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Interview Alles schon erfunden?

Thierry Stern, Juniorchef der Traditionsmarke Patek Philippe, über Innovationen, Markenpolitik und die Segnungen der Unabhängigkeit.
aus manager magazin 6/2008

Herr Stern, Uhren von Patek Philippe stehen an der Spitze der einschlägigen Rekordlisten der Auktionshäuser. Für eine Taschenuhr wurden kürzlich 10,5 Millionen Euro gezahlt, für eine Armbanduhr 4,1 Millionen. Wie kann man dafür so viel Geld bezahlen?

Stern: Solche Summen werden in der Regel nur für Uhren bezahlt, auf die drei Dinge zutreffen. Sie müssen erstens extrem selten sein. Sie müssen zweitens eine ganze Reihe von Komplikationen aufweisen ...

... je komplizierter, desto besser?

Stern: Ja, aber es können auch andere Merkmale eine Rolle spielen, wie etwa eine besondere Emailleverzierung. Und sie sollten womöglich von einer Berühmtheit getragen worden sein. Nur für Uhren, die alle Kriterien gleichzeitig erfüllen, werden Summen in dieser Größenordnung gezahlt. Außerdem wissen die Leute, dass wir ein sehr altes Unternehmen sind und schon immer die besten Uhren gemacht haben.

Gehört es zu Ihrer Marketingstrategie, auf Spekulation zu setzen?

Stern: Nein, hundertprozentig nein. Viele Leute glauben, dass wir auf Spekulation setzen, aber das stimmt einfach nicht.

Sie haben Ihre eigenen Uhren auf Auktionen gekauft. Da drängt sich schon der Verdacht auf, dass Sie die Nachfrage auf diese Weise künstlich anheizen.

Stern: Wir haben einige Stücke für unser Museum gekauft, aber nicht aus spekulativen Motiven. Solche Geschichten wurden von Konkurrenten in die Welt gesetzt, um uns zu schaden. Inzwischen halten wir uns aber von Auktionen eher fern.

Sie sind Mitinhaber und Erbe eines der letzten unabhängigen Familienunternehmen in der Uhrenindustrie. Was bedeutet Ihnen dieser Status?

Stern: In erster Linie Freiheit und Unabhängigkeit. Das ist kein Selbstzweck, sondern entscheidend für die Qualität unserer Uhren. Wir können im Zweifel die Produktion stoppen, wenn wir das Gefühl haben, dass etwas nicht stimmt. Wir können es uns leisten, noch einmal von vorn anzufangen, wenn bestimmte Dinge nicht funktionieren sollten. Wir müssen nicht auf Teufel komm raus verkaufen, weil wir keine Aktionäre haben ...

... die nur auf kurzfristige Kursgewinne aus sind?

Stern: Ja, um es klar zu sagen, die Unabhängigkeit von den Kapitalmärkten hebt uns vom Großteil unserer Wettbewerber ab. Wir können sehr weit im Voraus denken. Unser Planungshorizont geht über 10, 15 Jahre, und wir müssen nicht alle drei Monate Rechenschaft ablegen.

Der Preis dieser Freiheit ist, dass Sie Ihre Kapazitätsgrenzen erreicht haben. Mit dem Kapital der Börse könnten Sie Ihre Produktion deutlich ausbauen.

Stern: Wozu? Wir stellen heute ungefähr 40 000 Uhren pro Jahr her, davon 10 000 Quarzuhren für die Damenkollektion. Wir bauen also 30 000 mechanische Zeitmesser. Für das Luxussegment sind das riesige Stückzahlen. Wir müssen nicht mit zweistelligen Raten wachsen, 2 Prozent pro Jahr reichen uns.

Wie viel könnten Sie zusätzlich verkaufen, das Doppelte?

Stern: Das Dreifache.

Das heißt, Sie halten das Angebot bewusst knapp. Wie lange müssen Ihre Kunden auf eine Uhr warten?

Stern: Zwischen zwei und fünf Jahren. Das Letztere gilt allerdings nur für Zeitmesser mit etlichen Komplikationen.

Wie teilen Sie sich die Geschäftsführung mit Ihrem Vater? Wofür sind Sie zuständig?

Stern: Er entwickelt die langfristige Strategie, ich bestimme die Modell-politik. Das Tagesgeschäft erledigt unser CEO, Claude Peny.

Ihr Programm ist, gelinde gesagt, konservativ. Bestimmte Modelle fertigen Sie - mit Varianten - seit 30 oder 40 Jahren. Zeit für einen Wandel?

Stern: Nein, die Kollektion ist gut. Die Leute erwarten keine Revolution von uns. Wir machen das, was wir am besten können. Irgendwelche Gimmick-Stücke, auf denen niemand mehr die Zeit ablesen kann, oder Schmucklinien für die Glamour-Welt passen einfach nicht zu uns.

Wie viel Patek Philippe ist in einer Patek Philippe?

Stern: Sehr viel. Wir machen circa 90, 95 Prozent unserer Teile selbst. Nur Saphirgläser, Lederbänder und ein paar Zeiger kaufen wir dazu.

Das Potenzial mechanischer Uhrwerke scheint auch Jahrhunderte nach ihrer Erfindung noch immer nicht ausgereizt ...

Stern: Wir hatten einen alten Uhrmacher, der sich vor 20 Jahren mit den Worten verabschiedet hat: Ich gehe und wünsche euch viel Glück, etwas Neues könnt ihr eh nicht machen, das wirklich Wichtige ist bereits erfunden. Seitdem haben wir 26 Patente angemeldet und rund 18 neue Werkvarianten entwickelt.

Was lässt sich denn noch verbessern?

Stern: (lacht und zeigt auf seine linke Jackentasche) Die Liste für die nächsten 200 Jahre habe ich hier drin. Aber im Ernst: Unsere Entwicklungspläne reichen bis in das Jahr 2014.

Was dürfen wir erwarten?

Stern: Ich werde hier doch nicht die Konkurrenz schlau machen. Aber so viel: Es geht um Präzision, um neue Zifferblattanzeigen, um neue Komplikationen.

Uhren haben viele Gesichter, und die Formensprache ist nicht immer erbaulich. Welche Rolle spielt das Design?

Stern: Sie können das beste Werk haben, aber wenn Sie es in ein wenig attraktives Äußeres verpacken, wird niemand diese Uhr tragen wollen. Deshalb arbeiten mein Vater und ich ganz eng mit der Designabteilung zusammen. Erst Werk und Gehäuse zusammen machen den Wert einer Uhr aus.

An welchen Prinzipien orientiert sich das Patek-Philippe-Design?

Stern: Die Uhr muss schön und über lange Jahre hinweg tragbar sein. Mein Vater hat mir immer gesagt: Du musst das Produkt verstehen, du musst mit dem Produkt arbeiten. Damit habe ich mich lange beschäftigt. Und jetzt kann ich sagen: Ich kann eine Patek machen, aber keine Regel aufstellen, wie eine Patek gemacht werden soll.

Und welche Rolle spielen Ihre Designer dabei?

Stern: Wir haben zwei Designer, einen Mann für die Herren- und eine Frau für die Damenkollektion. Die beiden machen nach unseren Vorgaben erste Skizzen, anschließend schauen mein Vater und ich die Entwürfe an und sagen, wie es weitergehen muss.

Woher beziehen Sie Ihre gestalterische Inspiration?

Stern: Wir reisen sehr viel und reden mit Händlern und Kunden. Das ist die wahre Designlehre.

Sie halten viel darauf, keinerlei Moden nachzulaufen. Trotzdem haben Sie kürzlich den Durchmesser Ihrer Modelle deutlich vergrößert. Ein Zugeständnis an den Zeitgeist?

Stern: Unsere Kunden haben gesagt: Okay, eure Uhren sind schön, aber leider ein bisschen zu klein. Also machten wir sie etwas größer. Das hat mit Zeitgeist nichts zu tun, schließlich sind die Menschen heute im Durchschnitt größer als früher. u

Das Interview führten die mm-Redakteure Klaus Ahrens und Hanno Pittner.

Das Interview führten die mm-Redakteure Klaus Ahrens und Hanno Pittner.

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