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Alles auf Anfang

Mobilcom: Im letzten Moment wurde der einstige Star des Neuen Marktes vor der Pleite gerettet. Was geschah in den entscheidenden Stunden hinter den Kulissen? Das Tagebuch einer Staatsaffäre.
Von Dietmar Student und Anne Preissner
aus manager magazin 1/2003

Das glückliche Ende war nah, da ging es noch einmal um Leben und vor allem um Tod.

Ein kühler Novemberwind strich durch Wiens Innere Stadt. Helmut Thoma (63), meist blendend aufgelegter Fernsehveteran österreichischen Blutes, schlenderte über den Platz am Hof.

Und war's zufrieden. Wenige Tage zuvor hatte er sich bereit erklärt, die Rolle des Treuhänders für Mobilcom-Gründer Gerhard Schmid (50) zu übernehmen. Mit dieser Zusage schien der monatelange Konflikt zwischen Schmid und Mobilcom-Partner France Télécom beigelegt, die Pleite der Büdelsdorfer Firma abgewendet. So dachte jedenfalls der frühere RTL-Chef und fühlte sich wohl in seiner Haut wie lange nicht.

Da ereilte ihn ein Anruf aus Deutschland. Es gebe da noch ein Problem, eröffnete ihm Gerhard Schmid. Die Franzosen wollten wissen, was passieren würde, falls er, Thoma, vor Ablauf seiner Treuhänderschaft in zwei Jahren ... ähm ... sozusagen ablebe.

Amüsiert antwortete Thoma, er denke nicht daran, die Bühne des Daseins vorfristig zu verlassen. Allein, France Télécom bestand auf einer juristisch belastbaren Nachfolgeregelung: ohne Sterbeklausel keine Unterschrift unter den Einigungsvertrag.

Wieder einmal wähnte sich Thoma in einer quotenstarken Seifenoper, die er in früherer Funktion als TV-Macher prompt eingekauft hätte. Immer, wenn man glaubte, die Geschichte sei zu Ende, das Grausen vorbei, kam noch etwas viel Schrecklicheres nach.

Keiner weiß das besser als Dieter Vogel (61); der hatte Thoma zu dessen neuer Aufgabe überredet. Mitte September hatte die Bundesregierung den ehemaligen Thyssen-Chef als Vermittler eingeschaltet. Er sollte die verschiedenen Interessengruppen in der verzwickten Mobilcom-Chose doch noch zu einem Kompromiss bewegen.

Neuneinhalb Wochen brauchte Vogel für seinen Rettungseinsatz. In der heißen Phase arbeitete er acht bis zehn Stunden täglich an dem Fall, führte hunderte von Gesprächen, fasste dutzende Briefe ab, prüfte zig Vertragsentwürfe. Sein wohl härtester Job seit der verlorenen Übernahmeschlacht zwischen Thyssen und Krupp vor fünf Jahren.

Diesmal reüssierte er.

manager magazin zeichnet die mühevolle Pendeldiplomatie nach und leuchtet die Hintergründe einer Posse aus, die als Meinungsverschiedenheit begann und sich zur Staatsaffäre auswuchs.

Die Protagonisten: ein blauäugiger französischer Multi, ein bärbeißiger fränkischer Selfmademan. In den Nebenrollen: deutsche und französische Regierungsvertreter, Aufsichtsräte, Banker und zahlreiche Anwälte.

Die Schauplätze: Metropolen wie Paris, Berlin und Hamburg, die Mobilcom-Zentrale in Büdelsdorf und die Dorfstraße im schleswig-holsteinischen Flecken Lürschau. Dort wohnt Schmid mit Ehefrau Sybille in einem 300-Quadratmeter-Anwesen.

Der Fall Mobilcom - ein Lehrstück, wie zwei Gesellschafter durch ihren Starrsinn (beinahe) ein Unternehmen und sich selbst ruinierten.

Amour fou, amour fini

FREITAG, 13. SEPTEMBER, BÜDELSDORF

Es ist ein 13. der übelsten Sorte: Klaus Ripken, Aufsichtsratsvorsitzender der Mobilcom AG, und Vorstandschef Thorsten Grenz sind verzweifelt. Der Mobilcom-Partner und Hauptfinanzier France Télécom hat ihnen einen Tag zuvor in dürren Worten mitgeteilt, er stelle die finanzielle Unterstützung der schleswig-holsteinischen Mobilfunkfirma ein.

Schluss. Aus. Fin.

Ohne das Geld der Franzosen, das ist den beiden klar, kann Mobilcom nicht überleben. Ende des Monats ist ein 4,7-Milliarden-Kredit fällig, für den Frankreichs Staatskonzern bislang gebürgt hat. Grenz und Ripken rufen Mobilcom-Aufseher Dieter Vogel an. Das Wort des erfahrenen Industriemanagers hat Gewicht im Mobilcom-Kontrollgremium. Sie müssten Insolvenz anmelden, wehklagen die beiden. Vogel beruhigt: Das könnten sie auch noch am Montag tun. Anschließend informiert er das Bundeskanzleramt.

Die Schröder-Gehilfen haben Mobilcom schon seit Anfang März auf ihrer Beobachtungsliste; die Firma ist schließlich ein wichtiger Arbeitgeber im industriearmen SPD-Land Schleswig-Holstein. Beamte aus dem französischen Präsidialamt hatten ihre deutschen Kollegen frühzeitig vor einem baldigen Ende des binationalen Amour fou gewarnt.

Im Herbst 2001 hatten sich France-Télécom-Chef Michel Bon (59) und Mobilcom-Gründer Schmid über den kostspieligen Ausbau des Digitalfunkgeschäfts UMTS zerstritten. Seitdem suchte der mit knapp 70 Milliarden Euro verschuldete Telefongigant den Ausstieg aus dem riskanten Mobilcom-Abenteuer. Nur wie?

Schmid selbst lieferte den Franzosen den idealen Vorwand für ihr Adieu. Im Frühjahr deckten Bon und Co. ein dubioses Aktiengeschäft zwischen Mobilcom und Schmids Ehefrau Sybille auf. Der Hauptanteilseigner - Schmid hielt rund 40 Prozent - wurde als Mobilcom-Chef entlassen. Fortan fühlten sich die Franzosen nicht mehr an ihre Partnerschaftszusagen gebunden.

SONNTAG, 15. SEPTEMBER, BERLIN

Im Bundeswirtschaftsministerium an der Scharnhorststraße herrscht geschäftiges Treiben. In kleinen und großen Runden tagen dienstbeflissen Minister und Staatssekretäre der Ressorts Wirtschaft, Justiz und Finanzen sowie Mobilcom-Vertreter, Banker und Anwälte.

Der von der Bundesregierung eingeschaltete Düsseldorfer Wirtschaftsjurist Reinhard v. Dalwigk überfliegt den Kooperationsvertrag zwischen Mobilcom und France Télécom und traut seinem geschulten Advokatenauge kaum.

Der Mobilcom-Anwalt Gerhard Picot hatte im Frühjahr 2000, auf dem Höhepunkt der Telekom-Hysterie, einen höchst vorteilhaften Kontrakt ausgehandelt: France Télécom zahlt 3,7 Milliarden Euro für 28,5 Prozent von Mobilcom und garantiert den UMTS-Ausbau, rund 10 Milliarden Euro teuer, bis zum Jahr 2010; auf die Geschäfte Einfluss nehmen darf der spendable Sponsor allerdings nicht.

Ergo: France Télécom, Vertrag ist Vertrag, muss zahlen.

Später stellt sich heraus, dass die Rechtslage womöglich doch nicht so glasrein ist. Die Franzosen leiten aus den Vertragsklauseln eine Art außerordentliches Kündigungsrecht ab.

Mithin gilt es abzuwägen. Option eins: ein langwieriger Schadensersatzprozess - bis zu dessen Beginn Mobilcom längst pleite sein dürfte. Oder: mit France Télécom verhandeln und Mobilcom erhalten - in einer Billigversion, ohne das Milliardengrab UMTS. Die Herren tendieren zu Variante zwo: Retten, was (vielleicht) zu retten ist.

Die Bundesregierung glaubt helfen zu müssen. Ein Mittelständler gegen einen Staatskonzern, die Waffen scheinen ungleich verteilt. Und: In sieben Tagen ist Bundestagswahl; mit dem Einsatz für Mobilcom ließe sich punkten.

Wirtschaftsstaatssekretär Alfred Tacke (51), des Kanzlers Mann für prekäre Firmenfälle, muss ran. Eilig wird ein Sanierungskonzept abgefasst ("Unterstützung der Mobilcom durch den Bund und Schleswig-Holstein"); die staatliche Kreditanstalt für Wiederaufbau sagt Liquiditätshilfen zu.

Auch France Télécom signalisiert Verhandlungsbereitschaft. Der von den Franzosen beauftragte Düsseldorfer Rechtsanwalt Georg Thoma soll ein "Memorandum of Understanding" ausarbeiten, in dem der Konzern zusagt, sämtliche Mobilcom-Schulden zu übernehmen. Im Gegenzug soll Großaktionär Schmid auf seine Stimmrechte verzichten und seine Aktien einem unabhängigen Treuhänder übertragen.

Schmid erklärt sich noch am gleichen Tag mit dem Vorgehen einverstanden - eine Zusage, von der er später mehr und mehr abrückt.

Am Montagmorgen ruft Tacke beim Mobilcom-Kontrolleur Vogel an und gewinnt ihn für den Job des Vermittlers. Vogel, in manchen Konzernkonflikten gestählt, ahnt zu diesem Zeitpunkt noch nicht, welch heikle Mission ihn erwartet.

MITTWOCH, 25. SEPTEMBER, HAMBURG

France-Télécom-Abgesandte und Mo- bilcom-Vertreter treffen mit Vogel zusammen. Ein erster Vertragsentwurf wird vorgelegt; lebhaft diskutieren die Teilnehmer den Mobilcom-Restrukturierungsplan.

Das Kalkül der Deutschen: Der neue France-Télécom-Chef (Bon war Mitte September zurückgetreten) werde seine Amtszeit kaum mit einem riskanten Schadensersatzprozess belasten, sondern auf eine rasche, einvernehmliche Lösung drängen.

Es geht nicht so schnell wie erhofft. Wieder einmal bewahrheitet sich der Wesenszug komplexen Verhandelns. France Télécom und Schmid, Bundesregierung und Banken, Betriebsrat und Mobilcom-Lieferanten - jede Interessengruppe verfolgt die gleiche John-Wayne-Strategie: Wer sich zuerst bewegt, verliert.

Jeder versucht, Deadlines auszureizen; selbst die IG Metall zögert ihre Zustimmung zum Sozialplan quälend lange hinaus, in der Hoffnung, dass sich an irgendeiner Stelle des Verhandlungsuniversums noch etwas zu ihren Gunsten bewegt.

FREITAG, 4. OKTOBER, PARIS

Die Konsultationen beginnen in der France-Télécom-Zentrale am Place d'Alleray, einem mit Glas verkleideten Bürobau im Pariser Südwesten.

Eric Bouvier leitet für die Franzosen die Gespräche. Der Chef der Unternehmensentwicklung wirkt angespannt, als laste auf seinen Schultern der Schuldenberg des Konzerns.

Bouvier saß im Mobilcom-Aufsichtsrat und hat einst den für France Télécom misslichen Kooperationsvertrag verhandelt. Nun soll er die Schmach tilgen, sonst dürfte seine Karriere - vite, vite - beendet sein.

Der Mann will keinen Fehler machen - er ist verliebt ins Detail.

FREITAG, 25. OKTOBER, PARIS

Ein paar Wochen Schonfrist hat sich der neue Télécom-Patron Thierry Breton ausbedungen. An diesem Herbsttag treffen Vogel und der neue Sanierer zum ersten Mal aufeinander.

Breton, schwarz gelockt, kantiges Kinn, gilt als D'Artagnan der Pariser Managerelite. Der 47-Jährige muss immer dann ins Gefecht, wenn es brenzlig wird für die Regierung. Die Computerfirma Bull führte er in die schwarzen Zahlen, den Elektroriesen Thomson rettete er. Und jetzt ficht er für France Télécom.

Ihn treibt eine große Sorge um: Falls Mobilcom trotz Entschuldung innerhalb der nächsten zwei Jahre insolvent würde, könnte der Konkursverwalter nach neuestem Recht ohne Rücksicht auf einen Einigungsvertrag doch noch Schadensersatz fordern. Dann müsste France Télécom womöglich noch einmal zahlen.

Breton verlangt deshalb, dass die staatliche Kreditbürgschaft für Mobilcom auf zwei Jahre verlängert wird; man einigt sich auf 18 Monate. Vogel wiederum fordert eine Garantie, dass France Télécom neben den Milliardenschulden für die UMTS-Lizenz sämtliche Kosten für das Einfrieren des UMTS-Geschäfts übernimmt; der Kompromiss: eine Obergrenze von 580 Millionen Euro.

Ein zweiter Termin führt Vogel nach Bercy, zu Frankreichs Wirtschafts- und Finanzminister Francis Mer (63). Man schätzt sich aus der Zeit, als der Deutsche Thyssen und der Franzose den Stahlkonkurrenten Usinor führte.

Mer will vor allem eines wissen: Wie kann es sein, dass sich die Grande Nation von einem Monsieur Schmid derart vorführen lässt?

"Wir finden eine Lösung", verabschiedet Mer schließlich seinen früheren Branchenkollegen. Ab diesem Tag ist sich Vogel sicher: Der Deal mit den Franzosen läuft.

Jetzt musste eigentlich nur noch Schmid zustimmen. Nur noch?

Das Treuhänder-Drama

FREITAG, 13. SEPTEMBER, HAMBURG

Gerhard Schmid lädt ins "Hotel Steigenberger". France Télécom habe sich "aus der Verantwortung gestohlen", wettert er, spricht von "skandalösem und rechtsbrecherischem" Verhalten, schimpft über die "diffamierende" Politik, die das Ansehen von Mobilcom "bösartig" zerstört habe.

Solche Worte bleiben haften. So ist das Gesprächsklima kontaminiert, als Vogel sich mit Schmid über die Treuhandlösung auseinander setzt. Schmids Verhandlungsposition scheint nicht die beste zu sein. Klar, ohne seine Unterschrift gibt es keine Einigung. Aber der Mann steht gleichwohl unter Druck. Es ist noch eine alte Rechnung offen, über 70 Millionen Euro.

Im zweiten Halbjahr 2001 hat Schmid diesen Betrag an die Millenium GmbH transferiert, um ein Aktienoptionsprogramm für seine Händler aufzulegen. Pikant: Geschäftsführerin der Gesellschaft ist seine Ehefrau Sybille.

Der Aufsichtsrat wusste nichts über die anrüchige Familienkonstellation; der Vorstand hatte den Geldtransfer nicht genehmigt - ein Verstoß gegen das Aktiengesetz?

Mehrere Gutachten bestätigen, dass Schmid bei seinem Millenium-Coup schwere Formfehler begangen hat. Folglich müsste er das Geld wieder in die Mobilcom-Kasse legen. Schmid selbst sieht "keine rechtliche Basis" für eine Rückzahlung.

Wovon soll er die 70-Millionen-Rechnung auch begleichen? Der Ex-Milliardär hat, wie er später einräumen wird, "einen Teil" seiner Mobilcom-Aktien "als Sicherheiten für Kredite verwendet". Einen sehr großen Teil, vermuten Insider.

Den Franzosen ist das wurscht. Sie bestehen auf einem Schuldeingeständnis Schmids in Sachen Millenium. Sie wollen den Mann, der ihnen vorgehalten hat, sie würden Mobilcom "wie eine koloniale Bananenplantage" behandeln, nicht ungeschoren davonkommen lassen.

Ein unendliches Gezerre beginnt: Drohungen und Ultimaten, Zusagen und neue Vorbehalte lösen einander ab - die Katastrophe scheint unausweichlich. Schmid erklärt sich zwar einverstanden, seine Aktien einem Treuhänder zu übertragen. Aber nicht so ohne weiteres: France Télécom soll sich aus dem Unternehmen zurückziehen. Und: Das Schuldeingeständnis muss weg. In der Folgezeit werden Vertragsentwürfe beider Parteien hin- und hergeschickt. Schmid stellt weitere Bedingungen. So soll sein Treuhänder den Vorsitz des Aufsichtsrats übernehmen und zudem das Recht haben, den Großteil der Kapitalvertreter in dem Gremium zu bestellen.

Via Pressemitteilung benennt Schmid Vogel für diesen Posten, obwohl ihm dieser zuvor erklärt hat, dass er das Mandat nicht annehme.

FREITAG, 1. NOVEMBER, LÜRSCHAU

Schmid übersendet einen von ihm bereits unterschriebenen Vertragsentwurf. Völlig überraschend für alle Beteiligten schlägt er nun Joachim Dreyer (60) als Treuhänder vor. Der war früher mal Chef des Mobilcom-Wettbewerbers Debitel.

Zeitgleich erhält Dreyer, der Schmid seit langem kennt, in seinem Privathaus am Bodensee einen Anruf des Mobilcom-Gründers, mit der Bitte, diese Funktion zu übernehmen. Dreyer konsultiert seinen Anwalt. Zwei Tage später sagt er zu - und hört vorerst nichts mehr aus Lürschau.

MONTAG, 4. NOVEMBER, BERLIN

Die Bundesregierung, France Télécom und die Gläubigerbanken sind sich einig: Der Regierungsanwalt v. Dalwigk soll Treuhänder werden. Schmid wird zur Unterzeichnung des Treuhandvertrags nach Berlin bestellt - und lässt den Termin platzen. In Hamburg verkündet er, dass er das Papier nicht unterzeichnen werde; er bestehe auf Dreyer.

Die Franzosen wollen Dreyer auf keinen Fall akzeptieren. Sie wittern ein hinterhältiges Spiel. Dreyer sei Debitel - er sitzt dort im Aufsichtsrat - nach wie vor verbunden. Er könne versuchen, Schmids Mobilcom-Paket der Debitel-Mutter Swisscom anzudienen. Wenn France Télécom Mobilcom entschulde, käme der Schweizer Konkurrent für einen Spottpreis an die Firma - samt teuer ersteigerter UMTS-Lizenz.

Moderator Vogel kennt die Ängste der Franzosen, weiß aber auch um die Störrigkeit von Schmid. Vogel und Tacke empfehlen als Kompromiss eine Doppeltreuhänderschaft: v. Dalwigk und Dreyer.

MITTWOCH, 6. NOVEMBER, GRAN CANARIA, BÜDELSDORF

Von seinem Urlaubsdomizil auf Gran Canaria aus lässt Dreyer verlauten, für eine Zwillingslösung stünde er nicht zur Verfügung. Schmid erklärt, dass auch er ein Duo ablehne.

Am gleichen Tag gehen rund 2000 Mobilcom-Mitarbeiter mit Anti-Schmid-Plakaten ("Unterschreib!!!!!") auf die Straße und fordern ihren Ex-Chef in einem offenen Brief auf, endlich zu unterzeichnen. Der sonst so robuste Schmid wird später dünnhäutig die mangelnde Loyalität der Mitarbeiter beklagen; die "Schmidfeindlichen Demonstrationen" hätten bei ihm einen "bitteren Nachgeschmack" hinterlassen.

Es wird langsam eng. Die 50 Millionen Euro, die Mobilcom als staatliche Soforthilfe erhielt, sind nahezu aufgezehrt. Die Rettung des Konzerns scheint an der Person des Treuhänders zu scheitern.

MONTAG, 11. NOVEMBER, FLUGHAFEN FRANKFURT AM MAIN

Helmut Thoma, seit März 1998 im Mobilcom-Aufsichtsrat, kehrt von einer einwöchigen China-Reise aus Schanghai zurück. Der Trip, den das chinesische Staatsfernsehen organisiert hatte, war ein rechter Genuss; den BBC-Generaldirektor hat er getroffen, ja, und auch Henry Kissinger.

Als Thoma am Abend in Frankfurt landet, fühlt er sich sofort wieder heimisch - die Sorgen sind immer noch die gleichen. In der Ankunftshalle ereilt ihn ein Anruf von Mobilcom-Oberaufseher Ripken. Schon morgen gebe es in Hamburg eine Aufsichtsratssitzung; der Konkurs von Mobilcom stünde unmittelbar bevor. Thoma checkt sofort wieder ein - nach Hamburg.

DIENSTAG, 12. NOVEMBER, HAMBURG

Dieter Vogel referiert im Konferenzcenter des Flughafens Fuhlsbüttel vor dem Aufsichtsrat. 95 Prozent aller Fragen seien gelöst. Aber ein Treuhänder sei noch nicht gefunden. Auch die zwischenzeitlich ins Spiel gebrachte Variante, den Mobilcom-Anwalt Picot mit dieser Aufgabe zu betrauen, sei gescheitert; der Jurist habe das Mandat wegen möglicher Interessenkonflikte abgelehnt.

Die Aufseher wissen sich keinen Rat mehr. Da fällt Vogels Blick auf den ihm gegenüber sitzenden Thoma. "Sagen Sie mal, Herr Thoma, warum machen Sie eigentlich nicht den Treuhänder?"

Erschrocken wienert Thoma zurück: "Na, des moch i ned. I loss mi da ned drauf ei."

Vogel und Ripken bitten Thoma aus dem Saal, reden fünf Minuten auf ihn ein, es ginge schließlich um 5000 Arbeitsplätze. Dann ist der wendige Medienmann bereit; vorausgesetzt, Schmid habe nichts dagegen.

Vogel unterbreitet Schmid den Vorschlag. Die Antwort kommt per Fax, am späten Abend: Er sei bereit, Thoma als Treuhänder einzusetzen - und zwar zusammen mit Dreyer. Wenig später übermittelt Schmid den Treuhandvertrag mit der neuen Zweier-Lösung.

Die Aufseher zweifeln an ihrem Weltbild. Will Schmid die Insolvenz von Mobilcom? Der Gesprächsfaden zwischen Vogel und Schmid reißt. Der Vermittler braucht jetzt dringend einen - Vermittler. Jemanden, der zuhört, der ein Problem auch mal schweigend aussitzen kann.

Einen wie Thomas Ingelmann. Der leitet die Rechtsabteilung der Deutschen Bank in Hamburg; das Geldhaus ist einer der großen Gläubiger Schmids.

MITTWOCH, 13. NOVEMBER, LÜRSCHAU

Seit Stunden hockt der Bankemissär nun schon in Schmids Wohnküche. Geduldig wartet er, bis der Hausherr und sein Rechtsbeistand sich wieder an den Tisch setzen. Schließlich ist es so weit: Schmid akzeptiert Thoma als alleinigen Treuhänder. Ach ja, ein Anschreiben fügt er noch hinzu.

DONNERSTAG, 14. NOVEMBER, LÜRSCHAU

Das Papier enthält - neue Bedingungen. Vogel und France Télécom wollen sich darauf nicht einlassen. Ingelmann setzt sich wieder ins Auto und fährt die A 7 Richtung Norden. Schmid unterschreibt endgültig. Er setzt durch, dass Dreyer und Picot in den Mobilcom-Aufsichtsrat rücken. Die 70 Millionen Euro aus dem ominösen Millenium-Deal braucht er vorerst nicht zurückzuzahlen; zwei Jahre lang herrscht Friedenspflicht.

Alles scheint bedacht. Doch nun wittern die Franzosen die Chance zum Nachkarten und Gesichtwahren. Bis zum 19. November drücken sie Nachbesserungen durch, drei Tage später unterzeichnen auch sie.

FREITAG, 22. NOVEMBER, BÜDELSDORF

Mobilcom-Chef Grenz lädt zu einem improvisierten Stehempfang. Es gibt Sekt aus Plastikbechern. "Die Rettung ist perfekt", sagt Grenz in die Fernsehkamera - so überschwänglich, als hätte er sich gerade den Daumen gequetscht.

Die Schlussbilanz

Das Thema Mobilcom bleibt Dieter Vogel nach knapp dreimonatiger Moderatorenarbeit erhalten; er soll im Januar neuer Aufsichtsratsvorsitzender des Unternehmens werden.

Grenz und Co. bedanken sich für die Vermittlerdienste. Auch France Télécom zollt Anerkennung. Rund zehn Milliarden Euro wird Mobilcom die Franzosen am Ende kosten. Sicher, es hätte noch mehr werden können.

Gerhard Schmid dankt vor allem der Deutschen Bank; die habe zum Schluss "Blockaden aufgebrochen". Von seinem Milliardenvermögen sind ihm wohl ein paar Millionen geblieben; zwei soll er kürzlich in die Lottofirma "Super Tipp 49" gesteckt haben - der Mann bleibt ein Spieler.

Was hat er aus der Affäre gelernt?

"Suche dir deine Partner gut aus", sagt Schmid. Wenigstens in diesem Punkt, keine Frage, sind die Franzosen schnell mit ihm einer Meinung.

Für Mobilcom sieht die Bilanz durchwachsen aus: Die Firma lebt, aber der einstige Star des Neuen Marktes wird auf den Kern eines Mobilfunkproviders reduziert - so, wie es vor elf Jahren begann.

"Alles auf Anfang", sagt der film- und fernsehgebildete Thoma.

Der findet immer mehr Gefallen an seiner Treuhänderrolle, sie garantiert hohen Unterhaltungswert. Kaum hatten die Juristen eine Klausel für den Fall seines Ablebens in Paragrafen gepresst, tat sich ein neues, erregendes Problem auf.

Weil ihm ja nun der Großteil von Mobilcom überschrieben wurde, falle er unter das Übernahmegesetz, meldeten sich prompt die Wertpapieraufseher. Eigentlich, wieherten die Bürokraten, müsse er jetzt den anderen Aktionären ein Kaufangebot machen; es sei denn, er suche um eine Befreiung nach, und zwar innerhalb von sieben Tagen.

Gut, das hat er dann auch noch erledigt.

Anne Preissner/Dietmar Student

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Die Kurzgeschichte

1991: Gerhard Schmid gründet Mobilcom.

1997: Börsengang.

August 2000: Ersteigerung der UMTS-Lizenz.

Juni 2002: Entlassung Schmids.

September 2002: France Télécom stellt die Finanzierung ein; die Bundesregierung sagt Liquiditätshilfen zu.

November 2002: Schmid überträgt seine Aktien einem Treuhänder; France Télécom übernimmt rund sieben Milliarden Euro Schulden.

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