Frauenanteil "beschämend niedrig" Wandel in Vorständen verlangsamt sich

Der Frauenanteil in den Vorständen der börsennotierten Firmen steigt laut einer neuen Studie nur noch leicht. Im MDax und SDax hat sich das Verhältnis im zurückliegenden Jahr sogar verschlechtert.
Zweite CEO im Dax: Seit dem 1. Oktober 2022 ist Carla Kriwet Vorstandsvorsitzende bei Fresenius Medical Care

Zweite CEO im Dax: Seit dem 1. Oktober 2022 ist Carla Kriwet Vorstandsvorsitzende bei Fresenius Medical Care

Foto: PR

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Männlich, Mitte 50, Wirtschaftswissenschaftler, trägt den Namen Thomas: Das Klischee-Bild des Vorstandsvorsitzenden einer deutschen Börsenfirma wird auch in diesem Jahr von der gemeinnützigen Allbright Stiftung bestätigt. Nur der Name hat sich geändert: Während "die Zahl der Thomasse" in den Vorstanden insgesamt gestiegen sei, dominiert an der Spitze statt Thomas jetzt Christian als Name. Grundsätzlich, stellt die Stiftung fest, habe sich "der Thomas-Kreislauf" aber auch im vergangenen Jahr fortgesetzt.

Der Anteil der Frauen in den obersten Führungsgremien dagegen wächst nur noch langsam, bei kleineren Unternehmen hat sich das Verhältnis zuletzt sogar wieder verschlechtert. In einer Studie hat die deutsch-schwedische Stiftung, die sich für mehr Diversität in Führungsgremien einsetzt, den Frauenanteil in den 160 börsennotierten deutschen Unternehmen untersucht, Stichtag war der 1. September 2022. Neben 599 Männern zählte sie nur 99 Frauen, von denen 62 in ihrem Vorstandsteam sogar die einzige sind. Und mehr als die Hälfte der an der Frankfurter Börse notierten Unternehmen hat noch immer keine einzige Frau im Vorstand. Insgesamt, so die Erkenntnis, habe sich die Dynamik des Vorjahres beim Thema Diversität deutlich abgeschwächt.

Im Schneckentempo zur Geschlechterparität

Insgesamt sei der Frauenanteil in den Vorständen der börsennotierten Unternehmen nur leicht um 0,8 Prozentpunkte im Vergleich zum Vorjahr angestiegen. Am Stichtag lag er bei nur 14,2 Prozent. Ein "Modernisierungsschub, wie er dringend nötig ist für die deutsche Wirtschaft", sehe anders aus, so Wiebke Ankersen und Christian Berg, die beiden Geschäftsführer der Allbright Stiftung.

Der insgesamt gestiegene Anteil ist vor allem darauf zurückzuführen, dass in den Dax-Vorständen der Frauenanteil um 2,8 Prozentpunkte gewachsen ist – bei den 40 Konzernen im Leitindex werden inzwischen 20,2 Prozent der Posten von Frauen besetzt. Im internationalen Vergleich ist das zwar "beschämend niedrig", wie die Studie konstatiert. Aber zumindest scheint die öffentliche Debatte die Personalsuche zu beeinflussen. Bei den Dax-Konzernen wurden im vergangenen Jahr fast 40 Prozent der neu zu besetzenden Stellen mit Frauen besetzt, etwa mit Sandra Dembeck bei Zalando, Sirma Boshnakova bei der Allianz oder Nicola Lafrentz bei Beiersdorf.

Erstmals haben gleich drei Dax-Unternehmen ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Männern und Frauen im Vorstand erreicht: Continental, Siemens Healthineers und Fresenius Medical Care, das inzwischen mit Carla Kriwet (51) auch eine CEO an der Spitze hat. Beiersdorf, die Deutsche Telekom sowie Mercedes-Benz sind von einem ausgewogenen Frauenanteil in den Vorständen nur wenig entfernt. Dieser wird im Bericht so definiert, dass der Anteil der unterrepräsentierten Gruppe, also in diesem Fall die der Frauen, mindestens 40 Prozent beträgt. Es bestätige sich auch "der Trend, dass Top-Managerinnen bevorzugt Unternehmen wählen, in denen es schon Frauen im Vorstandsteam gibt", so die Studienautoren.

Probleme bei der Nachbesetzung von Vorständinnen bei MDax- und SDax-Unternehmen

In den kleineren SDax- und MDax-Unternehmen ist der Anteil der Frauen im vergangenen Jahr dagegen wieder gesunken. Hier ist nur jedes zehnte Vorstandsmitglied eine Frau. Im MDax liegt der Anteil bei 11,3 Prozent, im SDax bei 10,4 Prozent. Probleme haben die Unternehmen dabei nicht nur bei der Suche von neuen, sondern auch bei der Nachbesetzung von ausscheidenden Vorständinnen. 8 von 9 Frauen wurden laut Bericht durch Männer ersetzt.

Mit dem durchschnittlichen Tempo der letzten fünf Jahre würde es laut Bericht noch 26 Jahre dauern, bis ein Frauenanteil von 50 Prozent in den Vorständen aller börsennotierten Unternehmen erreicht ist. In den Aufsichtsräten, wo für viele der Unternehmen schon seit Jahren eine Quotenregel von 30 Prozent gilt, ist der Anteil der Frauen in den 160 börsennotierten Unternehmen im vergangenen Jahr leicht angestiegen: Er liegt jetzt bei 34,1 Prozent.

Auch unter den Dax-Konzernen offenbaren sich allerdings große Unterschiede: Die Allbright Stiftung fand zum Stichtag bei sieben Dax-Konzernen noch keine einzige Frau im Vorstand. Das waren: HelloFresh, Linde, MTU, Munich Re, Porsche Automobil Holding, Sartorius und Symrise.

Insgesamt stehen neun Unternehmen aus der 160er-Liste sogar auf einer "doppelt roten Liste". Sie sind nach wie vor rein männlich dominiert und haben weder in Vorstand noch in Aufsichtsrat eine Frau. Dazu zählen unter anderem HelloFresh und Varta.

Deutschland hinkt im internationalen Vergleich hinterher

Besonders deutlich werden die Probleme im internationalen Vergleich. Bezogen auf die Vorstände der jeweils 40 größten Börsenunternehmen in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Polen, Schweden und den USA, findet sich Deutschland auf dem vorletzten Platz hinter Polen.

Vor allem die USA stechen dabei heraus. "Das Bewusstsein für Chancengleichheit und Diversität ist in den USA bereits viel länger und fester verankert als in Deutschland", analysiert die Studie. "Obwohl die Erwerbsfrequenz bei den Frauen in den USA geringer ist als bei den Frauen in Deutschland, ist der Frauenanteil in den Führungspositionen deutlich höher, denn sie werden viel konsequenter für Führungspositionen ausgewählt."

Die Folge zeigt sich auch bei den Vornamen. Am häufigsten sitzen in den USA Männer mit den Namen John und Michael am Führungstisch. Aber schon der dritthäufigste Name ist ein weiblicher: Jennifer.

In Deutschland ist der häufigste Vorständinnenname Sabine, von der es inzwischen fünf gibt. Aber 21 Männernamen tauchen häufiger auf.

frm
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