungspositionen. Esel! Was versteht so einer von Führung? Kaiser hingegen weiß, dass Frauen vieles können, nur kein Unternehmen managen.

Klara zum Beispiel, bekommt noch nicht einmal die Familie in den Griff. Die Kinder gehorchen nicht, das Personal setzt immer dann Urlaub durch, wenn es am dringendsten gebraucht wird, und auf sachliche Kritik reagiert sie mit emotionaler Irrationalität, wirft ihm "gestörte Wahrnehmung" vor. Fantasie, okay, das haben sie. So war es Klara, die ihn auf die wundervolle Idee brachte, den vor Ehrgeiz platzenden Mannheimer, der unbedingt in den Vorstand aufrücken will, zum Frauenbeauftragen im Konzern zu machen. Womit Kaiser allerdings nicht gerechnet hatte: Diesem Gockel schien die Sache Spaß zu machen.

Am Mittwoch ist Kaiser so genervt, dass er nur den Wissenschaftsteil an sich heranlässt. Die Präsentation des 4,4 Millionen Jahre alten Affenweibchens "Ardi" fesselt ihn; er interessiert sich nun mal leidenschaftlich für Paläoanthropologie. Aber er muss wieder und wieder die Worte ihres namhaften Exegeten lesen: Abnehmende Aggressivität zwischen Männern ist ein Selektionsvorteil in der Evolutionsgeschichte. Hätte er Mannheimer doch befördern sollen? Unwillkürlich fühlt sich Kaiser in seiner Männlichkeit angegriffen und ärgert sich: über sich selbst! Ein psychisches Versagen, das alle Sirenen in seinem Kopf auslöst.

Am Donnerstag will Kaiser seiner Sekretärin befehlen, das Abo zu kündigen, weil er ein großes Interview mit diesem weltberühmten Bergfex gewahr wird, gekrönt von dessen Zitat: "Männer sind doch alle Spinner und Spieler", und deshalb das Matriarchat fordert.

Am Freitag schließlich steht Josef Kaiser vor der Fernsehkamera, zupft sich noch einmal am goldenen Manschettenknopf, alles an ihm ist picobello als er der jungen, attraktiven Reporterin forsch ins Objektiv blickt: "Wir brauchen dringend mehr Frauen in unseren Topetagen."

Am Ende des Vortages: Folglich mehr vom Leben

Geza Frei: Kaisers Blasen und Spaten

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