Feierabendglosse Von Blasen und Spaten

Je besser die Wirtschaft wieder Fuß fasst, desto mehr Menschen fragen sich verwirrt, ob es sie jemals gegeben hat, diese Krise. Da hilft nur ein Gehirncheck: Bin ich am Ende des Tages noch richtig im Kopf?
Von Geza Frei

Josef Kaiser wird die Erinnerung an den Crash nicht los. Das Zittern jener Jump-you-Fucker-Tage-und-Wochen als selbst sein Körper bebte. Bis in die geföhnten Haarspitzen drangen die Erschütterungen, bescherten ihm Schweißausbrüche und schlaflose Nächte. Auch die endlosen Konferenzen, in denen er mit seinen Führungsmannen alle möglichen Krisenszenarien für das Unternehmen durchspielte, nach außen die Ruhe selbst, gewichtig Plan A und Plan B einforderte, brachten keine Erlösung. Sogar die dünne Luft, die die Klimaanlage in den abhörsicheren "War Room" wirbelte, klang bedrohlich, wurde kühl und kühler.

Kaiser folgte damals seinem Impuls, Goldbarren zu kaufen für die drohende Zeit der Armut, wenn der Zeiger im Uhrwerk der Ökonomie erschöpft zurückfiel auf die Stunde null. Genoss die wohltuende Ruhe, die über ihn kam als er den puren Glanz streichelte, der sich Brocken um Brocken dutzendfach vor ihm auftürmte. Am liebsten hätte er die guten Stücke im Garten vergraben, unter dem enormen Stock der duftenden Geranien. Er fühlte die Sehnsucht nach dem archaischen Moment, den Spaten in die Hand zu nehmen, die Muskelspannung beim Umpflügen der Erde. Aber Klara, seine Frau, machte mit ihrer bissigen Frage alles zunichte - "bist du etwa ein Bauer?". So blieben nur das kalte Klicken des Tresors und Kaisers Albträume vor dem plündernden Mob.

Und nun das: War da was? Was soll da gewesen sein? Bin ich ein Fall für den Psychiater, fragt sich Kaiser irritiert. Die paar Turbulenzen, die da durch die Welt fegten und mitnahmen, was nicht nur ihm lieb und heilig ist - jede Menge Geld. Und wenn schon. Eine Blase ist geplatzt, mehr nicht. Es war ja nicht die Erste und wird nicht die Letzte gewesen sein. Kaum überlebt, schon wieder vergessen.

Wer erinnert sich heute noch an die Tulpenblase oder die Eisenbahnblase? Kaiser spürt, wie seine eigene Blase drückt, als er sich müht, ins Historische vorzudringen. Und Klara, die ihm mit anklagenden Blicken immer latent das Gefühl beschert, an allen schlechten Entwicklungen des Marktes mitschuldig zu sein, serviert ihm heute neueste Forschungsergebnisse. "Ventrales Striatum" lernt Kaiser, ist eines unserer älteren Gehirnareale, das uns hilft, sicher durch die Jahrtausende zu kommen. Es wird - Kaiser muss jetzt dringend austreten - durch Spekulation erst so richtig aufgeheizt und ist nicht zu bändigen. Wir können nicht anders, sind unsere eigenen Gefangenen, und unser Los heißt: lebenslänglich. Mehr ist uns nie genug.

Zum Beleg - Forscher einer Neuro-Finance, ausgerechnet mit Sitz in Zürich, messen zum Beispiel Hirnströme, während ihre Versuchspersonen Poker spielen. Der Weisheit jüngster Schluss: "Die Menschen in der Evolutionsgeschichte waren immer Zocker, und das ist gut so. Zocken, das Experimentieren mit Ideen und Strategien, ist gut für die Gesamtgesellschaft, weil es den Fortschritt vorantreibt." Einziger Wermutstropfen: "Für den Einzelnen geht die Zockerei meist in die Hose."

Huschte da ein maliziöses Lächeln über Klaras Gesicht oder doch eher ein aufmunterndes? In diesem Moment ist es Kaiser schnurzpiepegal. Er lässt sich jetzt nicht mehr abhalten. Zuerst die Blase, dann der Spaten.

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