Feierabendglosse Heia Management!

Selbst Manager können nicht immer gewinnen. Macht nichts. Viel wichtiger als zu siegen, ist am Ende des Tages doch nur eins: Dass die anderen glauben, man hätte gewonnen.

Im Afrika-Urlaub las ich Paul von Lettow-Vorbecks "Heia Safari", des genius loci wegen. Wie sich rasch herausstellte, illustrierten die Erinnerungen des Kommandeurs der Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika im Ersten Weltkrieg nicht nur anschaulich das koloniale Gehabe der Großmächte auf dem Schwarzen Kontinent. Vielmehr überraschte das Buch mit einer erstaunlichen Aktualität, indem es einige wesentliche Managementtheorien unserer Zeit vorwegnimmt.

Weil Lettow-Vorbeck im Kampf gegen die Briten nur über ein äußerst dürftiges Häuflein Soldaten gebot, musste er eine offene Feldschlacht vermeiden und stattdessen in Guerilla-Manier ständig kreuz und quer durch das riesige Gebiet ziehen (management by walking around). Beide Seiten versuchten, die Lebensmittelvorräte und Nachschublinien des Gegners zu zerstören, sodass ein Großteil der Zeit dafür draufging, etwas Essbares für die Truppen aufzutreiben (supply chain management). Und schließlich galt es, den einheimischen Askari-Hilfstruppen, "diesen tapferen schwarzen Kerlen, die sich erstaunlich gelehrig anstellen", deutsche Disziplin einzubimsen (top-down-management, 360-degree-feedback).

Kurz: Es brennt an allen Ecken, und Lettow-Vorbeck muss alles richten. Welcher heutige Vorstandsvorsitzende kennt dieses Gefühl nicht?

Die wichtigste Lehre für den Topmanager des 21. Jahrhunderts jedoch stellt sich erst ein, nachdem der Leser das Büchlein beendet hat. Die Rede ist von der hohen Kunst der public relations. Nach fast 300 Seiten fortwährender Lettow-Vorbeck'scher Siege nämlich stellt sich ein irritierendes Gefühl ein, gespeist aus altem Schulwissen, wonach die Deutschen den Krieg eigentlich verloren haben, auch in Afrika.

Lettow-Vorbeck versteht es meisterhaft, dieses ihm unbedeutend erscheinende Detail zu verbergen. Höchst ausführlich, über Dutzende Seiten hinweg, werden die kühnen Handstreiche geschildert, in denen ein winziges britisches Fort, ein Zug oder 23 Gewehre plus 197 Schuss Munition erobert wurden. Dass derweil die Front immer wieder kilometerweit zurückgenommen werden muss und die Schutztruppe auf immer engerem Raum zusammengedrängt wird, derlei Petitessen sind dem Militär dann meist nur ein halbes Dutzend dürre Zeilen wert.

Heute beschäftigen Konzerne internationale PR-Agenturen mit astronomischen Tagessätzen, um gut dazustehen. Dabei liefert Lettow-Vorbeck ein meisterhaftes Lehrstück fürs Eigenmarketing in Krisenzeiten: Man kann das Siegen von Siegern lernen, aber das ist ja öde. Viel spannender ist es, von Verlierern zu lernen, wie man trotzdem gewinnt. Turnaround-Management eben.

Mehr lesen über Verwandte Artikel