Gewerkschafter fordern Schließung Corona-Ausbruch in Amazon-Versandzentrum bei Hamburg

Der US-Konzern ist einer der größten Profiteure der Krise. Die Logistikzentren laufen auf Hochtouren. Am norddeutschen Vorzeigestandort gibt es nun Dutzende Covid-19-Fälle, die unter den Mitarbeitern für Unruhe sorgen.
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Für Amazon war es ein herber Schlag: Ein Gericht im französischen Nanterre verfügte vergangene Woche die vorübergehende Schließung von sechs Versandzentren des US-Konzerns in Frankreich. Die Beschäftigten, so der Vorwurf der Gewerkschaft SUD, seien nicht ausreichend gegen eine Infektion mit dem Coronavirus geschützt. Fast 10.000 Mitarbeiter müssen vorerst bis einschließlich Samstag zu Hause bleiben.

Angesichts eines Covid-19-Ausbruchs unter Amazon-Mitarbeitern in Hamburg und Niedersachsen macht sich nun auch in Deutschland Unsicherheit breit: Im Versandzentrum "HAM2" in Winsen an der Luhe sollen sich bis Donnerstag 68 der rund 1.800 Mitarbeiter nachweislich infiziert haben. Bislang ist nicht abschließend geklärt, ob sich die Amazon-Beschäftigten während der Arbeit, auf dem Weg dorthin oder etwa Zuhause angesteckt haben. Die hohe Fallzahl weit über dem Hamburger Durchschnitt ist jedoch sehr auffällig.  

Die Daten gehen nach Recherchen des manager magazins aus einer internen Auflistung des lokalen Managements hervor. Auf einem älteren Aushang für Mitarbeiter ist noch von 33 Infizierten und 6 Genesenen die Rede. Offenbar sind die Zahlen also deutlich gestiegen. Laut einer Führungskraft wurde der erste Fall Mitte März bekannt, 35 Beschäftigte haben die Infektion bereits überstanden.  Ein Sprecher des zuständigen Landrats in Hamburg-Harburg bestätigt "mehrere" positiv getestete Mitarbeiter. Amazon wollte sich auf Anfrage nicht äußern.

Der US-Konzern ist einer der größten Profiteure von Lockdown und Ladenschließungen: Der Onlinehändler freut sich über Rekordumsätze. Amazons Logistikzentren laufen daher auf Hochtouren, das Unternehmen stellt weltweit tausende neue Mitarbeiter ein. Um die gesundheitlichen Risiken zu minimieren, hatte CEO Jeff Bezos (56) bereits im März in einer Mitarbeiter-Rundmail versprochen, die Reinigungsfrequenz an den Standorten zu erhöhen und Masken organisieren zu wollen. Das Management treffe sich "jeden Tag, um zusätzliche Wege zu finden, diese Maßnahmen zu verbessern".  

Nachdem beim örtlichen Gesundheitsamt mehrere Beschwerden zum Standort Winsen eingingen, hatten die Beamten dem Konzern einen Maßnahmenkatalog aufgegeben. Die Zahl der Mitarbeiter, die gemeinsam in einem Shuttlebus vom Bahnhof zur Lagerhalle pendeln, wurde etwa auf 20 begrenzt. In den Hallen wurden Markierungen gesetzt, um die Abstandsregeln zu forcieren. Die Körpertemperatur der Mitarbeiter wird nun am Eingang mit einem neuen Infrarotkamerasystem automatisch überwacht. Nach einer Überprüfung am 8. April gebe es vorerst "keine Beanstandungen" mehr, heißt es bei der Behörde. Neue Kontrollen seien jedoch möglich.

Amazon legt Wert auf die Feststellung, dass man Schutzmaßnahmen in Winsen bereits vor dem 8. April ergriffen habe.

Viele Beschäftigte beruhigt das nicht. Sie fürchten um ihre Gesundheit. Im Gespräch mit manager magazin klagen Mitarbeiter etwa über die zögerliche Umsetzung der Sicherungsmaßnahmen oder über Waschräume, die zu selten gereinigt würden. Bei den Infiziertenzahlen befürchten sie eine hohe Dunkelziffer. Kollegen mit geringen Deutschkenntnissen würden die neuen Regeln und Symptome zudem nicht immer verstehen. Im Versandzentrum Winsen sind viele Geflüchtete aus umliegenden Unterkünften beschäftigt.

Die Mitarbeiter wollten aus Angst um ihre Anstellung anonym bleiben. Fotos von Toiletten und Reinigungsplänen legen nahe, dass es in Winsen in der Tat ein Problem mit der Sauberkeit gibt. Laut Amazon werden die Waschräume jedoch dreimal täglich gereinigt.

"Ich verstehe nicht, warum man bei so vielen Infektionen den Laden nicht erstmal dichtmacht", sagt Sandra Schmidt, Gewerkschaftssekretärin bei Verdi Niedersachsen-Bremen. Die hygienischen Verhältnisse in Winsen seien angesichts einer grassierenden Pandemie nicht hinnehmbar. Auch zwei Landtagsabgeordnete der Grünen beschäftigen sich mittlerweile mit dem Fall und haben bei der Regierung in Hannover eine offizielle Anfrage gestellt.

Das Versandzentrum Winsen ist eigentlich eines von Amazons Vorzeigestandorten. 2017 wurde es als eines der modernsten automatisierten "Fulfillment-Center" eröffnet: Die Mitarbeiter füttern – assistiert von Robotern – Amazons globale Logistikinfrastruktur mit über 100.000 Paketen am Tag. Da in der Krise die Bestellungen stark gestiegen sind, zahlt Amazon seinen Logistikmitarbeitern bis Ende April einen Bonus in Höhe von 2 Euro je Stunde – aber nur, wenn sie auch wirklich anwesend sind. Laut Konzern verdienen sie normalerweise mindestens 11,10 Euro die Stunde.

Betriebsräte und Gewerkschafter kritisieren die Maßnahme als Anreiz, sich trotz möglicher Covid-19-Symptome zur Arbeit zu schleppen. Viele befristet angestellte Kollegen würden zudem fürchten, dass ihr Vertrag bei zu vielen Krankheitstagen nicht verlängert wird. „Die Kollegen haben Angst, krank nach Hause zu gehen“, sagt auch Torsten Moog, Betriebsrat am Amazon-Standort in Koblenz. In seiner Region soll es jedoch erst vereinzelt Infektionsfälle gegeben haben, etwa in Pforzheim und Frankenthal.

Amazon teilt mit, dass man den Mitarbeitern trotz Bonus deutlich sage, dass sie zu Hause bleiben sollen, wenn sie sich krank fühlen. "Unsere Temperaturkontrollen in Winsen zeigen auch, dass das funktioniert", sagt ein Konzernsprecher. Und ab diesem Freitag müssen die Mitarbeiter in Winsen Masken tragen. 

Ein Berufungsgericht in Versailles entschied derweil, die angeordneten Sperren nur ein wenig zu lockern. Amazon darf von seinen französischen Standorten vorerst nur essentielle Waren wie Lebensmittel oder Gesundheitsgüter verschicken; bei Zuwiderhandlung droht eine Strafe in Höhe von 100.000 Euro. Pro Lieferung. 

Hinweis: Die Entscheidung des Berufungsgerichts in Versailles fiel erst nach Erscheinen der ersten Textversion. Die Passage ist aktualisiert. Außerdem wurde die Chronologie der Kontakte des Winsener Standorts mit dem Gesundheitsamt präzisiert und ein Statement von Amazon ergänzt.

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