50 Prozent weniger Reisen, 30 Prozent weniger Büros Allianz-Chef Bäte bleibt gern zu Hause

Die Corona-Pandemie revolutioniert die innere Organisation des größten europäischen Versicherers: Die Allianz will die Hälfte der Reisen streichen und ein Drittel der Büroräume aufgeben.
Allianz für Heimarbeit: Vorstandschef Oliver Bäte.

Allianz für Heimarbeit: Vorstandschef Oliver Bäte.

Foto: Andreas Gebert/ dpa

Allianz-Chef Oliver Bäte (55) nutzt die Erfahrungen mit Heimarbeit während der Corona-Pandemie für eine Revolution innerhalb des Versicherungskonzerns. Er gehe davon aus, dass sich die Büroflächen auf längere Sicht um ein Drittel reduzieren ließen, sagte Bäte der Nachrichtenagentur Reuters. Von den Reisekosten ließen sich dauerhaft 50 Prozent einsparen. "Wir brauchen die ganzen Reisen nicht mehr."

Die Allianz habe 90 Prozent der Arbeit im März binnen weniger Tage ins Homeoffice verlegt und alle Dienstreisen abgesagt. Aus den Erfahrungen habe man gelernt. Auch er werde künftig teilweise von zu Hause arbeiten, sagte Bäte. "Ich bin manchmal erheblich produktiver." Das sei bei vielen Mitarbeitern ähnlich. Selbst in der Lebensversicherung habe man es geschafft, den in der Krise fehlenden persönlichen Kontakt zwischen Beratern und Kunden zu ersetzen.

Vor einigen Jahren stand Bäte persönlich in der Kritik von Aktionären und Umweltschützern, weil er selbst den Firmenjet ausgiebig benutzt hatte. Flugdaten gelangten an die Öffentlichkeit, denen zufolge die am Konzernsitz in München stationierte Dassault Falcon häufig Umwege nach Köln genommen hatte, wo Bätes Familie wohnt.

Die Ansage des Allianz-Chefs hat gleich in zweierlei Hinsicht Signalwirkung: Sie liefert Beschäftigten auch in anderen Großkonzernen Argumente, einen Teil der Arbeitszeit dauerhaft zu Hause verbringen zu können. Zudem ist Bäte Ankündigung ein Frühindikator für den Markt für Gewerbeimmobilien. Jüngst hatte schon Alexander Otto, Chef von ECE, dem größten Betreiber von Einkaufszentren in Europa, dem Markt in einem Interview mit dem manager magazin  eine weitreichende Neuordnung prophezeit. Die Allianz zählte in Deutschland zum Jahreswechsel 26.418 Mitarbeiter sowie mehr als 8200 Vertreter. Global hat der Konzern mehr als 147.000 Beschäftigte.

Schon im kommenden Jahr will der Allianz-Konzern wieder an die Gewinne vor der Corona-Krise anknüpfen. "Ich hoffe, dass wir 2021 wieder einigermaßen zurück sind, wo wir ursprünglich hinwollten", sagte Vorstandschef Bäte. Voraussetzung dafür sei aber, dass es nicht zu einer zweiten Corona-Welle mit weltweiten Ausgangsbeschränkungen und Marktverwerfungen komme. Die weltweite Rezession mit mehr Pleiten und die "finanzielle Repression" mit Dauerniedrigzinsen träfen die Allianz als großen Kapitalanleger in den nächsten Jahren verstärkt. Der Versicherer stemme sich aber mit aller Kraft dagegen. "Bei der Marge bleiben wir nicht stehen. Bei der Allianz  gibt es noch viel zu verbessern. Uns gehen die Ideen nicht aus."

Der Konzern hatte sein Ziel eines operativen Ergebnisses von 11,5 bis 12,5 Milliarden Euro Ende April zurückgenommen und erwartet 2020 den ersten Gewinnrückgang seit neun Jahren. Allein in der Schaden- und Unfallsparte summieren sich die Belastungen bisher auf eine Milliarde Euro. Bei den Kapitalanlagen sei die Allianz gut abgesichert, sagte Bäte. Eine neue Prognose stellte er für Anfang August in Aussicht. "Das Ergebnis wird merklich beeinflusst sein, aber es ist nicht so, dass sich jemand Sorgen machen muss", umschrieb er die revidierten Erwartungen. Analysten gehen von einem operativen Ergebnis von knapp 10,5 Milliarden Euro aus. Operativ werde die Corona-Krise in diesem Jahr verarbeitet sein, "ein bisschen noch in 2021", sagte Bäte.

Corona "wie ein weltweiter Meteoriteneinschlag"

Getroffen hat die Pandemie den Versicherer vor allem in der Industrieversicherung und durch den Ausfall von Veranstaltungen. Umstritten ist, ob die Allianz und deren Konkurrenten auch für die staatlich verordnete Schließung von Restaurants und Hotels zahlen müssen. In Deutschland habe man sich auf einen Kompromiss eingelassen, um jahrelange Prozesse zu vermeiden. 75 Prozent der Allianz-Kunden hätten die Einigung akzeptiert. "Da ging es ja um die Existenz." Die Kunden seien oft verunsichert, was versichert ist und was nicht, sagte Bäte. Es sei nicht auszuschließen, dass sie von Maklern falsch beraten worden seien.

Der Allianz-Chef sagte, einige Regierungen versuchten, die Folgen der Corona-Krise von den Verbrauchern auf die Versicherer abzuwälzen. Das werde Gerichte wohl noch jahrelang beschäftigen. Er warnte: "Wenn diese Sachen zu häufig vorkommen, verschwindet der Versicherungsschutz vollständig." Die Anbieter zögen sich dann aus dem Markt zurück - wie in den 1980er Jahren in den USA aus der Haftpflichtversicherung.

"Einen systematischen Lockdown kann man nicht versichern", sagte der Allianz-Chef. Das Risiko - vergleichbar mit einem weltweiten Meteoriteneinschlag - sei nicht kalkulierbar. Eine staatlich mitfinanzierte Pandemieversicherung, für die der Branchenverband GDV ein Konzept vorgelegt hatte (Bäte: "eine Art Sparkonto für schlechte Zeiten"), ist offenbar Zukunftsmusik: "Wir warten, was die öffentliche Hand dazu sagt." Dort stehe das Thema aber offenbar nicht im Vordergrund. Man müsse eine solche Versicherung ohnehin zumindest europaweit angehen, forderte der Allianz-Chef.

Größeren Übernahmen erteilte Bäte erneut eine Absage. Zwar gerieten einige Versicherer durch die Verwerfungen in der Krise in Schieflage. Zugleich seien selbst schlecht laufende Firmen an der Börse immer noch sehr teuer, findet der Allianz-Chef. Dafür viel Geld auszugeben, "haben wir in der Situation wirklich nicht vor".

ak/reuters
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.